Jenseits der Abwrackprämie "Vom Statussymbol zum Funktionsgut"

Rund eine Million Anträge auf die Abwrackprämie wurden bereits gestellt. Auch Stefan Bratzel ist von diesem "enormen psychologischen Mitnahmeeffekt" überrascht worden. Der Automobilexperte sagt im Interview, warum er aber noch mehr als die "famose Marktverzerrung" das Ende der Emotionalität des Autokaufs fürchtet.
Von Arne Stuhr

mm.de: Herr Professor Bratzel, der Topf für die Abwrackprämie ist aufgebraucht - rund eine Million Anträge auf den Staatszuschuss wurden bereits gestellt. Nun soll der Politikschlager in die Verlängerung gehen. Glücks- oder endgültiger Sündenfall für die Autoindustrie?

Bratzel: Hauptsächlich profitieren von der Abwrackprämie wie zu erwarten die im Volumenbereich tätigen Händler. Das gilt sowohl für die hiesigen Anbieter von Importmarken als auch für die VW-, Ford- oder Opel-Händler um die Ecke. Das sei ihnen gegönnt, aber es war auch genauso zu erwarten, dass die gesamte deutsche Autoindustrie, die ja rund 70 Prozent ihrer Produktion im Ausland absetzt, nur beschränkt profitieren wird. Vor allem zum Premiumbereich passt dieses Instrument, das nun eine famose Marktverzerrung erzeugt, gar nicht. Aber auch das war vorher klar.

Was ich nicht erwartet habe, ist hingegen diese Torschlusspanik, dieser enorme psychologische Mitnahmeeffekt. Diese Dimensionen haben mich wirklich überrascht.

mm.de: Damit ist der Kater nach dem Abwrackrausch doch ausgemachte Sache, oder?

Bratzel: Richtig, hier wird ein völlig falsches Preissignal gesetzt. Man kauft halt, weil man etwas vom Staat hinzubekommt. Das halte ich für eine sehr kritische Geschichte.

mm.de: Wir haben praktisch beim Autokauf das Ende der knappen Güter erreicht.

Bratzel: So ist es. Aber es kommt noch schlimmer. Die Emotionalität des Autokaufs, die ohnehin langsam zum Problem wird, schwindet durch solche falschen Preissignale noch stärker. Und schon heute können wir in Studien bei den 18- bis 25-Jährigen eine viel rationalere Betrachtung des Themas Automobil feststellen.

mm.de: Da kommen also auf die Pkw-Hersteller die Probleme zu, wie sie die Motorradindustrie schon jetzt empfindlich zu spüren bekommt.

Bratzel: Exakt. Und in diese Bewegung hinein werden nun Autos über den Begriff Abwrackprämie verkauft. Das ist besonders für Premiumhersteller eine absolut heikle Angelegenheit, die ja über Emotionen und eben nicht über den Preis ihre Autos verkaufen dürfen.

mm.de: Also Jackpot- statt Autofieber?

Bratzel: Wir verabschieden uns in der Tat mit dieser Goldgräberstimmung schon ziemlich weit von der Realität. Zumal das Ganze als Konjunkturhilfe nur den Charakter eines Strohfeuers hat. So werden ja viele Autokäufe lediglich vorgezogen, beziehungsweise statt zwei- oder dreijähriger Autos jetzt Jahreswagen gekauft.

mm.de: Was den Gebrauchtwagenmarkt schon mächtig in die Knie zwingt.

Bratzel: Klar, auch dort kommt es wie bei den Neuwagen zu massiven Verzerrungen mit riesigen Vermögensverlusten, die man ehrlicherweise in die Gesamtrechnung einbeziehen müsste.

Der Autokauf und die Angst vor dem Nachbarn

mm.de: Wie hätte man es denn besser machen können mit der zur Abwrack- mutierten Umweltprämie?

