Zwei Jahre Finanzkrise Wie die Welt aus den Fugen geriet

Zwei Jahre trennen uns nur vom Juni 2007, und doch ist ein Rückblick wie eine Zeitreise in eine Ära, als die Finanzkrise noch kaum wahrnehmbar war und alte Wachstumsträume blühten. Nach dem Kollaps zweier Hedgefonds von Bear Stearns war alles anders - und Bankchef James Cayne erlebte sein teuerstes Bridgeturnier.

New York, 29. Juni 2007. James Cayne bricht sein Schweigen. Der "New York Times" berichtet der Chef von Bear Stearns, einer der damals fünf großen Investmentbanken an der Wall Street, wie er das Fiasko zweier Hedgefonds aus seinem Haus sieht, das seit Tagen den Markt beschäftigt. 1,6 Milliarden Dollar Kredit will die Muttergesellschaft einem der Fonds gewähren, um dessen Kollaps zu verhindern. Der andere wird fallengelassen.

"Ich bin wütend", gibt Cayne zu Protokoll. "Wenn man mit dem Ruf des strengsten Risikoprüfers herumläuft und der zerstört wird, muss man sich schlecht fühlen. Ich nehme das persönlich." Die "Times" findet tröstende Worte. "Bear Stearns und Mr. Cayne haben andere Krisen überlebt", kommentiert ihr Autor Thomas Landon. Er irrt, weil er mit den Augen des Juni 2007 auf die Ereignisse blickt. Es ist die heile Welt der immer größeren Deals. Nur ein paar Kostproben aus der Atmosphäre jener Tage um Caynes Offenbarung:

Im ersten Halbjahr 2007 wurden weltweit Fusionen und Übernahmen im Rekordwert von 2,4 Billionen Dollar vereinbart, meldet der Datensammler Thomson Financial. "Alle Bedingungen für Übernahmen sind nahezu perfekt", sagt Thomson-Vizepräsident David Bernard. Die Konjunktur laufe gut, geliehenes Geld sei billig, der Konsolidierungsdruck hoch. Um den bislang größten Deal, die Übernahme der niederländischen Großbank ABN Amro durch die Konkurrenten Royal Bank of Scotland , Fortis  und Santander  für 70 Milliarden Euro, wird zu der Zeit noch gerungen.

Am 22. Juni notieren Aktien des Finanzinvestors Blackstone  erstmals an der New Yorker Börse. Mit einem Volumen von gut 400 Milliarden Dollar ist es der größte Börsengang an der Wall Street seit fünf Jahren.

Die Deutsche Bank  hebt Ende Juni ihre Prognose für den Aktienmarkt an. Der deutsche Leitindex Dax , der noch knapp unter 8000 Punkten notiert, werde innerhalb eines Jahres auf 9000 Zähler steigen, sagt Klaus Martini voraus, damals Chefanlagestratege für das Privatkundengeschäft. Er empfehle nach wie vor risikoreiche Anlagen. Die Rally sei, anders als die vorangegangene Spekulationswelle am Neuen Markt, solide fundiert. "Diesmal ist wirklich alles anders", sagt Martini. Probleme einzelner Hedgefonds bedeuteten noch kein "starkes systemisches Risiko", weil die Banken die Risikokontrolle ausgeweitet hätten.

"Ich kann jedenfalls keinen Dominoeffekt erkennen"

"Ich kann jedenfalls keinen Dominoeffekt erkennen", sagt auch Manfred Weber, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der deutschen Banken, gegenüber dem "Handelsblatt". Es sehe so aus, "als würde der Markt die Schieflagen verkraften" - wie schon 2006 im Fall des kollabierten Hedgefonds Amaranth geschehen. Jedenfalls sei staatliche Regulierung abzulehnen.

Doch der Kollaps der 20 Milliarden Dollar schweren Hedgefonds von Bear Stearns stürzt diese Gewissheiten um. Für sich genommen, hat er tatsächlich nicht das Potenzial, die Welt zu erschüttern. Auch im Rückblick markiert er weder den Beginn noch den Höhepunkt der Finanzkrise. Doch er markiert den Punkt, an dem der bis dahin im Hintergrund ablaufende Dominoeffekt sichtbar wurde.

Die erste Stufe der Krise war gezündet - und weitere sollten folgen. Ein Blick ins Pressearchiv offenbart, wie sich die öffentliche Wahrnehmung der Krise von Eskalationsstufe zu Eskalationsstufe verschob. Er offenbart auch einen Lernprozess, der nur mit einiger Verzögerung ablief. Auch manager-magazin.de erklärt erst zur Jahresmitte 2007 - nach früheren Warntexten zu einzelnen Aspekten der Krise - die großen Zusammenhänge.

