Wirtschaftskrise Siemens setzt zum Sinkflug an

Beharrlich hatte Siemens-Chef Peter Löscher sein Gewinnziel von mehr als acht Milliarden Euro verteidigt, nun ist es gefallen. Der Markt freut sich über die gut gemanagte Gewinnwarnung, weil der Technologiekonzern vergleichsweise solide dasteht. Doch er spürt die Krise mit Verspätung - das Schlimmste steht Siemens noch bevor.

Berlin - Was für ein Unterschied: Um fast 20 Prozent brach die Siemens-Aktie  vor gut einem Jahr ein, als der Münchener Technologiekonzern seine Gewinnziele für das Quartal überraschend um 900 Millionen Euro herunterschraubte. Der Markt tobte, von einem gigantischen Vertrauensverlust war die Rede.

Aus dem Fiasko hat Siemens offenbar gelernt. Die Gewinnwarnung, die Konzernchef Peter Löscher am Mittwoch in Berlin verkündete, fiel mit je nach Lesart bis zu knapp zwei Milliarden Euro ungleich höher aus. Doch der Markt hatte es geahnt, die Aktie gehört sogar zu den Tagesgewinnern. "Diese Gewinnwarnung war gut gemanagt", sagt Analyst Theo Kitz von Merck Finck.

Allerdings glaubte zuletzt ohnehin fast niemand mehr daran, dass Siemens quasi schwerelos durch die schärfste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten gleiten würde. Zudem erscheint der nun für 2008/2009 angepeilte operative Gewinn von mindestens 6,6 Milliarden Euro immer noch wie eine Zielmarke aus den guten alten Aufschwungzeiten. Immerhin will Siemens diese Kennziffer damit im Vergleich zum Geschäftsjahr 2007/2008 sogar steigern. LBBW-Analyst Michael Busse erwartet beispielsweise, dass Siemens das nun gesetzte Ziel sicher übertreffen wird.

Es passt ins Bild, dass der operative Gewinn der drei Sektoren Industrie, Energie und Gesundheit im abgelaufenen Quartal mit 1,844 Milliarden Euro etwas höher ausgefallen ist als erwartet. Rasant legte vor allem der Energiesektor zu. Allein der Umsatz sprang um 28 Prozent an, das Ergebnis vervielfachte sich - allerdings von Sondereffekten beflügelt - auf 818 Millionen Euro. Auch in der Krise sind Gewinne möglich - diese Erkenntnis elektrisierte die Börse, an der Siemens-Papiere bis zum Mittag um mehr als 5 Prozent zulegten.

Ein wenig in den Hintergrund rückt dabei, dass die Flaute den Konzern nun erst nach und nach mit ihrer ganzen lähmenden Wirkung erfasst. Die Wachstumspläne von Konzernchef Löscher gehen nur auf, wenn die Krise nicht allzu lange andauert. Schon jetzt sprechen die Auftragseingänge mit einem Rückgang von 11 Prozent eine deutliche Sprache, wenngleich diese Ziffer noch immer ein Umsatzwachstum in den nächsten Monaten erwarten lässt.

"Die Krise ist noch nicht voll angekommen"

"Was wir erleben, ist kein normaler Konjunkturabschwung, sondern der schärfste Absturz der Weltwirtschaft seit der großen Krise von 1929", sagt Löscher und versucht die Euphorie ein wenig zu bremsen. "Die Krise kommt auch bei Siemens an." Sein Blick, der um ein paar Nuancen grimmiger ausfällt als zu vorherigen Anlässen, lässt keinen Zweifel daran, dass er sich bereits mitten in einer Abwehrschlacht befindet.

