Montag, 16. September 2019

Überlebenskampf bei Arcandor Alles schon mal da gewesen

Drohende Insolvenz und gefährdete Arbeitsplätze bei Arcandor: Wem die Schlagzeilen der vergangenen Wochen bekannt vorkommen, der muss in den Chroniken nicht lange zurückblättern. Schon einmal, im Herbst 2004, stand der Konzern vor dem Abgrund und konnte nur in letzter Sekunden gerettet werden.

Essen - Vor fünf Jahren war eine Kapitalspritze die letzte Möglichkeit für Arcandor Börsen-Chart zeigen, der Pleite zu entgehen: Damals konnte der Konzern nur mithilfe einer Finanzspritze der Großaktionäre, Milliardenkrediten der Banken und Lohnzugeständnissen der Mitarbeiter gerettet werden.

Sorgenvoller Blick in die Zukunft: Arcandor-Chef Eick wirbt um Staatshilfen
Heute rast Vorstandschef Karl-Gerhard Eick von einem Termin mit Regierungsvertretern zum anderen und wirbt um staatliche Hilfen. Die Zeit drängt. Klappt die Finanzierung bis zum 12. Juni nicht, dann drohen bei dem Essener Unternehmen die Lichter auszugehen, wieder einmal. Die Fakten sind ernüchternd: Ende 2008 stehen noch immer tiefrote Zahlen in den Büchern und der Konzern verbrennt jeden Tag Geld.

Arcandor muss im laufenden Jahr Kredite in Höhe von 960 Millionen Euro bedienen und will deshalb eine staatliche 650-Millionen- Bürgschaft. Darüber hinaus braucht der Konzern weitere 900 Millionen Euro in den kommenden fünf Jahren. Bislang haben die Gespräche mit der Politik noch kein Ergebnis gebracht. Auch nach einem Krisentreffen im Bundeswirtschaftsministerium am Freitag in Berlin ist die Zukunft Arcandors weiter offen. Verhandelt wird derzeit eine Brückenfinanzierung, die dem Konzern zumindest für die nächsten Monate das Überleben sichern soll, aber auch über ein mögliches Zusammengehen der Karstadt-Warenhäuser mit der Kaufhof-Kette des Metro-Konzerns Börsen-Chart zeigen.

Die Auffassungen, Arcandors Finanznot sei nicht der derzeit tobenden Wirtschaftskrise geschuldet, halten sich derzeit genauso hartnäckig wie die ebenso gebetsmühlenartig abgegebenen Dementis des Unternehmens. "Wir sagen ja nicht, dass wir in der Vergangenheit in allen Punkten erfolgreich waren und keine Fehler gemacht haben", heißt es aus Essen. Aber dass die Gläubigerbanken nicht mehr bereit sind, Kredite zu verlängern, liege allein an der Krise.

Martina Neumayr, Expertin für Risikomanagement beim Informationsdienstleister D&B Deutschland, sieht den Fall anders: "Die Entwicklung bei Arcandor war absehbar und ist in großen Teilen hausgemacht." Zwischen der ersten Fast-Pleite im Jahr 2004 und der jetzt erneut drohenden Insolvenz haben drei Vorstandsvorsitzende versucht, das Ruder herumzureißen. Auf Wolfgang Urban, dem die Misere bei Karstadt und Quelle angelastet wurde, folgte für ein kurzes Intermezzo Christoph Achenbach. Als der die Geschicke des Konzerns nicht so führte wie es dem damaligen Aufsichtsratschef Thomas Middelhoff gefiel, übernahm dieser selbst kurzerhand im Frühjahr 2005 das Ruder. Seit März hat der frühere Telekom-Manager Karl-Gerhard Eick das Kommando.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung