Bürgermeister Deutsche Bank soll Hertie helfen

Weil die Deutsche Bank für einen zentralen Kredit an Hertie verantwortlich ist, wollen mehr als 30 Bürgermeister den Deutschland-Chef des Geldhauses heute an den Verhandlungstisch rufen. Die Bank solle ihre Kontakte nutzen, um die Kaufhauskette doch noch mit Staatshilfe zu retten. Jetzt steckt die Politik in der Zwickmühle.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Am Nachmittag werden sie in Frankfurt am Main ankommen. Mit dem Zug, von überall her aus Deutschland. Werden sich ihren Weg bahnen durch das Bahnhofsviertel der Bankenstadt in das Herz der deutschen Finanzmetropole, bis auf den Vorplatz der Deutschen Bank . Denn mehr als 30 Bürgermeister kleinerer deutscher Gemeinden und Städte wollen das Geldhaus in die Pflicht nehmen, einen Rettungsversuch für das zentrale Kaufhaus ihrer Innenstädte zu unternehmen. Es geht um Hertie, um die letzte Chance für das Warenhaus und seine Verkäuferinnen und Verkäufer. Und es geht um Politik.

"Wenn der Bund plötzlich Milliarden Euro ausgibt, um Opel zu retten, oder Arcandor immer neue Chancen auf Rettungsbeihilfen eingeräumt hat, dann soll er das auch im gleichen Maße für Hertie machen. Die Deutsche Bank, die entscheidende Hertie-Kredite arrangiert hat, sehen wir zusätzlich in der Pflicht, zu helfen", sagt der Wesselinger Bürgermeister Günter Ditgens zu manager-magazin.de, der den Protestmarsch seiner Amtskollegen mitorganisiert hat. Und nach Informationen von manager-magazin.de wird einer der wichtigsten Manager der Deutschen Bank die Bürgermeisterdelegation empfangen: Deutschland-Chef Jürgen Fitschen.

Spätestens, wenn die Bilder der protestierenden Stadtoberhäupter zusammen mit dem Topmanager heute über die Fernsehschirme flimmern sollten, wird deutlich, in welcher Zwickmühle die deutsche Wirtschaftspolitik steckt: Plötzlich müssen Abgeordnete entscheiden, welche Bundesbürger ihren Arbeitsplatz behalten sollen und welche nicht - Daumen rauf, Daumen runter. Die Rettungsbeihilfe wird gewährt oder eben nicht. "Die jetzigen Gespräche in Berlin zeigen, dass der Staat bei Strukturentscheidung über Unternehmen überfordert ist", konstatiert dann auch Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln.

Tatsächlich ist - nach dem Woolworth-Desaster - die Lage der Hertie-Kaufhäuser noch dramatischer als die der Karstadt-Filialen. Während Karl-Gerhard Eick, der Chef der Karstadt-Mutter Arcandor , in Berlin mit seinen Banken und der Bundesregierung um das Überleben seiner Kaufhauskette ringen durfte, ist der ehemalige Konkurrent Hertie bereits pleite.

"Deshalb droht vielen unserer Gemeinden die Verödung der Innenstädte. Denn mit Hertie würde auch der Anker unserer Einkaufsstraßen versinken", sagt Wesselings Bürgermeister Ditgens. "Für viele deutsche Innenstädte wäre das tatsächlich eine Katastrophe. Vor allem den mittelgroßen Städten würden die Magnete ihrer Innenstädte verloren gehen", bestätigt Gerd Kühn vom Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin.

Die Chance auf eine große Wende im Hertie-Fall ist allerdings gering. Nicht zuletzt, weil auch die Hertie-Verhandlungsführer heillos zerstritten sind. Auf der einen Seite kämpft Insolvenzverwalter Biner Bähr, Anwalt der Düsseldorfer Kanzlei White & Case. Die Sozietät ist in der Branche bekannt, er selbst ist es auch. Seine Mannschaft hatte zuvor beispielsweise Europas größten Möbelhersteller Schieder so in Tranchen an Investoren verkaufen können, dass 9000 der ehemals 11.000 Schieder-Angestellten einen neuen Arbeitgeber bekamen. Bei Hertie wollte er es genauso versuchen.