Das Wort "Subprime", das sich bis zu jenem Juni nur in Fachartikeln fand, taucht im zweiten Halbjahr 2007 schon in 5485 Artikeln auf. Das Codewort der Hypothekenbanken für schlechte Schuldner wird später von der "American Dialect Society" zum "Wort des Jahres" gewählt. Das staunende Publikum lernt neue Vokabeln wie ABS, CDO, SIV - all die Vehikel, mit deren Hilfe sich Banken weltweit mit Risiken aus dem amerikanischen und anderen Kreditmärkten vollgesaugt haben.

In der ersten Hälfte des Jahres 2008 ist klar, dass "Subprime" nur für einen kleinen Teil des Schadens verantwortlich ist. Nun wird häufiger allgemein von einer "Finanzkrise" gesprochen, den vorläufigen Höhepunkt erreicht dieser Begriff mit 36.293 Nennungen im zweiten Halbjahr 2008 - im Zeichen von Lehman-Pleite und Rettungspaketen.

Anfang dieses Jahres schließlich zieht die "Wirtschaftskrise" mit bis dato 31.117 Artikeln an die Spitze, weil die Sorge um Industrie- und Dienstleistungsfirmen, um Jobs und Gehälter nach vorn tritt. Auch die Bezeichnung "Weltwirtschaftskrise" ist inzwischen gängig - und immer seltener ist damit die historische Depression der 30er Jahre gemeint. Von Bear Stearns und Mr. Cayne dagegen ist kaum noch die Rede. Die stolze Investmentbank existiert nicht mehr, ihr langjähriger Chef ist in Rente.

Die Vorgeschichte: Vom Erfolg verwöhnt

  • Im März 2003 gründet Bear Stearns den Hedgefonds "High-Grade Structured Credit Strategies Fund", der vor allem Derivate auf Subprime-Hypotheken kauft - so sicher wie Staatsanleihen, heißt es, aber mit hoher Rendite.
  • Im August 2006 hat der Bear-Stearns-Fonds bereits mehr als 36 Prozent Rendite abgeworfen. Bear Stearns gründet einen Ableger, den "High-Grade Structured Credit Strategies Enhanced Leverage Fund", der mehr Fremdkapital aufnehmen und dadurch eine noch höhere Rendite erzielen soll.
  • Zugleich überschreiten die Immobilienpreise in den größten amerikanischen Städten ihren Höhepunkt. Die Blase der Spekulation auf immer größere Vermögenswerte platzt. Zuerst trifft es die überschuldeten Hausbesitzer, die sich eine Refinanzierung ihrer Kredite nicht mehr leisten können - und die Investoren, die Gläubigerrechte auf solche Kredite gekauft haben.

  • Im Februar 2007 fällt der ABX-Index, der den Wert von Subprime-Krediten misst, mit 63 von 100 Punkten auf ein Zwischentief. In Kalifornien geht New Century, die zweitgrößte auf Subprime spezialisierte private Hypothekenbank, pleite. Die Kreditpapiere im Enhanced-Fonds verlieren 14,4 Prozent an Wert. Als Risikopuffer eingegangene Wetten auf einen fallenden ABX bringen zugleich ein Plus von 13,5 Prozent.
  • Aus dem März sind interne Briefwechsel von Ralph Cioffi und Matthew Tannin, den Managern der Bear-Stearns-Hedgefonds, überliefert. "Die Entwicklung unserer Hedgefonds bereitet mir Magenschmerzen", heißt es darin laut "Wall Street Journal", und "Ich habe Angst vor diesen Märkten". Laut Gerichtsakten ziehen sie eigenes Geld aus den Fonds ab.
  • Im April erholt sich der ABX wieder. Einige Hedgefonds, die nur auf fallende Werte der Hypothekenpapiere gesetzt haben, werfen Bear Stearns in Briefen an die internationale Derivateorganisation ISDA vor, Subprime-Kreditpapiere aufzukaufen und so den Markt zu manipulieren. Wortführer ist John Paulson, ein früherer Bear-Stearns-Manager. Seine Short-only-Strategie zahlt sich später aus. Laut dem Branchenmagazin "Alpha" streicht er im Jahr 2007 mit 3,7 Milliarden Dollar die größte Summe aller Hedgefondsmanager ein.
  • Zugleich belastet der steigende ABX auch die Fonds von Bear Stearns. Die Hypothekenpapiere verlieren weiterhin Wert, zugleich fällt die Gegenwette aus. Der Enhanced-Fonds steht Ende April 23 Prozent tiefer als zu Jahresbeginn.
  • Anfang Juni kursieren an der Wall Street Gerüchte, dass die Fonds Schwierigkeiten haben, Nachschussforderungen (Margin Calls) der Gläubigerbanken nachzukommen.
  • Am 14. Juni lädt Cioffi Vertreter der Gläubiger zu einer Statuskonferenz und fordert ein Aussetzen der Margin Calls für 60 Tage sowie die Rückgabe beschlagnahmter Sicherheiten. Es kommt zum Eklat. Risikochef John Hogan von J. P. Morgan  fordert, dass Bear Stearns mit eigenem Geld einspringt. Die Bank lehnt das ab. Zugleich meldet Bear Stearns, dass das Gesamtergebnis der Bank im zweiten Quartal wegen der Hypothekenkrise um ein Drittel geschrumpft sei. Auch der große Wettbewerber Goldman Sachs  überrascht negativ mit geringeren Umsätzen.
  • Am 18. Juni verspricht Cioffi in einem zweiten Treffen, Bear Stearns werde 500 Millionen Dollar Eigenkapital in den Fonds nachschießen und mit Hilfe von Barclays einen Kredit über 1,5 Milliarden Dollar gewähren. Im Gegenzug sollten die Gläubiger auf den Verkauf von Sicherheiten verzichten und ein Moratorium auf Margin Calls, nun von zwölf Monaten Dauer, akzeptieren. Große Gläubiger wie Merrill Lynch und J. P. Morgan lehnen den Rettungsplan ab und beginnen daraufhin mit Auktionen von Papieren aus den Sicherheiten des Fonds, teils mit 50 Prozent Wertverlust.
  • Am 22. Juni gesteht Bear Stearns zu, beiden Fonds je 1,6 Milliarden Dollar zu leihen.
  • Am 26. Juni greift Bear-Stearns-Chef Jimmy Cayne, der die turbulenten Wochen zum Teil auf einem Bridge-Turnier in Nashville verbracht hat, ein. Die Hilfe für den Enhanced-Fonds wird gestrichen.

