Samstag, 7. Dezember 2019

IW-Chef Hüther Von Steigbügelhaltern und Sachwaltern

4. Teil: "Die Finanzwelt wird vielleicht langweiliger"

mm.de: Die diese im Umfeld des G20-Treffens dieser Tage massiv vortragen werden. Was erwarten/befürchten Sie von der Zusammenkunft der Mächtigen in London?

Londoner Finanzdistrikt: "Ich sehe eine Renaissance der klassischen Bankbeziehung, in der Bank und Markt als zwei Wege der Finanzierung nicht gegen-, sondern miteinander arbeiten"
Hüther: Ich befürchte kein Scheitern, weil ich denke, dass die Voraussetzungen gut sind, zu einem Konsens zu kommen. Vor allem nach den jüngsten Äußerungen der amerikanischen Administration. Timothy Geithners Reformperspektiven der amerikanischen Finanzaufsicht sind ja nicht mehr weit von unseren Ansätzen entfernt.

Oder nehmen Sie die britische Finanzaufsicht FSA, die unter der Regierung Blair immer gezügelt wurde. Dessen Nachfolger Gordon Brown hat nun zugegeben, dass dies ein Fehler war. Gerade die beiden angelsächsischen Länder haben begriffen, dass wir eine ganz andere Aufsichtsnotwendigkeit haben. Es ist ja nicht mit Regulierung allein getan, Regulierung funktioniert in diesem Markt nur, wenn ich auch eine Aufsicht habe, weil es eben nicht um Straftatbestände geht, sondern um richtige Anreizstrukturen.

Das Arbeitspaket ist schon im vergangenen November recht umfänglich und angemessen definiert worden. Daher bin ich da recht gelassen und eher positiv gestimmt.

mm.de: Und wie sieht die Finanzwelt von morgen aus?

Hüther: Sie wird vielleicht langweiliger, solider und ich denke auch nachhaltiger, weil die Eigenkapitalunterlegung stärker gefordert und die Optimierung der Eigenkapitalnutzung deutlich begrenzt werden wird. Zusätzlich gibt es einen Trend zur Transparenz und Standardisierung von Produkten, da sich zu komplizierte Angebote nicht mehr verkaufen lassen werden. Außerdem sehe ich eine Renaissance der klassischen Bankbeziehung, in der Bank und Markt als zwei Wege der Unternehmensfinanzierung nicht gegen-, sondern miteinander arbeiten.

mm.de: Der Finanzmarktvordenker Avinash Persaud hat jüngst davor gewarnt, sich bei der Beantwortung der Krise nur auf einen Weg als Allheilmittel zu verlassen. Schließlich sei es die Uniformität des Denkens und Handelns gewesen, die diese Krise ausgelöst habe. Teilen Sie seine Angst vor neuen Lemmingen?

Hüther: Nein. Die Ähnlichkeit der Akteure wird künftig zum Glück darin bestehen, dass sie diesen Unsinn nicht mehr machen, also keine Papiere mehr kaufen, die sie nicht verstehen, und keine Risikomodelle benutzen, deren Interpretation sie nicht beherrschen.

mm.de: Also keinen Wettbewerb der Regulierungen?

Hüther: Die Grundidee, dass künftig kein Finanzsektor mehr außerhalb der Aufsicht sein darf, um eine Regulierungsarbitrage zu verhindern, muss weltweit eine feste Komponente werden. Es hilft nicht, wenn sie irgendetwas regulieren, die Marktteilnehmer aber ausweichen können. Genau bei den Ausweichreaktionen hat es ja in der Vergangenheit ein Parallelverhalten gegeben - mit den bekannten schlimmen Folgen. Wenn ich diese Ausweichreaktionen unmöglich mache, laufen eben nicht alle in die gleiche Richtung. Eine gut gemachte Regulierung führt dazu, dass die Diversifizierung der Strategien auch zunehmen kann.

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