Sonntag, 25. August 2019

Autoindustrie Steinkohle auf Rädern

Ohne den Staat geht nichts mehr in weiten Teilen der Autoindustrie. Opel wird zum Spielball von SPD und Union, in den USA diktiert Washington den Autobauern bereits jeden Schritt. Die massiven Hilfen für die maroden Hersteller belasten die verbliebenen starken - und gefährden damit eine echte Genesung der gesamten Branche.

Hamburg - Die Attacke kam wenige Stunden vor Angela Merkels großem Auftritt in Rüsselsheim. Mit einem Zehn-Punkte-Plan zur Rettung von Opel preschte Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) vor und fuhr der Kanzlerin so in die Parade. Der Staat solle notfalls ohne einen privaten Investor die Regie beim angeschlagenen Autobauer übernehmen, Rüsselsheim Sitz einer neuen Europa-Holding werden und Wirtschaftsminister zu Guttenberg (CSU) ganz nebenbei seine Führungsrolle bei der Opel-Rettung verlieren. Wohl kalkuliert hat Steinmeier der Kanzlerin so die Show vor den Opelanern gestohlen.

Branche im Niedergang: Die marode Autoindustrie setzt auf die Hilfe des Staats
Opel wird damit endgültig zum Spielball der Politik. Weder in Detroit noch in Rüsselsheim wird faktisch über die Zukunft des Autoherstellers und seines Mutterkonzerns General Motors Börsen-Chart zeigen entschieden - das ist jetzt so klar wie nie zuvor. Washington und Berlin sind die Orte, an denen über Sein oder Nichtsein der Autobauer verhandelt wird. Seinen Aktionären bringt GM samt seiner Tochter Opel schon lange keinen Gewinn mehr - der Politik nutzen die Konzerne jedoch kurzfristig für ihre Zwecke.

Die US-Regierung will nur noch den ungeordneten Kollaps der Branche verhindern, diktiert ihr deshalb jeden Schritt und hält sie mit Milliardenspritzen am Leben. Frankreich verlangte Standortgarantien seiner kriselnden Autokonzerne im Gegenzug für Hilfen. Die Hauptdarsteller in der Berliner Großen Koalition sind gar dabei, Opel zum Wahlkampfthema Nummer eins zu erklären. Das Rüsselsheimer Unternehmen ist damit zugleich Sinnbild für weite Teile einer Branche, die wie selten zuvor am Tropf der Staaten hängt und womöglich genau deshalb keine Chance auf eine schnelle Genesung hat.

Abwrackprämien, Milliardenspritzen und mögliche Staatsbeteiligungen halten Teile der Branche in einer Art Wachkoma. Die Infusionen verhindern die dringend nötige Konsolidierung in der Branche und konterkarieren die Bestrebungen vergleichsweise gesunder Hersteller wie Volkswagen Börsen-Chart zeigen und Daimler Börsen-Chart zeigen, gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

"Opel wird zum Wahlkampfthema", sagt Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler zum Ringen um den angeschlagenen Rüsselsheimer Hersteller. Steinmeiers Konzept hält er für unausgereift - eine reine Beruhigungspille. "Es gibt viel zu viele offene Fragen. Ein Businessplan ist das jedenfalls nicht", sagt der Experte.

Steinmeier hatte vor allem damit argumentiert, dass bei einer Opel-Pleite 130.000 Arbeitsplätze in Deutschland auf dem Spiel stünden. "Die Gefahr, dass aus solchen Rechnereien falsche Schlussfolgerungen gezogen werden, ist hoch", sagt Pieper. Er bezweifelt, dass im Falle einer Opel-Pleite allein in der Zulieferindustrie mindestens 70.000 Arbeitsplätze bedroht seien.

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