Sonntag, 17. November 2019

IW-Chef Hüther Von Steigbügelhaltern und Sachwaltern

5. Teil: "Eine Konjunkturprognose ist eigentlich eine Geschichte"

mm.de: Zuletzt haben viele Ihrer Kollegen die Prognosen für die Wirtschaftsentwicklung nochmals gesenkt. Wie lautet Ihre aktuelle Schätzung?

Die Herausforderung: "Es muss ökonomisch darum gehen, die Fallhöhe auf null zu bringen"
[M] DPA; mm.de
Die Herausforderung: "Es muss ökonomisch darum gehen, die Fallhöhe auf null zu bringen"
Hüther: Wir kommen mit der neuen Prognose Anfang Mai. Daher kann ich Ihnen derzeit keine konkrete Zahl nennen. Ich halte das momentan aber auch nicht für zielführend. Die Herausforderung ist vielmehr zu erklären, dass wir es für plausibel halten, dass irgendwie zur Jahresmitte die Talsohle erreicht wird. Es muss ökonomisch darum gehen, die Fallhöhe auf null zu bringen und wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Dafür gibt es zwar eine Reihe von Argumenten, was wir aber nicht genau wissen ist, ob es Früh-, Hoch- oder Spätsommer wird. Was ich damit sagen will, ist, dass schon eine leichte Verschiebung von nur einem Monat zum Beispiel vom Juni in den Juli oder vom September in den Oktober, für den Jahresdurchschnitt beim Bruttoinlandsprodukt eine extreme Wirkung hat. Von minus 3 bis minus 5 Prozent oder noch ein bisschen mehr ist dann alles plausibel, obgleich es ökonomisch betrachtet in der Substanz nicht wirklich einen Unterschied macht, ob ich vier Wochen früher oder später die Talsohle erreiche. Daher sollte man eher das Augenmerk auf den Verlauf der Konjunktur richten, um davon abzuleiten, wie tief die Belastungen werden können. Und dann ist der Jahresdurchschnitt nur eine rechnerische Resultante, sagt aber selbst nicht sehr viel aus.

mm.de: Wie am Anfang unseres Gesprächs geht es also auch hier um eine überhöhte Zahlengläubigkeit.

Hüther: Richtig, wir müssen auch die Story sehen. Eine Konjunkturprognose ist eigentlich eine Geschichte, die man erzählt, und keine Zahl.

mm.de: Und bald auch wieder eine Erfolgsgeschichte?

Hüther: Dafür gibt es einige valide Argumente. So haben wir erkennbare Entspannungen im Finanzsystem, wir sehen es an der Zinsstrukturkurve, für China gibt es erste aufgehellte Perspektiven, und selbst in den USA sehen wir Anzeichen, die auf eine Bodenbildung hinweisen. Zudem wird auch die Geldpolitik ihre Wirkung entfalten.

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