Forsche US-Banken "Lieber Timmy ..."

Mit Hohn und Spott für den Finanzminister verabschieden sich erste Großbanken in Amerika vom Staat als Aktionär. Herrscht jetzt wieder business as usual, kann die Industrie auf eigenen Beinen stehen? Mancher Bankchef dürfte sich zu früh freuen.

Hamburg - Sein gewinnendes, leicht verschmitztes Lächeln ist das Markenzeichen von Jamie Dimon. Er ist das heitere Gesicht der Wall Street. Der Mann an der Spitze von J. P. Morgan Chase  sonnt sich im Erfolg. 2008, für die meisten Kollegen als einzige Katastrophe in Erinnerung, "war möglicherweise unser bestes Jahr", verkündete Dimon fröhlich auf der Hauptversammlung Ende Mai.

Kein Wunder, der Finanzriese verbuchte trotz der Krise einen Milliardengewinn und griff mithilfe der Regierung gleich zweimal zu, als andere große Banken aus Not zu Schnäppchenpreisen verschleudert wurden: bei der Investmentbank Bear Stearns im März und bei der Sparkasse Washington Mutual im September.

Für die Regierung ist Dimon der Vorzeigebanker. Es gebe "viele Banken, die ziemlich gut geführt sind", sagte jüngst Präsident Barack Obama, "und J. P. Morgan ist dafür ein gutes Beispiel". Dieses Lob wird jedoch nicht erwidert. Seit Monaten beschwert sich Dimon lauthals über die Regierung und die im Oktober allen großen Banken aufgezwungene Staatshilfe. Die habe man nur angenommen, ließ er wissen, damit andere nicht als Versager abgestempelt und vom Markt abgestraft würden.

Anfang Juni scherzte Dimon öffentlich über einen Brief, den er Finanzminister Timothy Geithner schreiben wolle: "Lieber Timmy, wir sind froh, Ihnen die 25 Milliarden Dollar zurückzahlen zu können, die Sie uns geliehen haben ... Wir hoffen, Sie haben diese Erfahrung genauso genossen wie wir."

"Ermutigendes Zeichen der finanziellen Reparatur"

Nun hat der "liebe Timmy" geantwortet. Und tatsächlich darf Dimon das ungeliebte Geld, das mit staatlichen Auflagen wie einer Obergrenze für Managergehälter verbunden ist, zurückzahlen, zusammen mit neun anderen Großbanken. Die Investmenthäuser Goldman Sachs  und Morgan Stanley  sind dabei, auch der Kreditkartenanbieter American Express , aber nicht J. P. Morgans direkte Wettbewerber, die großen Universalbanken Citigroup , Bank of America  und Wells Fargo .

So trennt sich die Spreu vom Weizen - zumindest hätte Jamie Dimon sicher nichts gegen diese Interpretation. Die Regierung ihrerseits lässt zwar die Zügel bei einigen Banken locker, kann dafür aber erste Erfolge bei der Stabilisierung des Finanzsystems präsentieren. "Diese Rückzahlungen sind ein ermutigendes Zeichen der finanziellen Reparatur", sagte Geithner, "doch wir haben noch viel zu tun".

Das Finanzministerium rechne mit 68 Milliarden Dollar Rückfluss - Geld, das dringend gebraucht wird, denn der 750-Milliarden-Dollar-Topf des Bankenrettungsfonds Tarp ist fast leer. Immer mehr kleine Institute straucheln (bisher hat sich der Staat an gut 600 Banken beteiligt, wöchentlich kommen neue dazu) und auch für branchenfremde Rettungsaktionen wie zuletzt die 30 Milliarden Dollar für den insolventen Autokonzern General Motors  muss der Bankenfonds herhalten.

Da trifft es sich gut, wenn einige der größten Institute vorzeitig als geheilt entlassen werden können. Es ist der nächste Beleg für die Story, dass Obamas Team die Wende schafft. Diejenigen Großbanken, denen die Bankenaufsicht im amtlichen Stresstest im Mai noch zusätzlichen Kapitalbedarf bescheinigte, haben inzwischen 90 Milliarden Dollar aus privaten Quellen aufgebracht - entweder über Aktien, Anleihen ohne Staatsgarantie oder Verkauf von Geschäftsteilen. Wer Tarp-Geld zurückzahlen will, muss mit weiteren Aktienemissionen beweisen, dass der Markt ihm vertraut und die Staatshilfe wirklich nicht nötig ist. J. P. Morgan will so fünf Milliarden Dollar einwerben.