Doch dieses Mal fand er keinen Investor, auf den sich die Beteiligten einigen konnten. Stattdessen geriet er in einen Abnutzungskampf mit dem Hertie-Eigentümer Dawnay Day, einem Londoner Finanzinvestor.

Zwist im Insolvenzverfahren

Der wollte von Bährs Rettungsversuchen wenig wissen, sie schienen ihm aussichtslos. Und so gingen die Londoner auch nicht auf Bährs Forderung ein, die Mieten für die Hertie-Häuser zu senken. Am Ende stand die Entscheidung der Gläubiger, das Insolvenzverfahren als gescheitert zu beenden. Noch heute allerdings ist der Zwist nicht beigelegt.

"Seit Kurzem vertritt Atisreal-Manager Christoph Meyer, der im Auftrag von Dawnay Day die Hertie-Immobilien veräußern soll, nunmehr meine Auffassung, wonach sich die übliche Miete für Warenhäuser auf 5 Prozent des Warenhausumsatzes beläuft. Gerade das wurde und wird ja immer von Dawnay Day bezweifelt. Wir hatten sogar mehrere Investoren für Hertie gefunden, die bereit waren, mehr als die von Herrn Meyer heute als angemessen bezeichnete Miete von 5 Prozent zu zahlen", sagt Bähr zu manager-magazin.de. Die zuletzt von Dawnay Day abgewiesene Investorengruppe habe knapp 7 Prozent Miete, gemessen am Umsatz, zahlen wollen. Dawnay Day selbst bestreitet bis heute, dass es überhaupt präsentable Investoren gegeben habe.

Experten zweifeln dann auch, dass sich Hertie-Angestellte heute neue Hoffnungen für ihr Warenhaus machen sollten - trotz des Verhandlungsversuchs der Oberbürgermeister bei der Deutschen Bank. Zwar habe das bedeutendste deutsche Geldhaus den entscheidenden Kredit an Hertie bei anderen Banken arrangiert. Das Institut habe sich aber nicht mit eigenem Geld engagiert, es trete quasi nur als Treuhänder für die übrigen Gläubiger auf. Kreditstundungen, wie sie jetzt Arcandor-Chef Eick von seinen Banken forderte, könnte die Deutsche Bank also gar nicht gewähren.

Neueröffnung des Insolvenzverfahrens möglich

"Aber die Deutsche Bank kann mit ihren nationalen und internationalen Kontakten vielleicht behilflich sein. Und dann müsste der Bund eben auch bei uns mit Kredithilfen einsteigen. Was Karstadt-Angestellten angeboten wird, soll unseren Hertie-Verkäuferinnen genauso zustehen. Und in unserem Fall geht es sogar noch zusätzlich um schützenswerte Infrastruktur - das Leben unserer Innenstädte", hält der Wesselinger Bürgermeister Ditgens dagegen.

Formal möglich wäre ein neuer Rettungsversuch für Hertie zumindest, glauben Experten. "Zwar hat die Hertie-Gläubigerversammlung beschlossen, den Betrieb zu schließen. Eine neu einberufene Versammlung könnte allerdings durchaus entscheiden, die Kaufhaustüren wieder zu öffnen. Das wäre sicher ungewöhnlich, vielleicht auch in der Insolvenzordnung so nicht ausdrücklich vorgesehen. Aber es ist nicht ausgeschlossen", sagt Thomas Illy zu manager-magazin.de, Partner der Frankfurter Insolvenzspezialisten Thierhoff Illy & Partner. Der Haken dabei: Die Gläubigerversammlung müsste über einen Investor entscheiden können, der bei der Fortführung des Hertie-Geschäfts auch die fortlaufenden Verluste ausgleicht.

Die gut 30 Bürgermeister wollen jedenfalls nicht aufgeben. "Wer Arcandor helfen wollte, sollte auch Hertie helfen wollen", fordert Wesselings Stadtoberhaupt Ditgens.

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.