Arcandor Karstadt-Mutter ist insolvent

Der Handels- und Touristikkonzern Arcandor hat Insolvenzantrag gestellt. Auch für die Töchter Karstadt Warenhaus, Primondo und Quelle reichte der Konzern entsprechende Anträge ein. Die Geschäfte sollen vorerst weiterlaufen. Der Reiseveranstalter Thomas Cook bleibt von der Insolvenz zunächst unberührt. Der Konzern beruhigt seine Kunden.

Essen - Einer der traditionsreichsten deutschen Handelskonzerne ist pleite: Der Essener Arcandor-Konzern musste am Dienstag wegen drohender Zahlungsunfähigkeit Insolvenzantrag stellen. Im Nachgang sei auch für die Karstadt Warenhaus GmbH, die Primondo GmbH und die Quelle GmbH der Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens gestellt worden, teilte das Unternehmen am Dienstag mit.

Die Insolvenz im 128. Jahr der Firmengeschichte trifft rund 43.000 Mitarbeiter in ganz Deutschland. Die Gehälter der Beschäftigten sind für die Monate Juni, Juli und August gesichert. Sie werden von der Bundesagentur für Arbeit als Insolvenzgeld gezahlt.

Ausgenommen vom Insolvenzverfahren sind die Thomas Cook Group PLC, Primondo-Specialty Group mit ihren Tochter- und Beteiligungsgesellschaften sowie der Homeshopping-Sender HSE24.

Der Kölner Anwalt Klaus Hubert Görg ist zum vorläufigen Insolvenzverwalter im Fall Arcandor bestellt worden. Er sei für alle vier Insolvenzverfahren der Arcandor AG sowie der Tochterunternehmen Primondo, Karstadt Warenhaus und Quelle zuständig, teilte das Gericht am Montag mit.

Konzern beruhigt Kunden und KarstadtQuelle-Bankkunden

Für die Kunden von Karstadt, Quelle und Co. soll sich trotz der Insolvenz vorläufig nichts ändern. "Sämtliche Kundenbestellungen im Versandhandel werden weiter ausgeführt. Die bestehenden Kundengarantien sind gültig und werden erfüllt. Auch das Rückgaberecht für Waren hat unverändert Bestand", betonte das Unternehmen. Eventuelle Anzahlungen von Kunden blieben bestehen und würden bei der Schlusszahlung angerechnet.

Auch die rund eine Million Kunden der KarstadtQuelle Bank könnten unbesorgt sein. Sie hätten durch die Arcandor-Insolvenz keine negativen Folgen zu erwarten, versicherte die Bank am Nachmittag. "Die KarstadtQuelle Bank AG und deren Muttergesellschaft, die Valovis Bank AG, sind von der Insolvenz des Arcandor-Konzerns nicht betroffen. Die beiden Bankinstitute sind rechtlich und finanziell vom Arcandor-Konzern unabhängig", hieß es in der Pressemitteilung.

Kreditkarteninhaber könnten ihre Kreditkarten weiter weltweit und wie gewohnt an mehr als 24 Millionen Akzeptanzstellen einsetzen. Darüber hinaus sind die Einlagen der Kunden sicher. Die KarstadtQuelle Bank ist über die gesetzliche Einlagensicherung hinaus freiwilliges Mitglied im Einlagensicherungsfonds des Bundesverbands deutscher Banken.

Verzweifelte Verhandlungen bis zuletzt

Freitag werden Darlehen von 710 Millionen Euro fällig

Arcandor muss nach eigener Auskunft bis Freitag Darlehen über 710 Millionen Euro zurückzahlen. Doch das Geld für die weitere Finanzierung fehlt. Vergeblich hatte der Konzern in Berlin um Staatshilfe gerungen. Bis zuletzt versuchte er, Großaktionäre, Banken und Vermieter zu weiteren Zugeständnissen zu bewegen, um Forderungen der Bundesregierung nachzukommen. Diese hatte dem Konzern noch eine Chance gegeben, einen verbesserten Antrag auf einen Rettungsbeihilfekredit einzureichen.

Noch am Dienstagmorgen hatte Arcandor mitgeteilt, man lote die Möglichkeit eben eines nachgebesserten Antrags aus. Letztlich aber verzichtete der Konzern darauf. Die vom interministeriellen Ausschuss geforderte Verbesserung des Antrags auf Rettungsbeihilfe sei "nicht erreichbar" gewesen, begründete das Unternehmen die Entscheidung. Es habe keine nachhaltige Finanzierungsperspektive mehr bestanden.

"Wir werden auch im Rahmen des Insolvenzverfahrens darum kämpfen, möglichst viele Arbeitsplätze und Standorte zu erhalten sowie die wertvollen deutschen Traditionsmarken in eine gute Zukunft zu führen", versprach Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick.

Bereits am Montag hatte die Regierung einen Antrag auf Hilfen aus dem Deutschlandfonds und den als letzte Chance gehandelten Rettungskredit abgelehnt. Der zuständige Ausschuss sah zunächst die Eigentümer des Konzerns in der Pflicht, deren Beitrag zu einer Sanierung als ungenügend bewertet wurde.