"Das gesamte Bankensystem hat versagt"

Für die Steuerzahler drohe keine Gefahr, signalisiert Geithner. Der Staat habe bereits 4,5 Milliarden Dollar an Dividende auf seine Vorzugsaktien eingestrichen. Die mit der Beteiligung erworbenen Bezugsrechte für stimmberechtigte Stammaktien wolle er sich zum Marktwert von den Banken zurückkaufen lassen, was einen Gewinn auf das achtmonatige Investment verspreche.

Darüber hinaus scheint auch die staatliche Bad Bank nicht mehr ganz so dringend benötigt zu werden. Der Start der öffentlich-privaten Kooperation zum Aufkauf fauler Kredite und Wertpapiere wurde mehrmals verschoben. Das Finanzministerium präsentierte zwar mehr als 100 Partner, die sich mit privatem Geld an dem Abenteuer beteiligen wollen. Doch es mangelt an Verkäufern. J. P. Morgan etwa erklärt, man habe auch diese Art der Bilanzbereinigung gar nicht nötig.

Bei aller Freude darüber, dass einige Banken vom Tropf genommen werden können - das Londoner Wirtschaftsmagazin "The Economist" wittert in den Äußerungen von Dimon und manchen Kollegen "Revisionismus". Die erfolgreicheren Banken verleugneten ihren eigenen Anteil an der Finanzkrise, um künftigen stärkeren Kontrollen zu entgehen und im alten Stil weitermachen zu können. In Wahrheit seien auch diese Institute von Staatshilfe abhängig, wenn auch in indirekter Form.

Zentralbanken akzeptierten großzügig Sicherheiten für Kredite, kurzfristige Zinsen auf Rekordtief und implizite Staatsgarantien für Bankschulden erlaubten eine günstige Finanzierung, die Preise von Vermögenswerten würden durch Aufkäufe der Zentralbanken und lockere Bilanzregeln gestützt. Nicht zuletzt verhindere die Staatshilfe für schwache Banken, dass deren Ausfall als Geschäftspartner die starken belastet. "Das gesamte Bankensystem hat versagt, nicht nur einige wenige Firmen", resümiert der "Economist". "Das gesamte System muss jetzt in Ordnung gebracht werden."

"Wir empfehlen, noch mal von vorn anzufangen"

Gegen die Legende von der Rückkehr zur Normalität sprechen auch die infolge der Rezession steigenden Kreditausfälle. Die größten Probleme bereitet den Banken noch immer der Immobilienmarkt. Nach wie vor fallen die Häuserpreise im Rekordtempo, und immer mehr Hausbesitzer können ihre Kredite nicht mehr bedienen. Eine Zeitlang wurde das dadurch aufgefangen, dass Banken auf Zwangsvollstreckungen verzichteten.

Damit gewannen sie Zeit - die Familien konnten in ihren Häusern bleiben, die Banken mussten nicht sofort den Kreditausfall verbuchen und sich mit beschlagnahmten Immobilien herumschlagen. Doch die meisten dieser Moratorien sind inzwischen ausgelaufen, deshalb stiegen die Zwangsvollstreckungen auf monatlich über 300.000. Analyst John Sim von - ausgerechnet - J. P. Morgan schätzt, dass bis Mitte 2011 weitere 6,4 Millionen Häuser zwangsversteigert werden, was wiederum die Preise belastet.

Den Banken könnten noch größere Verluste und dementsprechend größerer Kapitalbedarf bevorstehen, als im Stresstest für den schlimmsten Fall angenommen wurde. Denn dieses Szenario hatten die Bankenaufseher im Februar konstruiert, bevor ihre Befürchtungen von der Wirklichkeit überholt wurden. Schon wird darüber diskutiert, nur einen Monat nach den Ergebnissen einen zweiten Stresstest anzugehen.

"Wir haben das Worst-Case-Szenario zur Arbeitslosigkeit schon übertroffen", sagte Harvard-Professorin Elizabeth Warren, die einem parlamentarischen Expertengremium zur Kontrolle der Bankenrettung vorsteht, dem Fernsehsender CNBC. Die Arbeitslosenquote erreichte im Mai 9,4 Prozent, Tendenz steigend. Als schlimmsten Fall hatten die Aufseher einen Jahresdurchschnitt von 8,9 Prozent angenommen. Höhere Arbeitslosigkeit bedeutet mehr zahlungsunfähige Kreditnehmer.

Warren kritisierte zudem, dass der Stresstest sich nur auf 2009 und 2010 bezieht. In den Folgejahren bis 2013 liefen aber erst die meisten Hypotheken auf Gewerbeimmobilien aus, deren Ausfallraten erst beginnen dramatisch anzusteigen, weil immer mehr Geschäfte und Büros leer stehen. Am Dienstag soll die von Warren geführte Kommission dem Parlament berichten. CNBC verriet sie schon das wichtigste Ergebnis: "Tatsächlich empfehlen wir, das Ganze noch mal von vorn anzufangen."

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