Bad Banks "Die Risiken sind nicht weg"

Die Diskussion um das geplante Bad-Bank-Modell kreist um die Frage der Bewertung. Groß ist die Furcht der Politik, der Staat könnte den Banken zu viel für ihre Kreditpapiere zahlen. Das läge durchaus in der Natur der Sache, meint Bewertungsexperte Frank Bollmann im Interview mit manager-magazin.de - man müsse es nur offenlegen.

mm.de: Herr Bollmann, Duff & Phelps hat in den USA die Staatshilfe für Banken bewertet. Was kam dabei heraus?

Bollmann: Wir haben für den US-Kongress das Troubled Asset Relief Program (Tarp) bewertet. Da kam heraus, dass die Regierung für jeden Dollar, den sie gegeben hat, nur einen Gegenwert von 66 Cent bekam.

mm.de: Sie hat also die Hälfte zu viel gezahlt. Wird das jetzt korrigiert, wenn erste Großbanken ihre Anteile zu Marktpreisen zurückkaufen?

Bollmann: Nein. Wenn eine Bank jetzt zu Marktpreisen zurückkauft, hat sie genau diesen Gewinn realisiert. Das würde nur dann korrigiert, wenn die Regierung zu Marktpreisen plus 50 Prozent Aufschlag verkaufen würde.

mm.de: War nicht gerade das Ziel der Aktion, den Banken aus der Not zu helfen und Abschreibungen zu vermeiden?

Bollmann: Absolut. Das ist und war politisch gewollt. Man muss es nur offenlegen. Genau vor diesem Hintergrund der Transparenz wurde unser Gutachten angefordert. Das ist auch eine Lehre für das deutsche Bad-Bank-Modell: Je transparenter man das macht, desto einfacher ist es zu erklären. Es wäre kontraproduktiv, Wertpapiere zu Nicht-Marktpreisen zu kaufen und das nicht offenzulegen. Man sollte Transparenz herstellen, sodass jeder die politische Wertung sehen kann, die dahintersteht.

mm.de: Demnach wäre beides möglich: Entweder man zahlt Marktpreise, zwingt die Banken so zu Abschreibungen und entsprechenden Eigenkapitalverlusten, oder man zahlt bewusst zu viel und muss es dann aber auch sagen.

Bollmann: Genau. Wenn ein Zuschuss politisch gewollt ist, kann man das über eine Prämie auf die Marktpreise regulieren, wobei in Deutschland ja gerade das Gegenteil diskutiert wird, nämlich Abschläge von Marktpreisen.

"Transfer zu Marktpreisen ist ein Nullsummenspiel"

mm.de: Was bringt denn ein Transfer zu Marktpreisen?

Bollmann: Das ist ökonomisch ein Nullsummenspiel für alle Beteiligten - vorausgesetzt, wir wissen, was der Marktpreis ist. Dann bekommt jeder den fairen Gegenwert zu dem, was er abgibt. Das Einzige, was hinzukommt, ist ein Vertrauenszuschuss für die Bank, weil sie diese Wertpapiere aus ihrer Bilanz in jemand anderes Bilanz übergelagert hat. Der lässt sich nicht quantifizieren. Ob das Bad-Bank-Modell zum Erfolgshit wird, liegt natürlich daran, ob es den Banken wert ist, öffentlich zu erklären, dass sie diesen Vertrauenszuschuss brauchen.

mm.de: Damit brandmarken sich die Banken also selbst als Versager am Markt.

Bollmann: So krass hätte ich das nicht formuliert. Sie sagen, es gibt einen Vertrauensabschlag, den wir so nicht verdient haben, und deshalb versuchen wir auf diesem Weg, das Vertrauen wiederherzustellen.

mm.de: Im Moment sieht es ja nicht so aus, als bräuchten die meisten Banken zusätzliches Vertrauen, weil die Stimmung am Kapitalmarkt sich verbessert hat. Kommen die Bad Banks zu spät?

Bollmann: Es ist sicherlich sinnvoll, dieses Instrument anzubieten. Ob es Abnehmer gibt, wird erst die Zukunft erweisen. Zu spät wäre es nur, wenn wir schon massive Bankpleiten erlebt hätten. Das ist zum Glück bisher ausgeblieben, also ist das Kind noch nicht in den Brunnen gefallen.

mm.de: Ist das nicht anderen staatlichen Hilfen zu verdanken, die womöglich dazu geführt haben, dass die Bad Bank unnötig wird?

Bollmann: Das kann durchaus sein. Aber auch da vertraue ich in einem gewissen Maße auf den Markt. Wenn die Regierung diese Tür öffnet, dann ist es der Marktdynamik geschuldet, ob die Institute durchgehen oder nicht. Wenn es Bedarf gibt, gut, wenn nicht, fast noch besser.

mm.de: Wenn man die andere Variante wählt, bewusstes Überzahlen statt Kauf zu Marktpreisen, wie ist das den Steuerzahlern zu vermitteln?

Bollmann: Schwierig. Dann muss man sich die Frage gefallen lassen, wieso man in so einer Situation, wo es anscheinend den meisten Kreditinstituten besser geht und Konjunkturindikatoren nach oben zeigen, noch Steuergeld für so etwas einsetzt.