Bundeskanzlerin Merkel verteidigt Nein zu Notkredit

Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht die Insolvenz des Handels- und Touristikkonzerns als Chance für einen Neubeginn. "Wir haben immer wieder gesagt, dass ein Insolvenzantrag auch eine Möglichkeit sein kann, das Unternehmen auf neue Füße zu stellen und ihm neue Perspektiven zu eröffnen. Und das wird die Politik begleiten, soweit sie das kann", sagte sie am Dienstag in Berlin. Ähnlich äußerte sich Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD).

Merkel kündigte an, dass Bundeswirtschaftminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sehr schnell mit den Personalvertretungen von Arcandor sprechen werde. "Die Bundesregierung hat natürlich ein großes Interesse daran, hilfreich zu sein", sagte Merkel.

Zugleich verteidigte Merkel die Entscheidung ihrer Regierung, dem Unternehmen keine Staatsbürgschaften und keine Notkredite zu gewähren. "Uns waren aber die Zusagen der Eigentümer und der Gläubiger absolut nicht genug, sich für Arcandor zu engagieren. Wir haben auch auf die Steuergelder zu achten", sagte die CDU-Chefin.

Arcandor-Großaktionär Sal.Oppenheim erklärte dagegen, ein höherer Beitrag seitens der Sal.Oppenheim-Gesellschafter sei auch angesichts des schon in der Vergangenheit geleisteten Engagements nicht mehr verantwortbar gewesen.

Merkel bezeichnete daher die Insolvenz als "unvermeidlichen Schritt, der mit seinen Chancen auch genutzt werden soll." Im Insolvenzverfahren sei dem Unternehmen nun gerade auch für die Beschäftigten Möglichkeiten gegeben, "im Zusammengehen mit anderen - zum Beispiel mit Metro - auch wirklich neue Chancen zu eröffnen", sagte Merkel.

Der Konkurrent Metro hat bereits Interesse an der Übernahme von Karstadt-Häusern angemeldet und ist unverändert an der Bildung einer Wahrhaus AG interessiert. Bei Arcandor mit seinen über 100 Warenhäusern sind insgesamt 56.000 Menschen beschäftigt, bei Karstadt allein etwa 24.000.

Segensreiche Insolvenz?

"Die Insolvenz muss nicht das Ende von Karstadt bedeuten", sagte auch Sebastian Frericks, Analyst des Bankhauses Metzler. "Das Unternehmen wird sicher in anderer Form weitergeführt, auch wenn es Kürzungen und eine schwierige Sanierung geben wird. Ich gehe davon aus, dass es zu einer Fusion mit Kaufhof kommt."

Tatsächlich kann ein Insolvenzverwalter etwa Verträge mit Lieferanten schneller und einfacher kündigen, um günstigere Vereinbarungen zu erreichen. Entlastung bringt auch das Insolvenzgeld. Nicht das Unternehmen, sondern der Bund zahlt die Löhne und Gehälter - bis zu einer Laufzeit von drei Monaten. Arcandor könnte sich durch einen Insolvenzplan von seinen Verbindlichkeiten befreien.

Möglich wäre auch ein Insolvenzplanverfahren. Bei einem solchen Verfahren darf in Eigenregie saniert werden, wie dies etwa die Modekette SinnLeffers getan hat, sofern es dafür gute Chancen gibt. Mit der eher selten genehmigten Eigenverwaltung erhält das Management seine Entscheidungskompetenzen zurück und versucht mit dem Insolvenzverwalter das Unternehmen in wesentlichen Teilen zu erhalten.

Der Insolvenz könnte allerdings auch die Zerschlagung folgen. Dies muss aber nicht heißen, dass alle 89 Karstadt-Häuser und 28 Sportfilialen geschlossen werden. Interessenten stehen auf der Matte.

Betriebsrat: "Das ist der Supergau"

Den Betroffenen dürfte das wie Hohn in den Ohren klingen. Mit Fassungslosigkeit und Entsetzen ist die Insolvenz beim Versandunternehmen Quelle aufgenommen worden. "Das ist der Supergau", sagte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Ernst Sindel. Man habe bis zuletzt daran geglaubt, dass noch eine Lösung für das Handelsunternehmen Arcandor und damit auch für die Tochtergesellschaft Quelle möglich sei. Jetzt gehe es darum, möglichst viele Arbeitsplätze bei Quelle zu retten.

Zahlreiche Beschäftigte verließen nach der Bekanntgabe der Pleite schweigend und mit gesenkten Köpfen die Arcandor-Zentrale in Essen. Mit zahlreichen Kundgebungen, Demonstrationen und Unterschriftensammlungen hatten zuletzt Tausende Arcandor-Mitarbeiter versucht, Berlin zur Zahlung von Staatshilfe zu bewegen.

manager-magazin.de mit Material der Nachrichtenagenturen

Arcandor: Der Niedergang in Bildern

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