Müllers Welt Deutschland braucht ein neues Geschäftsmodell

Die Weltwirtschaftskrise stellt die deutsche Industrie vor existenzielle Fragen. Millionen Jobs stehen auf dem Spiel. Aber in Deutschland tun Politik und Wirtschaft immer noch so, als sei dies eine normale Rezession, der man mit den Standardinstrumenten begegnen kann. In Wahrheit müssen wir uns neu erfinden. Diskutieren Sie mit!

Es waren sonderbare Gespräche, die mein Kollege Christian Rickens in den vergangenen Wochen führte. Er traf eine Menge Unternehmer, die vor Optimismus nur so strotzten - und das in einer Zeit, da die Statistiker immer neue Horrorzahlen auf den Markt werfen, die zeigen, dass die Industrieproduktion und der Export abstürzen wie noch nie. Männer, die vor Selbstbewusstsein und Tatendrang fast platzten, deren Botschaft klar und eindeutig lautet: Ja, dies ist eine schwere Rezession, aber wer, wenn nicht die wettbewerbsfähigste Volkswirtschaft Europas, soll den nächsten Aufschwung gestalten! Hat denn die deutsche Industrie in den vergangenen Jahren nicht gezeigt, zu welchen Kraftakten sie fähig ist?

Eine sympathische Haltung, die echte unternehmerische Kämpfernaturen auszeichnet. Leider sieht es nicht so aus, als ob mit solch deutschen Tugenden in diesen Zeiten viel auszurichten wäre.

Denn es geht um mehr als eine konjunkturelle Flaute. Für das aktuelle manager magazin habe ich die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) gebeten, uns eine umfangreiche Untersuchung zuzuliefern, die analysiert, was von der deutschen Industrie nach der Krise eigentlich übriggeblieben sein wird. Denn das sind ja die großen Fragen, die derzeit bei all den Rettungsmaßnahmen, all den Bürgschaften und Bail-outs im Mittelpunkt stehen: Welche Strukturen, welche Unternehmen sind langfristig wettbewerbsfähig? Und welche nicht? Wem soll man also helfen? Und wen muss man Pleite gehen lassen?

Für die wichtigsten deutschen Industriebranchen Auto, Maschinenbau, Chemie, Metall und Elektro hat das Team um BCG-Partner Daniel Stelter einen Ausblick auf die nächsten Jahren gewagt. Wo werden wir in diesen Branchen im Jahr 2015 stehen? Wie viel Umsatz, wie viele Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel? Die Ergebnisse finden Sie detailliert im aktuellen manager magazin, Heft 5/2009.

Wir müssen uns auf neue Realitäten einstellen

Dies vorweg: Die Szenarien sind erschreckend. Bis zu einem Drittel des Umsatzes und bis zu 45 Prozent der Jobs in Deutschland stehen in manchen Branchen auf dem Spiel.

Selbst wenn es nicht ganz so schlimm kommt: Ein spürbarer Aufschwung ist nicht in Sicht. Auch der Internationale Währungsfonds hält jetzt eine lange, schwierige Dürrephase ähnlich der Großen Depression der 1930er Jahre für möglich.

Mit anderen Worten: Wir müssen uns auf neue Realitäten einstellen. Das globale Wachstum wird bis weit in das kommende Jahrzehnt hinein schwach bleiben. Der Schuldenabbau einer heillos überschuldeten Wirtschaft (und bald auch vieler Staaten) verengt die Kreditspielräume. Nach den Investitionsbooms der vergangenen Jahre gibt es massive Überkapazitäten in der Bauwirtschaft (in den Defizitländern USA, Großbritannien, Spanien etc.) und in der Industrie (in den Überschussländern Deutschland, China, Japan etc.). Dazu kommt ein grassierender Protektionismus: In der Not schützen die Regierungen selektiv einzelne Sektoren und Unternehmen. Wir haben kürzlich an dieser Stelle darüber diskutiert.

Damit nicht genug: Internationale Spannungen, innere Unruhen, Verteilungskämpfe, geschwächte Institutionen, Inflationsängste, Währungsturbulenzen - die Welt ist in eine Phase großer Unsicherheit getreten.

Dies ist auch eine deutsche Krise

Aber in Deutschland nehmen wir diese grundsätzlichen Veränderungen bislang kaum wahr. Und viele glauben: Es wird schon wieder. Wir sind gut. Dies ist eine angelsächsische Krise, die uns nur kurzfristig und eigentlich bloß am Rande trifft.

In Wahrheit ist dies aber auch eine deutsche Krise. Die Rekordüberschüsse der deutschen Leistungsbilanz der vergangenen Jahre sind Teil der globalen Ungleichgewichte, die den Boom der vergangenen Jahre und den jetzt umso brutaleren Absturz mitverursacht haben.

Wir sind Teilnehmer im globalen Wohlstandsspiel. Und wenn sich die Spielregeln jetzt ändern, dann müssen auch wir uns ändern. Das Geschäftsmodell unserer Volkswirtschaft steht zur Disposition. Um nichts weniger geht es.

Deutschland baut auf exportierende Industrie - wir sind stolz darauf, "Exportweltmeister" zu sein. Es ist der Stolz einer Nation, die sich im späten 19. Jahrhundert als Wirtschaftsnation fand; deren kollektive Identität sich auf Krupp-Stahl, Mannesmann-Rohre, Eisenbahnkilometer und chemische Grundstoffe gründete; die immer noch die Begriffe "Industrie" und "Wirtschaft" synonym verwendet. Weil die Krise an den Kern der nationalen Selbstgewissheit geht, tun wir Deutsche uns schwer damit, die Schwere der Krise anzuerkennen.

Und doch ist es unverkennbar: Der Kahlschlag wird viel brutaler sein, als es bislang im Bewusstsein von Politik und Wirtschaft angekommen ist. Stattliche Großkonzerne könnten im Zuge der Krise untergehen. Dass Millionen von Arbeitsplätzen in der Industrie und in mittelbar betroffenen Dienstleistungsbranchen verloren gehen werden, scheint bereits sicher.

Diese Krise fordert zum Handeln: Deutschland - neben Japan die letzte große westliche Industrienation - muss sich neu erfinden. Wir müssen eine neue Vorstellung unseres zukünftigen Geschäftsmodells entwickeln. Das heißt nicht notwendiger Weise: Deindustrialisierung. Die Antwort kann auch in einer intelligenten Re-Industrialisierung liegen. Ideen sind gefragt: Wirtschaft, Wissenschaft und Politik müssen neue Visionen entwickeln. Weil das bloße "Weiter so!" nicht mehr trägt.

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