"In die Bewertung fließt immer eine subjektive Haltung ein"

mm.de: In den USA ist damit argumentiert worden, dass man auf eine Erholung der Marktpreise hofft. Die gäben nicht den wahren Wert der Kreditpapiere wieder. Was sagen Sie dazu?

Bollmann: Das ist genau der Knackpunkt in der Bewertung. Das Ganze krankt im Moment daran, dass es für viele dieser Wertpapiere keine beobachtbaren, verlässlichen Marktpreise gibt. Wenn es die gäbe, gäbe es einen liquiden Markt und dann könnte ich die Dinger auch an jede andere Bank verkaufen und bräuchte dazu keine Bad Bank, die gezwungen ist, sie aufzunehmen.

mm.de: Einen Markt gibt es aber schon, es finden sich immer Käufer für diese Papiere - nur vielleicht nicht zu Preisen, die Banken auf der Verkäuferseite gern hätten.

Bollmann: Das ist richtig. Um den Wert zu finden, muss man sich für jedes dieser Wertpapiere dezidiert Gedanken machen, wie die erwarteten Zahlungsströme und Ausfallrisiken der zugrunde liegenden Papiere in der Zukunft aussehen. Die grundsätzlichen Methoden der Bewertung sind bekannt und geläufig, das Problem liegt in der Bewältigung der Datenmenge und in der Handhabung der reinen modelltheoretischen Abbildung.

mm.de: Vor allem enthalten diese Modelle zwingend Erwartungen, die man so oder so sehen kann. Lässt sich das irgendwie objektivieren?

Bollmann: Man gibt sich natürlich Mühe, das so weit wie möglich zu objektivieren. Aber Sicherheit lässt sich natürlich nicht herstellen, das ist das Problem mit künftigen Erwartungen. Da fließt immer eine gewisse subjektive Haltung mit ein, die man natürlich versucht, so gut wie möglich zu verproben und mit anderen Informationen zu hinterlegen.

mm.de: Gibt es Beispiele, wo für eine Bad Bank der richtige Wert angesetzt wurde, sodass am Ende alle Interessen befriedigt wurden?

Bollmann: Alle Interessen zu befriedigen, wird nie gelingen. Am Ende ist die Bad Bank erfolgreich, nach deren Einführung das Kapitalmarktsystem wieder funktioniert hat.

"Bilanzierung nach Anschaffungskosten wäre ein Rückschritt"

mm.de: Derzeit setzen immer mehr Banken auf interne Bad Banks, Beispiele sind die Commerzbank (Kurswerte anzeigen) oder die WestLB. Die Eigentümer behalten die Risiken, müssen aber nicht mehr in der eigenen Bilanz abschreiben und sich mit der Bewertungsfrage herumschlagen. Könnte das eine Lösung sein?

Bollmann: Wenn ich ein Tochterunternehmen gründe und da Wertpapiere einlege, habe ich zwar die Papiere nicht mehr auf meiner Bilanz, muss aber den Beteiligungswert des Tochterunternehmens zeigen. Und der ist gleich der Summe der Werte der eingelegten Papiere.

mm.de: Aber vielleicht entgeht man dem Zwang zur Marktpreisbewertung und damit Abschreibungen, indem man die Papiere in die Abbaubank bringt und bis zur Fälligkeit hält?

Bollmann: Ja, allerdings muss man sich klar sein, dass man die Risiken trotzdem noch trägt. Die Risiken sind nicht weg, man zeigt sie nur nicht mehr in der Gewinn- und Verlustrechnung durch Schwankungen im Marktwert. Ich bin ein eindeutiger Transparenzbefürworter. Aus meiner Sicht ist das dementsprechend keine wirkliche Alternative.

mm.de: Es hat in den vergangenen Monaten eine Reihe von Erleichterungen bei der Bilanzierung gegeben. Wie sehen Sie das?

Bollmann: Mit Sorge. Der Effekt ist, dass man die Dinge nicht so in der Bilanz zeigt, wie sie sich im wirklichen Leben abspielen. Deswegen finde ich den Fair-Value-Gedanken zweckdienlich. Auch nach Fair Value kann man Volatilitäten durch Modellbewertung abpuffern. Wenn die Märkte im Moment nicht geeignet sind, mir einen Preis zu nennen, muss ich sie simulieren. Aber wenn ich das richtig mache, bilden auch die Modelle den vollen Effekt der Krise mit Ausfallwahrscheinlichkeiten und so weiter ab.

mm.de: Der Fair Value hilft Aktionären und Gläubigern, den wahren Wert des Unternehmens zu erkennen. Aber könnte er sich für sie nicht auch negativ auswirken, wenn infolge von Bewertungsabschlägen das Unternehmen pleitegeht?

Bollmann: Ja. Nur könnte es sich auch sehr negativ auswirken, wenn ein Unternehmen, das eigentlich pleitegehen sollte, nicht pleitegeht, weil es bilanziell noch über Wasser gehalten wird. Genau dafür gibt es Rechnungslegung, um die Finanz- und Ertragslage des Unternehmens realistisch darzustellen. In der Krise bläst der Wind aus einer anderen Richtung. Manche wollen zurück zur Bilanzierung nach Anschaffungskosten. Aber ich glaube, das wäre ein Rückschritt, den wir nicht vollziehen sollten.

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