Samstag, 7. Dezember 2019

Finanzsektor "Die Welt ist süchtig nach Schulden"

Die Welt steckt mitten in einer tiefen Rezession, Konjunkturprognosen werden am laufenden Band nach unten korrigiert. Banken können sich trotzdem nicht entschließen, toxische Papiere konsequent abzuschreiben oder in Entlastungsbanken zu übertragen. Stattdessen streichen sie an der Börse dicke Gewinne ein.

Hamburg - Seit die Weltwirtschaft im Oktober 2008 gegen einen Eisberg gefahren ist, haben sich Aktienmärkte und viele Banken bemerkenswert gut erholt. Zwar schwammen beide eine Zeit lang hilflos im kalten Wasser, wurden aber schnell von den Regierungen in die Boote geholt.

Die Spitze des Eisbergs: Ein Drittel über, zwei Drittel unter dem Wasser
"Nur den gigantischen Rettungsaktionen, die zulasten der Steuerzahler gehen, ist es zu verdanken, dass es bis auf Weiteres keinen finanziellen Supergau gegeben hat", schreibt Sony Kapoor in einem Gastbeitrag für die "Süddeutsche Zeitung". Kapoor war Investmentbanker bei Lehman Brothers, heute ist er Geschäftsführer der Denkfabrik Re-Define und berät Weltbank, UN und Oxfam. Er moniert, dass der Finanzsektor so schnell wieder zurück zum Tagesgeschäft übergehe.

In der Tat: Trotz der Korrekturen in dieser Woche pendelt der Dax Börsen-Chart zeigen um die 5000-Marke, der Nikkei Börsen-Chart zeigen ließ gar die Marke von 10.000 Zählern hinter sich. Weltweit legten die Indizes seit März zwischen 40 und 70 Prozent zu.

Und auch viele Banken überraschten mit guten Geschäftszahlen - die mehrheitlich Erträgen im Investmentgeschäft zu verdanken waren. Insbesondere der Handel mit Anleihen lohnte sich - was unter anderem daran lag, dass Staaten die Bankenrettungspakete über die Ausgabe von Anleihen finanzierten. Und daran, dass Unternehmen der zurückhaltenden Kreditvergabe mit der Emission von Bonds begegneten. Zeitweise gab es für kurz laufende Papiere höhere Zinsen als für lang laufende. Zudem verdienen die Banken, die im Auftrag der Unternehmen deren Anleihen platzieren.

Skeptikern fehlt der Nachweis, dass es sich um eine nachhaltige Verbesserung handelt. Sie bekommen Unterstützung von diversen Institutionen. Die Europäische Zentralbank (EZB) und der Internationale Währungsfonds (IWF) gehen beispielsweise davon aus, dass Kreditinstitute noch 200 bis 300 Milliarden Euro an toxischen Papieren abschreiben müssen. Bankenvorstände hingegen kündigen bereits wieder Eigenkapitalrenditen wie vor Ausbruch der Krise an.

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