Euro in der Krise "Grund für eine weitere Klage"

Die Euro-Zone zerfalle in zwei Blöcke, sagt Joachim Starbatty. Im Interview mit manager-magazin.de moniert der Euro-Kritiker und Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft das exzessive Geldmengenwachstum und beschreibt die Krise seiner Zunft.
Von Grit Beecken

mm.de: Herr Professor Starbatty, Sie waren einer der größten und lautesten Euro-Skeptiker. Wie geht es Ihnen jetzt, zehn Jahre nach der Währungsreform?

Starbatty: Ich fühle mich leider bestätigt. Wir hatten befürchtet, dass sich die Europäische Währungsunion nicht zu einer Stabilitätsgemeinschaft mit einem inneren Zusammenhalt entwickelt, sondern zu einem instabilen Gebilde. Und genau das ist geschehen. Wir befinden uns in einer Währungsunion, in der zwei Währungsräume existieren - ein Schwachwährungsblock und ein Starkwährungsblock.

mm.de: Wer ist im Schwachwährungs-, wer im Starkwährungsblock?

Starbatty: Das ist ganz einfach. Die Länder, die für ihre Staatsanleihen hohe Risikoaufschläge zahlen, gehören dem Schwachwährungsblock an. Allen voran Irland, Griechenland und Spanien. Die Franzosen hingegen können sich entscheiden, ob sie den Schwachwährungsblock anführen wollen oder ob sie sich dem Starkwährungsblock zugehörig fühlen.

mm.de: Vor zehn Jahren haben Sie gegen die Einführung des Euro geklagt. Ist angesichts der jetzigen Geldpolitik mit einer weiteren Klage Ihrerseits zu rechnen?

Starbatty: Wenn die Europäische Zentralbank den Zentralbanken ihrer Mitgliedstaaten erlauben würde, nationale Staatsanleihen aufzukaufen, dann wäre das ein Grund für eine weitere Klage. Doch dann würden wir nicht vor das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ziehen, sondern gleich vor den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg.

mm.de: Wie beurteilen Sie die Aussicht einer solchen Klage?

Starbatty: Der Gerichtshof wird zu der Entscheidung gezwungen, wie ernst er selbst den EG-Vertrag nimmt, der die Finanzierung der nationalen Staatshaushalte durch die Europäische Zentralbank verbietet. Er müsste auch klären, ob die Währungsunion endgültig zu einer Transferunion wird oder ob sie zu einer Stabilitätsunion zurückkehrt.

"Die Ungleichgewichte werden größer"

mm.de: Hat sich die Union denn wirklich so weit vom Status eines Stabilitätsverbands entfernt? Viele sagen doch, ohne den Euro stünden wir derzeit weit schwächer da.

Starbatty: Das stimmt nicht. Beispielsweise haben wir ja auch keine starken Wechselkursturbulenzen zwischen dem Schweizer Franken und dem Euro.

mm.de: Was sagt das aus?

Starbatty: Wechselkursturbulenzen sind immer ein Zeichen dafür, dass politische Versprechen und ökonomische Realität nicht übereinstimmen. Würden politisches Versprechen und ökonomische Realität übereinstimmen, dann spräche niemand darüber, dass der Euro uns gerettet hätte. Das wäre ganz selbstverständlich. Niemand würde annehmen, dass die Wechselkurse zwischen Deutschland, den Niederlanden und Österreich ohne den Euro auseinanderbrechen würden.

mm.de: Wo liegt dann das Problem?

Starbatty: Das Problem liegt in der Tatsache, dass wir innerhalb der Währungsunion in Wirklichkeit zwei Währungsblöcke haben.

mm.de: Stört diese Zweiteilung außer Ihnen noch jemanden?

Starbatty: Die Tatsache ist bekannt. Die Europäische Kommission hat in einem Expertenbericht zugeben müssen, dass innerhalb der Euro-Zone reale Aufwertungen und Abwertungen auftreten. Die führen dazu, dass die Ungleichgewichte größer werden.

mm.de: Wie beurteilen Sie die derzeitige Geldpolitik der EZB?

Starbatty: Die EZB ist wie alle anderen Zentralbanken eine Getriebene der Konjunkturentwicklung - einer Konjunkturentwicklung, die mehr ist als eine normale Rezession. Wir stehen in der zweiten modernen Weltwirtschaftskrise. In dieser ist der EZB ihr Weg vorgeschrieben. Sie geht ihn zwar etwas vorsichtiger als die Fed, aber sie geht ihn eben auch.

