Mittwoch, 22. Mai 2019

US-Ökonom Freeman "Amerika wird eher wie Europa"

Haben die Manager kollektiv versagt? Amerikas Konzerne werden sich jedenfalls neu ordnen, prophezeit Harvard-Ökonom Richard Freeman im Interview mit manager-magazin.de. Jetzt schlage die Stunde der Gewerkschaften - allerdings nicht unbedingt bei General Motors und Chrysler, wo die Arbeitnehmer groß einsteigen.

mm.de: Professor Freeman, Gier ist das häufigste Schlagwort in der Debatte über die Ursachen der heutigen Krise. Was bedeutet das Wort im ökonomischen Sinn?

Richard B. Freeman ist Professor für Ökonomie an der Harvard University und einer der führenden Arbeitsmarktforscher der USA. Er leitet Forschungsprojekte am National Bureau of Economic Research und der London School of Economics.

Seine mehr als 300 Schriften behandeln Themen wie Gewerkschaften, Einkommensunterschiede, Migration, Handel und Arbeitsmarkt. 2007 erhielt er den Preis für Arbeitsökonomie des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA).

Am 23. Juni hält Freeman am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) einen Vortrag unter dem Titel "Economics of Greed and the US Brand of Capitalism".
Freeman: Ökonomen halten Gier meist für gut. Ihr Glaube ist, dass sie über den Wettbewerb zum Wohl der Gesellschaft wirkt, indem meine Gier und Ihre Gier sich ausgleichen. Das ist eine sinnvolle Sicht auf viele Formen ökonomischen Verhaltens, auch wenn es daneben natürlich selbstloses Verhalten gibt. Aber Unternehmen, vor allem der Finanzindustrie, scheinen zu 99 Prozent gierig zu sein.

mm.de: Führt das zu falschen Anreizen?

Freeman: Aktienoptionen, so glaubte man, bringen die Interessen der Manager mit denen der Aktionäre in Einklang. Die aktuelle Krise zeigt aber, dass Gier zu Betrug führt, wenn man jemandem Gelegenheit gibt, viel Geld zu verdienen, der zugleich das Buchungs- oder Berichtssystem beeinflussen oder sogar kontrollieren kann. Ökonomen waren sehr naiv. Wir haben wohl zu viel auf den Wettbewerb und auf so etwas wie ehrliche Gier vertraut.

mm.de: Es sind also andere Wege nötig, der Gier zu begegnen?

Freeman: Genau. Gäbe es nur kleine Banken, verteilt über viele kleine Finanzplätze, hätte die Gier der einen die der anderen aufgewogen. Aber wir hatten nur sechs oder acht große Banken in den USA, von denen einige inzwischen verschwunden sind. Es gab also keinen echten Wettbewerb.

mm.de: Sollte man die Banken aufteilen?

Freeman: Ich denke, ja. Keine Bank sollte so groß sein, dass die Regierung sie retten muss. Wenn man diese Institute nicht zurechtstutzen kann, müssen sie reguliert werden, um ihre Gier im Zaum zu halten. Das Problem dabei ist, dass sie, so geschwächt und gescheitert sie auch sein mögen, immer noch viel Geld haben und damit Politiker kaufen.

Sie sind an Regeln interessiert, die sie in Zukunft umgehen können. Solange sie viel Geld mit skrupellosem Verhalten verdienen können, werden sie das tun - es sei denn, wir schaffen starke Regulierung mit empfindlichen Strafen. Ich bin wohl zu sehr Ökonom, um an die andere Alternative zu glauben, dass wir sie mit Moral kriegen.

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