Bankenrettung Die Good-Bank-Lösung

In der kommenden Woche berät die Bundesregierung, wie Banken von ihren Altlasten zu befreien sind. Doch auf die Kernfragen gibt es keine Antwort: Welchen Wert hat der Giftmüll? Und wie kann die Kreditvergabe wieder in Schwung kommen? Internationale Experten empfehlen statt der Rettung der alten Banken einen radikalen Neubeginn.

Hamburg - Das Problem drängt. Längst geht es nicht mehr nur um den sogenannten Giftmüll, um verbriefte Kreditpapiere, die selbst Insider nicht durchschauen. Der Internationale Währungsfonds hat seine Schätzung der weltweiten Ausfälle in den Bankbilanzen jüngst auf vier Billionen Dollar verdoppelt. Der Großteil davon sind Forderungen aus ganz gewöhnlichen Krediten: Wegen der Wirtschaftskrise können immer mehr Unternehmen und Privathaushalte ihre Schulden nicht mehr bedienen.

Ab dem Sommer könnte diese neue Welle der Finanzkrise in die Bankbilanzen schwappen. Allein für deutsche Banken wird ein Verlustrisiko von 200 bis 600 Milliarden Euro geschätzt. Zum Vergleich: Laut der jüngsten Statistik der Bundesbank wies die gesamte Branche ein Kapital von 415 Milliarden Euro auf. Die Finanzindustrie steht also, wenn die negativen Szenarien eintreten, vor dem kollektiven Bankrott. Banken, die mit ihren Altlasten aus eigener Kraft fertig werden können, sind eher die Ausnahme als die Regel.

Selbst die gewaltigen Summen an staatlicher Kapitalhilfe, die seit dem Herbst geflossen sind, bringen den Kreditmotor der Wirtschaft nicht wieder in Schwung, weil das Geld von den wachsenden Verlusten der Banken aufgezehrt wird. Nötig scheint also eine umfassende Säuberung der Bilanzen, die den Banken erlaubt, wieder nach vorn zu schauen.

Weltweit haben verschiedene Staaten ihre eigenen Antworten auf das Problem gefunden. Die USA wollen mithilfe privater Investoren einen Preis für den Giftmüll finden - den allerdings fast ausschließlich die Staatskasse aufbringen muss. Irland plant direkt eine nationale Bad Bank, die den Banken für 80 bis 90 Milliarden Euro Immobilienkredite abkaufen soll - nach einer eigenen Wertschätzung. Die britischen Banken behalten die Papiere in den eigenen Büchern, aber die Regierung steht mit bis zu 600 Milliarden Pfund gerade. Auf eine ähnliche Variante scheint auch Bundesfinanzminister Peer Steinbrück zu setzen, der allerdings eine kleinere Summe für dezentrale Bad Banks bereitstellen und den eigentlichen Giftmüll von der Staatsgarantie ausnehmen will.

All diesen Lösungen ist eines gemeinsam: Im Verlustfall haften die Steuerzahler. Und es bleibt fraglich, ob die so teuer geretteten Banken überhaupt in die Lage versetzt werden, die Wirtschaft wieder mit ausreichenden neuen Krediten zu versorgen. "Sie wissen ja, dass ihnen noch etliche Ausfälle bevorstehen", erklärte Starinvestor George Soros auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos und stellte seine Alternative vor: die "Good Bank". Statt dem schlechten Geld gutes hinterherzuwerfen, solle der Staat lieber neue Banken mit den wertvollen Aktiva der alten Banken gründen und diesen Instituten Kapital geben.

"Der Verschmutzer zahlt"

Für die Restbanken, die auf einem Haufen Schulden und faulen Krediten sitzen bleiben, dürfte das in den meisten Fällen den sicheren Weg in die Pleite bedeuten. Sie würden automatisch zu Bad Banks, nur ohne staatliche Unterstützung. Dennoch finden etliche Experten, dies sei der bessere Weg, das Finanzsystem zu stabilisieren. Bloß weil man die Banken retten will, müsse man nicht auch die Banker und Aktionäre retten, erklärt Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz. Im Gegenteil: Ohne deren Ansprüche käme die Rettung billiger für die Steuerzahler. Das Prinzip "Der Verschmutzer zahlt" müsse gelten, fordert Stiglitz, das sei "eine Frage von Fairness und Effizienz".

Willem Buiter von der London School of Economics will den alten Banken sogar die Banklizenzen entziehen. Sie würden in ein normales Insolvenzverfahren gehen und "nur noch existieren, um ihr Portfolio aus schlechten und giftigen Wertpapieren und Forderungen abzuwickeln". Überdies sollten neben Management und Aktionären auch die unbesicherten Gläubiger der alten Banken (also nicht die Einleger) in die Haftung genommen werden. Gerecht sei das allemal, denn die meisten großen Geschäftsbanken in Europa und den USA seien gescheitert. "Nur die Staatshilfe steht zwischen ihnen und der Insolvenz", urteilt Buiter.