"Die tierischen Instinkte brechen durch"

mm.de: Das klingt so, als wenn Sie mit der Politik gar nicht so unzufrieden sind.

Starbatty: Unzufrieden bin ich mit der Geldpolitik, die zuvor betrieben wurde. Dadurch ist die Krise schließlich erst entstanden. Denn die Immobilienblasen in der Peripherie der Währungsunion sind die Konsequenzen einer zu leichten Geldpolitik auch der EZB. In der Konsequenz müssen wir die Wirtschaft nach dem Platzen der Blase jetzt aus dieser Krise herausführen.

mm.de: Kein leichtes Unterfangen.

Starbatty: Nein. Uns sind die Hände gebunden. Insofern ist die EZB gezwungen, die Folgen der Politik abzufedern, die sie vorher fälschlicherweise betrieben hat.

mm.de: Was läuft schief?

Starbatty: Von einer Nullzinspolitik würde ich abraten. Sie führt stets dazu, dass der Zins keine Selektionsfunktion mehr hat. Das war genau das Problem der vorherigen Blasen: Der zu niedrige Zins hat unrentable Investitionsprojekte nicht mehr ausgesondert - beispielsweise im Immobilienbereich. Die Steuerungsfunktion des Zinses ist ganz entscheidend für einen nachhaltigen volkswirtschaftlichen Produktionsaufbau.

mm.de: Wo sehen Sie denn die nächsten Blasen?

Starbatty: Es besteht die große Gefahr, dass die jetzige Geldschwemme die Bürger misstrauisch werden lässt, ob die Staaten ihre Schulden noch zurückzahlen können. In diesem Fall sind Staatsanleihen natürlich gefährdet. Und wenn dann die "animalischen Instinkte" in uns durchbrechen, stoßen Investoren ihre Staatsanleihen ab. Resultat wäre, dass die nächste - und die größte - Blase platzt.

mm.de: Warum wäre das die größte Blase?

Starbatty: Staatsanleihen sind gewissermaßen ein "lender of last trust" - ein Hafen letzter Zuflucht. Wenn diese Erwartung trügt und die Bürger sich getäuscht fühlen, dann stehen Banken, Versicherungen und alle Sparer, die dem Staat vertraut haben, vor einer wirklich schlimmen Situation.

"Wird die Euro-Zone diese Krise überstehen?"

mm.de: Droht Ihrer Ansicht nach bei den Rohstoffen auch eine Spekulationsblase?

Starbatty: Nein. Die steigenden Rohstoffpreise sind eine normale Reaktion auf die Marktentwicklung. Die Leute sehen die Aktienkurse steigen und rechnen mit einer Konjunkturerholung. Rohstoffe versprechen Sicherheit. Denn wenn Inflation kommt, sind Sachwerte eine Anlageklasse, auf die Anleger gerne bauen.

mm.de: Wird die Euro-Zone diese Krise überstehen? Wird sie zusammenhalten können, oder werden wir vielleicht eine Rückabwicklung sehen?

Starbatty: Es ist immer schwer, solche Fragen zu beantworten. Man kann nichts Genaues sagen, sondern immer nur Trends aufzeigen. Dass eine Währungsunion, die aus zwei Kernen besteht, auf die Dauer hält, ist unwahrscheinlich. Die Frage ist, wie eine neue Gestaltung vonstatten geht.

mm.de: Und die Antwort?

Starbatty: Aus rechtlicher Sicht dürfte es keine Schwierigkeiten geben. Denn wenn Mitgliedstaaten aus der Europäischen Union ausscheiden dürfen, dann dürfen sie auch aus einem Unterverband ausscheiden. Das kann nicht strittig sein. Entscheidend ist, wie eine solche Loslösung dann politisch praktiziert wird. Sie wäre mit hohen Anpassungskosten verbunden, weil die Märkte integriert sind - sowohl die Waren- als auch die Kapitalmärkte. Aber je länger man damit wartet, desto höher sind auch die Anpassungskosten.

mm.de: Wäre das dann die Rückkehr zu den nationalen Währungen, oder würde man den Euro durch eine andere Gemeinschaftswährung ersetzen?

Starbatty: Wie sich das im Einzelnen vollziehen wird, kann ich nicht prognostizieren. Da spielen zu viele Faktoren eine Rolle. Ich vermute, dass es einen Starkwährungsblock geben wird, in dem der Euro Bestand hat, und dass die anderen Länder wieder zu nationalen Währungen zurückkehren.

mm.de: Muss die Euro-Zone den osteuropäischen Ländern beistehen, und wenn ja - wie?

