Dienstag, 22. Oktober 2019

IW-Chef Hüther Von Steigbügelhaltern und Sachwaltern

Wirtschaftsforscher Michael Hüther fordert kurz vor dem G20-Gipfel von der eigenen Zunft, ihre Verantwortung für die Finanzkrise aufzuarbeiten. Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft spricht im Interview über die Folgen der Zahlengläubigkeit, die Aversion der Deutschen gegen Wettbewerb und die Führungsschwäche der Kanzlerin.

mm.de: Herr Professor Hüther, Sie haben die Finanz- und Wirtschaftskrise jüngst als " Waterloo der Ökonomik" bezeichnet. Wie waren die Reaktionen der Kollegen? Sind Sie nun der Nestbeschmutzer der VWL?

Michael Hüther ist seit Mitte 2004 Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Der promovierte Ökonom war zuvor Chefvolkswirt und Bereichsleiter Kommunikation bei der Dekabank in Frankfurt. Seit 2001 ist der 46-Jährige Honorarprofessor an der European Business School in Oestrich-Winkel.
Hüther: Nestbeschmutzer ist glaube ich ein falsches Bild. Die Volkswirtschaftslehre muss sich als Akteur in diesem Kontext genauso befragen lassen und sich selbst befragen, wie das die Banker, die Aufsicht, die Regulierer oder die Ratingagenturen tun müssen.

mm.de: Und das ist unter den Wirtschaftswissenschaftlern so Konsens?

Hüther: Es gibt immer welche, die von der Überlegenheit des eigenen Wissens geprägt sind, aber insgesamt wurde meine Kritik positiv aufgenommen. Ich habe ja auch gar nichts gegen die formalen und mathematischen Ansätze in der Ökonomik, da gibt es viel Gutes.

mm.de: Sie werfen den stark formal arbeitenden Ökonomen vor, zu sehr Naturwissenschaftler sein zu wollen. Was stört Sie daran?

Hüther: Sie finden heute eine Methodengläubigkeit, die verkennt, dass ein ökonomisches System immer wieder erratische Impulse erfährt, weil in ihm Menschen aus ihren Präferenzen und Gefühlslagen heraus handeln. Die Ökonomik ist eine Wissenschaft vom sozialen Handeln des Menschen. Und dieses entzieht sich eben häufig der formalen Darstellbarkeit.

mm.de: Würden Sie so weit gehen, dass die Zahlengläubigkeit einiger Wirtschaftsforscher sogar Steigbügelhalter für die nun zusammengebrochenen Geschäftsmodelle der Finanzindustrie, speziell des Investmentbankings war?

Hüther: Sicherlich gibt es eine Parallelität im Grad der eigenen Überhöhung. Zudem haben sich beide Bereiche in der Interaktion gegenseitig vorangetrieben. So haben sich die Banken zum Beispiel relativ naiv auf Risikomodelle verlassen, die mit begrenzten historischen Datenreihen versucht haben, Dinge abzubilden. Gefehlt hat aber der Mut zu einer qualitativen Bewertung der Modelle. Es ist halt nicht immer alles nur schwarz oder weiß, null oder eins.

mm.de: Sie sprechen sich für eine Rückbesinnung auf die Ordnungsökonomik eines Walter Eucken aus. Professor Ritschl von der London School of Economics zum Beispiel hält Euckens Ordnungstheorie für einen bereits bis zum Ende abgeschrittenen Sonderweg, der sich als "steril" und für das ökonomische Denken "unfruchtbar" erwiesen hat.

Hüther: Ich halte Albrecht Ritschl für einen der besten Wirtschaftshistoriker, den wir haben, aber seine Theorie vom Sonderweg ist nicht überzeugend. Es sind ja aus der Ordnungsökonomik heraus viele Anregungen für andere Stränge der Volkswirtschaftslehre erfolgt. Auch wenn sich heute vielleicht die Sprache geändert hat, geht es im Prinzip immer noch um dieselben Themen.

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