Die wichtigen Funktionen der Bank wären nach dem britischen "Special Resolution Regime" oder den Regeln der US-Einlagensicherungsbehörde FDIC problemlos auf das neue Institut zu übertragen. Für die Bankkunden und Beschäftigten würde sich außer dem Namen der Bank nicht viel ändern. Auch die deutsche Bundesregierung bereitet neue Gesetze vor, um im Ernstfall auch eine geordnete Abwicklung von Banken zu ermöglichen.

Gegenüber einer Bad-Bank-Lösung hat die Good Bank laut Buiter den Vorteil, dass nur für die guten, liquiden Vermögenswerte ein Preis gefunden werden müsse. Außerdem gebe die Regierung ihr Geld sinnvoll aus, weil es direkt für neue Kredite zur Verfügung stehe. Und die Steuerzahler hätten mit ihren Anteilen an der Good Bank eine Chance auf ein gewinnbringendes Investment, das später auch privates Kapital anziehen könnte. Und schließlich: "Welcher Politiker würde nicht lieber mit der Schaffung einer guten Bank als der Schaffung einer schlechten Bank assoziiert werden?"

Ursprünglich stammt die Idee von Jeremy Bulow und Paul Klemperer, zwei Ökonomen der Universitäten Stanford und Oxford. Sie empfehlen jedoch eine andere Vorgehensweise: Die neue Good Bank übernimmt alle Aktiva, inklusive Giftmüll. Statt gute von schlechten Krediten zu unterscheiden, solle auf der Passivseite der Bilanz aussortiert werden: Welche Ansprüche von Gläubigern müssen bedient werden, und welche kann man in der Pleitebank zurücklassen?

"Sie müssen nicht jeden Penny bekommen"

Freilich müsse man jedem Gläubiger so viel zurückgeben, wie er im Fall einer Insolvenz bekäme, gestehen Bulow und Klemperer ein. "Aber sie müssen nicht jeden Penny bekommen, den die Bank ihnen schuldet." Es gebe eine klare Reihenfolge, wie die Insolvenzmasse einer Bank auf die verschiedenen Ansprüche zu verteilen ist:

  • Zuerst werden die Verwaltungskosten der Liquidierung bezahlt
  • dann kommen die besicherten Gläubiger zum Zug
  • danach die Einleger (für die sonst der Einlagensicherungsfonds oder die staatliche Garantie greifen würden)
  • anschließend erst die unbesicherten Gläubiger
  • und schließlich die Aktionäre.

Die ersten drei Kategorien kämen nach dem Modell von Bulow und Klemperer in die Good Bank. Wie viel die unbesicherten Gläubiger zurückbekommen, hinge dann von der Solvenz der neuen Bank ab. Die Aktionäre gingen leer aus, weil die alte Bank überhaupt nichts mehr zu verteilen hätte.

In Deutschland haben derartige Vorschläge noch nicht die Runde gemacht. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat immerhin ein eigenes Bad-Bank-Modell vorgestellt, das der Good-Bank-Idee zum Teil ähnelt: Der Staat nimmt den Banken zwar "Problemaktiva" mit einem Buchwert von 200 bis 300 Milliarden Euro ab, bezahlt dafür aber nichts. Die Institute müssten also den kompletten Wert der Papiere in ihrer Bilanz abschreiben, bekämen aber im Gegenzug eine ebenso hohe Kapitalbeteiligung vom Bund.

"Unser Modell bringt Verstaatlichung und Bad Bank zusammen", erklärt DIW-Ökonomin Dorothea Schäfer. Der Verlust sei - entsprechend den "marktwirtschaftlichen Prinzipien der Ordnungspolitik" - von den Aktionären zu tragen, die Steuerzahler bekämen für ihren enormen Einsatz wenigstens "eine risikoarme Beteiligung an den Good Banks".

Auch der Bundesverband deutscher Banken (BdB) hat einen eigenen Vorschlag ins Spiel gebracht, der allerdings in mancher Hinsicht das genaue Gegenteil der DIW-Überlegungen enthält. Der Staat soll zunächst den vollen Buchwert der Papiere an die Banken zahlen, sodass die überhaupt keine weiteren Abschreibungen benötigen. Dann könne man auch den Banken selbst die Entscheidung überlassen, welche Papiere sie loswerden wollen. "Die Endabrechnung machen wir am Schluss", wünscht BdB-Hauptgeschäftsführer Manfred Weber. Das allerdings wäre Bad Bank pur.

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