Die Nachgeschichte: Das Ende der Big Five

  • Am 17. Juli erklärt Bear Stearns beide Hedgefonds für "praktisch wertlos". Das Kapital des Enhanced-Fonds sei aufgezehrt, der ältere habe 91 Prozent an Wert verloren. Derweil platzen etliche Deals am Kreditmarkt, mehrere Großbanken melden ähnliche Probleme mit Subprime-Investments.

  • Im August melden beide Fonds auf den Cayman-Inseln Insolvenz an.
  • Am 8. Januar 2008 beruft Bear Stearns Alan Schwartz, den Chef der Investmentsparte und bisherigen Präsidenten, als neuen Chef. Cayne wechselt aus dem operativen Geschäft ins Direktorium.
  • Bear Stearns verschwindet im März 2008 vom Markt, nachdem die Bank keinen Kredit mehr von anderen Banken bekommt. Angeblich kursieren an der Wall Street Warnungen, sich wegen des Insolvenzrisikos nicht mit Bear einzulassen. Insider erinnern an die Krise des Hedgefonds Long Term Capital Management 1998, als Bear Stearns als einzige Wall-Street-Bank eine Beteiligung an einer milliardenschweren Hilfsaktion verweigerte und Cayne dafür beinahe Prügel des damaligen Merrill-Lynch-Chefs David Komansky kassierte. Die Notenbank Federal Reserve von New York fädelt einen Notverkauf an J. P. Morgan Chase ein und gibt dafür einen Milliardenkredit. Der Kaufpreis wird zunächst auf zwei Dollar je Aktie festgelegt, dann aber auf zehn Dollar hochgehandelt. Cayne spielt während der Verhandlungen auf der Bridge-Meisterschaft in Detroit. Anschließend verkauft er sein gesamtes Bear-Stearns-Aktienpaket, das einst eine Milliarde Dollar wert war, für gut 61 Millionen.
  • Am 19. Juni nimmt die Bundespolizei FBI die ehemaligen Hedgefondsmanager Ralph Cioffi und Matthew Tannin fest. Es ist Teil der Operation "Heimtückische Hypothek" gegen 400 Beschuldigte, die Anleger betrogen haben sollen.
  • Im September endet die Ära der unabhängigen, unregulierten Investmentbanken, die mit Bear Stearns noch die "Big Five" der Wall Street gebildet hatten. Lehman Brothers meldet Insolvenz an, Merrill Lynch wird von der Bank of America geschluckt. Morgan Stanley  und Goldman Sachs  nehmen den Status gewöhnlicher Geschäftsbanken an.
  • Der Prozess gegen Cioffi und Tannin soll im September 2009 beginnen. Das Verfahren wird erneut beleuchten, wie individuelle Fehler mit dem Versagen ganzer Märkte Hand in Hand gingen.

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