Mister-X-Kolumne Und sie tanzen wieder den Tango Korrupti

Wer intern gegen mögliche Verfehlungen der Mitarbeiter ermittelt, sieht sich schnell mit dem Vorwurf von Stasi-Methoden konfrontiert. Dabei ist dieser Weg heute oft zweifellos sinnvoll. Wie die Diskussion um Spitzelaffären die Korruption erleichtert.
Von Martin W. Brock

Deutsche Bahn, Telekom, Deutsche Bank, alle haben sie inzwischen ihre Spitzelaffäre, was auch immer sich hinter diesem plakativen Begriff im Einzelnen verbergen mag.

Und immer geht es dabei um Köpfe: Um die, die schon gerollt sind, und um diejenigen, die noch aus der Schlinge schlüpfen wollen. Aber es gibt noch eine dritte Sorte Köpfe, und der geht es nun wieder besser: Sie kann sich nun wieder zunehmend ungestört damit beschäftigen, mit der alltäglichen Korruption etwas auf die Seite zu legen. Denn welcher Vorstand wird heute noch interne Nachforschungen anstellen lassen, wenn ihm über einen vagen Korruptionsverdacht berichtet wird.

Keine Leiche am Tatort

Das ist nun mal das Kreuz mit der Korruption, hier gibt es niemanden, der mit einem Messer im Rücken in einer Blutlache liegt, ebenso wenig einen aufgebrochenen Safe, aus dem Geld verschwunden ist, hier gibt es meist nicht einmal Zeugen, sondern nur Mittäter. Nur sehr selten bemerkt die betroffene Firma, was abläuft. Was es dagegen häufig gibt, sind Verdachtsmomente, und die Diskussion, ob schon der für behördliche Ermittlungen notwendige sogenannte Anfangsverdacht vorliegt.

Ein Mitarbeiter hört, dass die Frau eines Kollegen, der für die Auftragsvergabe zuständig ist, eine Werbeagentur hat, die nun plötzlich hohe Umsätze haben soll. Oder es tauchen Gerüchte auf, dass der Verantwortliche für die Auswahl neuer Standorte einer Ladenkette nur gegen 10 Prozent Provision von Immobilieneigentümern aktiv wird. Oder die Ex-Frau eines Angestellten meldet sich und will erfahren haben, dass ihr Ex für die neue Geliebte über ein Scheingeschäft einen netten Nebenverdienst zulasten seiner Firma organisiert hat.

So oder ähnlich sehen sie meist aus, die Anfänge von Korruptionsaffären. Und eines haben sie alle gemeinsam: Kein Zeuge will offen aussagen, was auch kein Wunder ist, handelt es sich bei den Verdächtigten doch in der Regel um Kollegen, zum Teil sogar Vorgesetzte, mit denen man weiter zusammenarbeiten muss, wenn sich der Verdacht nicht bestätigt.

Interne Vorermittlungen

Daher hatte sich in den Unternehmen die Praxis eingespielt, vor einer polizeilichen Anzeige zuerst mit internen Ermittlungen dem Verdacht nachzugehen, teils auch mithilfe externer Spezialisten. So konnten auf (durchaus legalem) Weg persönlich motivierte und haltlose Verunglimpfungen von tatsächlichen Straftaten getrennt werden.

Wer heute diesen zweifellos sinnvollen Weg geht, läuft Gefahr, sich schnell mit dem lautstarken Vorwurf von Stasi-Methoden und einer neuen Spitzelaffäre konfrontiert zu sehen. Ermittelt denn da nicht die Polizei, mag sich der durch Fernsehkrimis geschulte Leser fragen?

Kein Fall für den Staatsanwalt

Nehmen wir das Beispiel mit der Werbeagentur der Ehefrau, die plötzlich hohe Umsätze verzeichnet, möglicherweise dank Aufträgen, die ihr korrupter Mann an bestimmte Kunden erteilt hat.

"Mehr Hinweise auf eine Straftat haben Sie nicht," wird der Polizeibeamte dem enttäuschten Geschäftsführer erwidern, der sich schweren Herzens zu einer Anzeige durchgerungen hat. Oder, "ich kann das schon mal aufschreiben und an die Staatsanwaltschaft schicken," falls dem Beamten nichts Besseres für die Zeit bis zu seinem Dienstende einfällt.

Kein Fall für den Staatsanwalt

Der Inhalt des Antwortschreibens der Staatsanwaltschaft bedarf hier keiner großen Erläuterung, er besteht nur aus drei Zeilen, den juristisch notwendigen "Anfangsverdacht" für die Einleitung behördlicher Ermittlungen wird hier so gut wie kein Staatsanwalt erkennen können. Nun ist der Geschäftsführer wieder am Anfang.

In seltenen Fällen kann es auch passieren, dass der Vorgang bei einem Staatsanwalt landet, dessen Korruptionsbekämpferblick gerade bei einem Lehrgang geschärft worden ist und der nun seine erste große Bewährungsprobe kommen sieht. Er wird dann mit einem Dutzend Polizeibeamten die Büros der Firma durchsuchen, Computer beschlagnahmen, den Verdächtigen mit den Vorwürfen konfrontieren und dabei meist auch den Hinweisgeber nennen. Dann wird es wieder ruhig, denn der Staatsanwalt zieht sich nun für mehrere Monate zum Aktenstudium zurück.

Zurück bleibt derweil eine Firma, in der die Gerüchteküche brodelt und die Kommentare von "das hätte ich dem nie zugetraut" bis "die wollten den absägen, jetzt haben sie diese Geschichte konstruiert" reichen. Wohl der Firma, wenn die Staatsanwaltschaft am Ende einen Beweis für Korruption findet.

Trennung mit Abfindung

Weniger erfreulich, wenn sich die Anschuldigung als haltlos erweist: Sätze wie "so etwas haben Sie mir zugetraut" prägen dann die Gespräche zwischen dem beschuldigten Mitarbeiter und seinem Chef. Meist trennt man sich dann mit einem Aufhebungsvertrag und einer ordentlichen Abfindung, weil alle einsehen, dass hier keine sinnvolle Zusammenarbeit mehr möglich ist.

Ein Geschäftsführer, der vor Kurzem so einen Fall erlebte, meinte: "Solange in Zukunft nicht einer mit einem Aktenordner voll Beweisen bei mir vor dem Schreibtisch steht, werde ich mir so etwas nicht mehr antun." Und darum tanzen sie in Deutschland nun wieder mehr denn je den Tango Korrupti.

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