Diese trägt Siemens momentan vor allem im Industriesektor aus. In den Bereichen Industrieautomatisierung, Lichttechnik (Osram) und Automobiltechnologie hat es bereits heftige Einbrüche bei Umsatz und Ergebnis gegeben, und auch die Auftragseingänge verheißen wenig Gutes. In diesem eher kurzfristig orientierten Segment müsste das Geschäft jedoch früh wieder anspringen, damit eine Trendwende überhaupt sichtbar wird. Finanzchef Joe Kaeser rechnet jedoch beispielsweise mit einem bis zu zwei Jahre andauernden Abschwung im Geschäft mit Automatisierung und Antrieben. "Bisher gab es noch nie einen Abschwung, der länger als sechs Monate anhielt", sagt Kaeser. "Ich glaube nicht, dass die Krise in Deutschland schon voll angekommen ist."

Auch der Bereich Energie wird diese Sorgen nicht auf Dauer mildern - die Auftragseingänge fallen auch dort überdurchschnittlich aus und stürzen lediglich wegen der satten Zugewinne bei erneuerbaren Energien nicht völlig ab. "Wir gehen davon aus: Je länger die Krise andauert, desto mehr werden vermutlich auch Energieinfrastrukturprojekte zeitlich gestreckt", sagt Löscher. Stornierungen verzeichnet Siemens offenbar noch nicht in größerem Umfang, doch die Tendenz bei Verschiebungen sei steigend, wie Kaeser betont.

Die Gesundheitssparte scheidet als Hoffnungsträger ebenfalls vorläufig aus - wenngleich der Sektor das Ergebnis weiterhin etwas stabilisieren könnte. "Wir können von keinem großen Wachstum ausgehen", sagt Kaeser. Die Krankenhäuser leiden weltweit unter sinkenden Einnahmen der öffentlichen Hand und Stiftungen, aus denen sie sich vielfach finanzieren. Besonders schmerzhaft: In den USA drückt der Preisverfall der Immobilien kommunale Steuern.

Konjunkutprogramme ersetzen kein "echtes" Wachstum

So muss Siemens gegenwärtig auch verstärkt auf Mittel aus den zahlreichen Konjunkturprogrammen setzen. "Das Potenzial ist erheblich", sagt Löscher, ohne schon genau beziffern zu können, wie viel Geld in welchen Sparten ankommt. Chancen bieten möglicherweise das Programm der US-Regierung für die Modernisierung von Krankenhäusern und der Eisenbahnbau in China. Dort sind Tausende Kilometer neue Strecken geplant. Das verspricht weitere Aufträge für Hochgeschwindigkeitszüge.

Ein vollwertiger Ersatz für "echtes" Wachstum sind die Konjunkturhilfen allerdings nicht. "2009 wird insgesamt noch gut ausfallen, aber die nächsten Quartale werden eindeutig schwächer werden", erwartet Analyst Kitz. Der Gewinn werde zweistellig sinken.

Damit geraten die Sparpläne von Siemens womöglich in einen ungeplanten Stresstest. Bisher will der Konzern 1,2 Milliarden Euro jährlich an Kosten für Vertrieb und Verwaltung sparen sowie die Aufwendungen im Einkauf drastisch reduzieren. "Wir kommen deutlich schneller voran als geplant", sagt Löscher zwar mit Blick auf die Verwaltungskosten. Doch das Programm wurde zu einer Zeit aufgelegt, da auch er die Wirtschaftsflaute noch als "normalen Konjunkturabschwung" sah.

"Ich bin skeptisch, ob das Programm reicht", sagt Analyst Kitz. "Wenn man davon ausgeht, dass die Rezession den Energiesektor noch besonders hart trifft, ist das möglicherweise nicht genug." Siemens möchte allerdings auf keinen Fall einen Fehler wiederholen, den das Unternehmen in der Krise nach der Jahrtausendwende gemacht hatte, als es Tausende Stellen abbaute. "Als die Konjunktur dann wieder anzog, konnten wir auf einmal nicht liefern, weil uns die Leute fehlten", sagt Kaeser. Deshalb müssen wir jetzt unsere Betriebsbereitschaft aufrecht erhalten. Wenn der Aufschwung aber nicht kommt, werden wir das neu bewerten müssen."

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