Freitag, 13. Dezember 2019

G20-Analyse "Die Befreiung vom destruktiven Finanzkapitalismus ist misslungen"

Die Chance für den nötigen Neustart des Finanzkapitalismus wurde auf dem G20-Gipfel verpasst. Das schreibt Wirtschaftsethiker Friedhelm Hengsbach in einem Kommentar für manager-magazin.de. Grund ist die verengte Sicht der Staatslenker: Alle vergleichen die Krise mit den 30er Jahren, aber niemand denkt an die Chancen von 1944, 1948 oder 1989.

Der Jesuit Friedhelm Hengsbach (71) hat Philosophie, Theologie und Wirtschaftswissenschaften studiert. Er war langjähriger Leiter des Oswald-von-Nell-Breuning-Instituts in Frankfurt am Main und lehrt Sozial- und Wirtschaftsethik. Hengsbach hat sich profiliert als einer, der wirtschaftlichen Sachverstand mit der katholischen Soziallehre verbindet, etwa in seinem Buch "Das Reformspektakel".
Sankt Georgen
Der Jesuit Friedhelm Hengsbach (71) hat Philosophie, Theologie und Wirtschaftswissenschaften studiert. Er war langjähriger Leiter des Oswald-von-Nell-Breuning-Instituts in Frankfurt am Main und lehrt Sozial- und Wirtschaftsethik. Hengsbach hat sich profiliert als einer, der wirtschaftlichen Sachverstand mit der katholischen Soziallehre verbindet, etwa in seinem Buch "Das Reformspektakel".
Die Regierungen der G20 haben in London ein markantes Signal gegeben: Die Zeit ist vorbei, da die Welt auf die Selbstheilungskräfte der Finanzmärkte und Finanzunternehmen vertrauen kann. Wir brauchen einen politischen Bauplan.

Bemerkenswerte Ecksteine dazu sind jetzt von den nationalen Staatslenkern zusammengetragen worden:

  • Alle Finanzgeschäfte, alle Finanzunternehmen und alle Finanzplätze werden einer öffentlichen Aufsicht und Kontrolle unterstellt. Das gilt auch für hochspekulative Hedgefonds und für Ratingagenturen. Bedeutende Investmentgesellschaften müssen sich registrieren lassen und über ihre Geschäftspolitik informieren.
  • Steueroasen werden öffentlich geächtet, eine schwarze Liste nicht kooperationsbereiter Staaten veröffentlicht die OECD.
  • Banken sollen in guten Zeiten Reserven bilden, um für Krisenzeiten gerüstet zu sein.
  • Vergütungen für Manager sollen sich an langfristigen Perspektiven orientieren.
  • Die Rolle einer internationalen Frühwarnanlage und eines Überwachungsgremiums ist dem bisherigen Forum für Finanzstabilität zugewiesen. Seine Kompetenzen werden erweitert, Vertreter der Schwellenländer in das neue Gremium aufgenommen.

Damit ist die Liste der Reparaturen, mit deren Hilfe die Schäden der Finanzkrise aufgefangen werden, bereits beendet. Vermutlich sollte der IWF ebenfalls dieser Liste zugehören.

Aber eine solche Zuordnung finde ich problematisch, weil er mit einem gigantischen Kreditpotenzial aufgebläht worden ist, das die Funktion eines flächendeckenden Konjunkturprogramms für den weltwirtschaftlichen Süden erfüllen soll. Folglich wird er mit einer beispiellosen Geldschwemme arme Entwicklungsländer und Schwellenländer überfluten, damit sie den Kampf gegen die Armut bestehen. Mexiko hat sich bereits für einen solchen Kredit angemeldet.

Die Aufwertung des IWF wirkt paradox, zumal er in der Vergangenheit den engen Schulterschluss zur Wall Street und zum US-Finanzministerium gepflegt, Schuldnerländer mit marktradikalen Auflagen drangsaliert und sich bei der Bewältigung der Asien-Krise nicht bewährt hat.

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