Starbatty: Wir stehen ihnen ja über den Internationalen Währungsfonds (IWF) bei. Das ist zwar aus der Not heraus geboren, eine andere Lösung war politisch momentan nicht vorstellbar. Zudem sind diese Länder dabei, intern zu einer neuen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik zu kommen. Ungarn beispielsweise erhält IWF-Kredite und wechselt zu einer Politik, die mehr Solidität verspricht. Dadurch wird auch das Vertrauen in diese Länder Schritt für Schritt zurückkehren.

"Der Dollar dürfte fallen"

mm.de: Wird das erfolgreich verlaufen?

Starbatty: Ja, das hoffe ich.

mm.de: Wie wird der Euro Ihrer Ansicht nach in zwei Jahren dastehen?

Starbatty: Die Frage, die sich mir stellt, ist zunächst einmal, was aus dem Dollar wird. Wenn meine Vermutung, dass amerikanische Staatsanleihen im Wert verlieren, zutrifft, dann wird auch der Dollar fallen. Somit ist Ihre Frage auch die Frage nach der Zukunft des Dollars. Zudem ist offen, wie sich der Euro mit seinen Schwachwährungskandidaten entwickelt. Das sind alles Dinge, die man ins Kalkül ziehen muss. Eine seriöse Gesamtprognose über die Zukunft des Euro ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht möglich.

mm.de: A propos wissenschaftliche Sicht. Zusammen mit 82 anderen Professoren der Volkswirtschaftslehre sprechen Sie von der Krise ihrer Zunft. Was verbirgt sich hinter dieser Krise?

Starbatty: Die Krise der Volkswirtschaftslehre ist mit den Händen zu greifen. Wenn ich auf wissenschaftliche Kongresse gehe und mir anhöre, was meine Kollegen zu volkswirtschaftlichen Problemen bisher gesagt haben, dann frage ich mich immer, in welcher Welt sie leben. Dass wir jetzt vor dieser Wirtschaftskrise stehen, hängt auch damit zusammen, dass an den Universitäten nicht mehr richtig Konjunkturtheorie- und Konjunkturpolitik gelehrt wird. Und eben auch nicht mehr die Konsequenzen, die sich aus Konjunkturkrisen ergeben.

mm.de: Zum Beispiel?

Starbatty: Zum Beispiel die "Wicksellsche Theorie", die besagt, dass jede Geldmengenschwemme dazu führt, dass zunächst die Preise ansteigen und dass anschließend eine restriktive Politik rezessive Tendenzen produziert.

Oder die "Hayeksche Position". Sie geht davon aus, dass zu niedrige Zinsen zu einem falschen Produktionsaufbau der Volkswirtschaft führen, der erst wieder korrigiert wird, wenn sich das Zinsniveau normalisiert. Genau das ist bei den einzelnen Blasen der Fall gewesen. Sie sind immer geplatzt, wenn die Zentralbanken wieder auf das normale Zinsniveau gegangen sind.

"Ökonomen erzählen immer das Gleiche"

mm.de: Und all das wird nicht mehr gelehrt?

Starbatty: Zumindest deutlich weniger als früher. Die einseitig mathematisierte Volkswirtschaftslehre führt dazu, dass man weniger das politische Umfeld betrachtet, und sich nahezu ausschließlich auf die Modelle konzentriert, die in den verschiedenen Fachzeitschriften diskutiert werden.

mm.de: Wie ist es zu dieser paradigmatischen Wende gekommen?

Starbatty: Das ist ein internationaler Trend. Sie können in den internationalen Fachzeitschriften nur noch publizieren, wenn Sie in diesem Mainstream schwimmen - und der besteht eben aus der mathematischen Modelltheorie. Volkswirte müssen die Modelle aufnehmen, die in den USA diskutiert werden.

Wenn Sie deutsche Probleme behandeln, dann wird das international nicht zur Kenntnis genommen. Es interessiert den Amerikaner nicht, welche volkswirtschaftlichen Probleme eine geänderte Erbschaftssteuer in Deutschland aufwirftt. Deswegen konzentriert man sich eben auf die Probleme, die in den "Journals" diskutiert werden, und nicht auf die Probleme, die die Welt bewegen.

mm.de: Ist diese Entwicklung reversibel?

Starbatty: Ja, aber das wird etwa drei Jahrzehnte dauern. Irgendwann wird die Dominanz der mathematisch orientierten Ökonomie abgelöst werden. John Maynard Keynes hat einmal gesagt, dass Politiker immer das vertreten, was sie vor dreißig Jahren gelernt haben. Ähnliches gilt auch in der Hochschulpolitik.

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