Dienstag, 24. September 2019

IW-Chef Hüther Von Steigbügelhaltern und Sachwaltern

3. Teil: "Das hat nun mal nichts mit der Gier zu tun"

mm.de: Ohne Ihrer Zunft zu nahe treten zu wollen, hat man zuletzt auch von vielen Nichtökonomen wie zum Beispiel dem Philosophen Peter Sloterdijk sehr gute Beiträge zur Krise gelesen. Verlieren die Ökonomen die Deutungshoheit?

Lotto-Jackpot: "Es ist meine feste Überzeugung, dass es eine tief sitzende Aversion gegen die Markt- sprich Wettbewerbswirtschaft gibt"
Hüther: Eine Gefahr besteht da schon, vor allem weil diese Krise recht schnell emotionale Reaktionen auslöst. So habe ich zum Beispiel Anfang des Jahres einen Vortrag über die Zeit vom Ende des Weltwährungssystems von Bretton Woods bis zur Subprime-Krise gehalten und wurde dafür kritisiert, dass ich ja gar nichts über die Gier sagen würde. Dabei hat es nun mal nichts mit der Gier zu tun, was sich in der Nachfolge vom Ende von Bretton Woods ereignete. Die emotionale Entrüstung macht es sehr schwer, mit Sachargumenten durchzukommen. Zusätzlich macht sich eine Diktion breit, dass es sich bei der Krise um Marktverwerfungen und Marktversagen handele, dabei ist es zum Teil ein Ordnungs- und damit Politikversagen. Wir haben eine Mischung aus individuellem Fehlverhalten und Systemversagen. Das muss man nur deutlich sagen, und dann wird man die Deutungshoheit auch nicht verlieren, zumal sich die Emotionalisierung auch wieder legen wird.

mm.de: Ist das Verhältnis zur Gier bei den Menschen nicht eh ein etwas zwiespältiges, wenn sich bei großen Jackpots vor den Lotto-Schaltern 40 Meter lange Schlangen bilden und gleichzeitig bei vielen Schadenfreude aufkommt, wenn ein zuvor erfolgreicher Unternehmer pleitegeht?

Institut der deutschen Wirtschaft - IW Köln
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) wurde 1951 als Deutsches Industrie-Institut (DI) gegründet. Träger des Wirtschaftsforschungsinstituts sind der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Das IW vertritt nach eigenen Angaben "eine klare marktwirtschaftliche Position" und will "das Verständnis wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Prozesse in Politik und Öffentlichkeit festigen und verbessern". Unter anderem arbeitet das IW mit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft zusammen. Die rund 300 Mitarbeiter des IW und seiner Tochtergesellschaften arbeiten an den Standorten Köln (Zentrale), Berlin (Hauptstadtbüro) und in der Verbindungsstelle am Sitz der Europäischen Kommission in Brüssel. Präsident des IW ist der ehemalige IVG-Chef Eckart John von Freyend.
Hüther: Es ist meine feste Überzeugung, dass es eine tief sitzende Aversion gegen die Markt- sprich Wettbewerbswirtschaft gibt. Denn das Prinzip des Wettbewerbs ist ja, dass ich ständig etwas anderes machen muss, weil jemand anderes etwas anderes macht. Die meisten sind aber Anpasser im Wettbewerb und nicht die Verursacher des Wettbewerbs. Sie müssen also ständig reagieren, und das ist vielen unangenehm. Dass dies ein Ausdruck einer Freiheitsordnung ist, wird dann nicht wirklich mehr im Kontext gesehen.

mm.de: Wie kommt es, dass derzeit Begriffe wie Freiheit und offene Märkte so diskreditiert sind?

Hüther: Diejenigen, die für diese Kategorien geworben haben, haben das häufig nur schlagwortartig getan. Durch die schablonenhafte Aussage, Deregulierung sei per se gut, wurde das Thema leider oft sehr undifferenziert verhandelt. Damit wurde der Eindruck erweckt, dass man jeglichen Rückzug des Staates gutheiße. So wurde gar nicht mehr bei jenen hingehört, die sagten, dass man zum Beispiel die Finanzaufsicht und die Finanzmarktregulierung nicht im Wettbewerb gestalten könne. Damit wurden Kritikern natürlich Angriffspunkte geliefert.

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