Bratzel: Mein Plädoyer wäre gewesen, Geld in Forschung und neue Technologien zu stecken, weil uns das auch nach der Krise helfen wird. Die Abwrackprämie wird uns nach der Krise nicht mehr helfen.

mm.de: In einem halben Jahr öffnet die IAA ihre Pforten. Vor zwei Jahren mussten Autos erstens iPod-weiß und zweitens mit Hybridantrieb ausgestattet sein - also schick und sauber. Heißt das neue Motto in Zeiten der Abwrackprämie nun billig und sauber?

Bratzel: Die Themen Low Cost und Downsizing waren ja schon bei der vergangenen IAA zu beobachten. Was aber erst seit Ende 2007 eine richtige Dynamik gewonnen hat, ist der Megatrend Elektroauto. Da sind alle Hersteller intensiv dran, und das wird die Messe prägen.

mm.de: Wenn alle technologisch in die gleiche Richtung laufen, gewinnt das Marketing stark an Bedeutung. Geht es - nicht nur wegen der Elektromotoren - in der Autoindustrie immer weniger um das berühmte Benzin im Blut?

Bratzel: Gerade bei den Premiumherstellern hat man sich in der Tat technologisch sehr stark angenähert. Also geht es nun darum, was man über das hinaus, was die Käufer eh von einem Wagen der Oberklasse erwarten, noch bieten kann. Bei dieser Emotionalisierung spielt das Thema Design eine große Rolle, aber auch wie es mir gelingt, meine Marke in der Öffentlichkeit zu positionieren. Hierbei sind Umwelt und Energie ganz wichtige Begriffe, denn man muss ja heute seinem Nachbarn erklären können, warum man genau dieses Auto fährt.

mm.de: Wenn die soziale Kontrolle schon so weit geht, drängt sich doch die Frage auf, ob die Liebe der Deutschen zum Automobil endlich ist?

Bratzel: Der Trend, dass sich das Auto weg vom Statussymbol hin zum rationalen Funktionsgut entwickelt, ist vor allem für die Premiumhersteller sehr gefährlich. Hierbei spielt aber nicht nur das schon angerissene schwindende Interesse der Jugend am Auto eine Rolle, sondern auch die größer werdende Käufergruppe der Frauen, die viel rationaler an das Thema rangehen als die Männer.

mm.de: Die Folgerung müsste demnach sein, statt der Zylinderzahl die Umweltverträglichkeit eines Autos zum Statussymbol zu machen.

Bratzel: Ganz genau, das ist eine Möglichkeit, wo praktisch die Neuerfindung des Automobils beginnen kann. Denn in gesättigten Märkten, in denen nur noch über den Preis verkauft werden kann, ist kaum noch Wachstum zu erzielen. Es muss also wieder Bewegung in das Produkt Auto kommen. Dafür darf man natürlich nicht nur den Motor - Stichwort Elektroauto - austauschen, sondern ich glaube, dass das Auto an sich eine Veränderung durchlaufen wird, das "Konzept Automobil" wird neu definiert.

mm.de: Was erwarten Sie konkret?

Bratzel: Das Auto wird nicht mehr so schwer sein, andere - eventuell auch geringere - Sicherheitsstandards erfüllen und womöglich von jemandem anderen als heute verkauft werden. Oder es gibt gleich ganz andere Geschäftsmodelle. Denken Sie an die Stromkonzerne und ähnliche Unternehmen, die jetzt bei diesem Thema schon mitmischen.

mm.de: Es geht also darum, das Auto nicht besser, sondern anders zu machen?

Bratzel: Das ist genau mein Argument. Das Auto muss ein anderes Produkt werden.

mm.de: Eine für das Gespräch mit einem Autoexperten vielleicht ketzerische Frage zum Schluss. Halten Sie es für möglich, dass alle Anstrengungen am Ende vergeblich sein werden, weil wir schneller als erwartet das Ende der individuellen Mobilität erleben werden?

Bratzel: Ich glaube, dass individuelle Mobilität eine anthropologische Grundkonstante ist, die sich durch ein "sich selbst bewegendes Gefährt", einem Automobil also, nach wie vor am besten darstellen lässt.

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