Arbeitsmarkt Kündigungswelle droht im Herbst

Noch bewahrt die Kurzarbeit viele Arbeitnehmer vor Entlassungen. Doch bleibt die Auftragslage mau, könnte auf die rasant steigende Zahl von Kurzarbeitern eine massive Kündigungswelle folgen. Experten zeichnen ein düsteres Szenario.
Von Alexander Hämmerli

Nürnberg - Die Wirtschaftskrise reißt den Arbeitsmarkt mit sich in die Tiefe. Deutlich zeigt das die neueste Horrormeldung der Bundesagentur für Arbeit: Erstmals seit über 80 Jahren erlebte die Beschäftigungsquote keine Frühlingsbelebung. Sprich: Im März standen mehr Leute auf der Straße als im Februar. Konkret stieg die Zahl der Arbeitslosen um 34.000 auf 3,58 Millionen. Das kommt einer Arbeitslosenquote von 8,6 Prozent gleich.

Dass die Zahl nicht deutlich höher ausgefallen ist, verdanken die deutschen Arbeitnehmer insbesondere der Kurzarbeit. Laut Holger Schäfer, Arbeitsmarktökonom beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft, wären ohne entsprechende Möglichkeiten 300.000 bis 600.000 Menschen mehr arbeitslos, was Arbeitslosenquoten von 9,2 bis 14 Prozent bedeuten würde.

Schäfer geht bei seiner Schätzung von etwas mehr als einer Million Menschen aus, die sich derzeit in der Kurzarbeit befinden.

Klar ist, dass Ende 2008 etwas über 400.000 Arbeitnehmer Kurzarbeit leisteten und dass die Unternehmen in den ersten drei Monaten dieses Jahres 1,7 Millionen neue Anmeldungen gemacht haben. Das sind etwa 26 Mal so viel wie im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Nach vorläufigen Erkenntnissen kommen im April außerdem bis zu 740.000 dazu, wie Raimund Becker, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, verlauten ließ.

Insgesamt wären das also rund 2,4 Millionen Anmeldungen im ersten Trimester, wobei zu beachten ist, dass nicht alle Unternehmen die bewilligte Kurzarbeit auch tatsächlich einführen und dass viele Unternehmen die Maßnahmen auf weniger als die vom Bund zugestandenen 18 Monate befristen.

Kommt im Herbst die Kündigungswelle?

Trotz Kurzarbeit und damit gekoppelten Stützen vom Staat könnten schon bald etliche Unternehmen dazu gezwungen sein, von "sozialverträglichen" Alternativen abzusehen und Arbeitnehmer zu entlassen.

Denn auch unter Kurzarbeit Beschäftigte kosten Geld. Bleiben die Aufträge über einen längeren Zeitraum aus, stehen wohl oder übel Kündigungen an. Die kritische Grenze ist laut dem Arbeitsmarktexperten Schäfer nach etwa einem halben Jahr erreicht.

"Da sich die Zahl der Kurzarbeiter seit Anfang des Jahres extrem vergrößert, könnten wir es also schon bald mit Massenentlassungen zu tun bekommen", sagt Schäfer. Diese Einschätzung teilen mehrere Bankenvolkswirte, die die extrem steigende Zahl von Kurzarbeitern als Vorbote für Entlassungswellen im Spätsommer deuten: Gegeben, dass sich die Situation nicht verbessert.

Arbeitslosenquote von 11,5 Prozent droht

Mit einer Kündigungswelle rechnet wohl auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Deren Ökonomen prognostizieren für die Bundesrepublik bis zum Jahr 2010 mehr als fünf Millionen Arbeitslose. "Die Arbeitslosenquote könnte auf die Marke von 11,5 Prozent steigen", sagte OECD-Volkswirt Klaus Schmidt-Hebbel gestern in Paris. Entsprechend hoch ist die Angst der Deutschen, ihre Stelle zu verlieren. Laut einer kürzlich im "Stern" publizierten Umfrage bangen 29 Prozent um ihren Job, 67 Prozent glauben, dass die Arbeitslosigkeit steigt.

Sollten sich die Arbeitsmarktzahlen in dem von der OECD erwarteten Maße verschlechtern, würde das die Erfolge seit dem Jahr 2005 zunichte machen. Damals lag die Zahl der Arbeitslosen in einzelnen Monaten tatsächlich über fünf Millionen. Damit es nicht dazu kommt, müsste sich die Stimmung im Welthandel deutlich verbessern. Denn Deutschland ist als Noch-Exportweltmeister wie kaum ein anderes Land abhängig vom internationalen Güteraustausch. Bis es soweit ist, empfiehlt die OECD weitere Konjunkturmaßnahmen.

Die dunklen Wolken brauen sich freilich nicht nur über dem deutschen Himmel zusammen: In Großbritannien etwa befindet sich die Arbeitslosigkeit mit 6,3 Prozent auf einem Zwölf-Jahres-Hoch, Frankreich pendelt um einen Wert von 8 Prozent und die USA befürchten einen Anstieg in diesem Jahr von 8,1 auf 9,4 Prozent. Lettland und Litauen erwarten bis Jahresende sogar Quoten von rund 15 Prozent.

Die Arbeitslosigkeit in der Schweiz dürfte einer Bundesprognose zufolge von derzeit 3,8 auf 5,2 Prozent im kommenden Jahr steigen. International ist das zwar wenig, laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) war die Arbeitslosenquote der Helveten aber seit 1997 nicht mehr so hoch.