Offensive der Staatsfonds Was die Araber an Deutschland reizt

Der Einstieg des Emirats Abu Dhabi bei Daimler ist vermutlich nur der Anfang: Arabische Investoren schauen sich verstärkt nach Zielen in Deutschland um und rennen in der Wirtschaftskrise offene Türen ein. Über die Strategie deutscher Konzerne wird künftig zunehmend am Golf entschieden - eine Entwicklung mit ungewissen Folgen.

Stuttgart/Hamburg - Khadem Al Qubaisi hält wirklich große Stücke auf die Produkte von Daimler . "Ich fahre übrigens einen SLR, und die meisten meiner anderen Autos sind auch von Daimler. Abgesehen von wenigen BMWs und Porsches", sagt der Vorstand der Investmentfirma Aabar, die dem Emirat Abu Dhabi gehört. Nicht zuletzt deshalb sei sein Fonds gerade mit 9,1 Prozent bei dem Stuttgarter Autobauer eingestiegen.

Gut gelaunt sitzen er und Konzernlenker Dieter Zetsche bei einer Pressekonferenz beisammen, um der Welt ihren Deal zu erklären. Qubaisi argumentiert lieber mit weichen Faktoren als mit harten Zahlen: Die deutsche Autoindustrie sei faszinierend, Daimler habe einen Investmentstil, der ihm gefalle. Doch er lässt keinen Zweifel: Auch in anderen Branchen geht noch was, speziell in Deutschland. Man stehe in einem "ständigen Dialog" mit der deutschen Wirtschaft: "Hier gibt es gute Unternehmen, gute Technik und gute Manager."

Eine Einschätzung, die zahlreiche Staatsfonds aus dem Nahen und Mittleren Osten teilen. Vieles spricht dafür, dass sie daher in nächster Zeit in Mitteleuropa und Deutschland verstärkt aktiv werden. Die Kassen der Fonds sind trotz Krise gut gefüllt, die Unternehmenswerte befinden sich im Keller und Regierungen geben angesichts verzweifelter Versuche, die Wirtschaft zu retten, den Widerstand gegen vermeintlich gefährliche Investoren aus dem Ausland auf.

"Daimler ist ein Signal", sagt Staatsfondsexperte Christoph Schalast, Professor an der Frankfurt School of Finance, im Gespräch mit manager-magazin.de. "Es wird mehr direkte Investments geben." Betroffen sind aus seiner Sicht nicht nur Dax-Konzerne. "Auch an Unternehmen im M-Dax sowie nicht börsennotierten Firmen sind Staatsfonds zunehmend interessiert."

Auch der in manche Transaktion eingebundene Nah- und Mittelost-Verein (Numov) rechnet mit mehr Investoren aus der Region. "Das Interesse ist sehr groß, es kommen weitere Einstiege auf uns zu", sagt der geschäftsführende Vorstand, Helene Rang, gegenüber manager-magazin.de.

"Es ist am besten zu kaufen, wenn am Markt Panik herrscht"

Ein wesentlicher Antrieb für die Entwicklung ist das historisch stark gesunkene Kursniveau an den Aktienmärkten. "Da kann ein Einstieg günstig erscheinen, auch aus Sicht der Staatsfonds", sagt der Analyst für Staatsfonds bei der Deutschen Bank, Steffen Kern. "Sollten die Manager das so beurteilen, dann ist es gut möglich, dass wir in nächster Zeit weitere Transaktionen wie die vom Wochenende sehen."

Den Zeitpunkt des Einstiegs bei Daimler hält auch Aabar-Vorstand Qubaisi für perfekt: "Es ist am besten dann zu kaufen, wenn am Markt Panik herrscht", macht er aus seiner Motivation keinen Hehl.

Auch viele andere Fonds haben aufgrund ihrer Zurückhaltung in den vergangenen Monaten Liquidität aufgebaut, die jetzt für Investitionen zur Verfügung stehen. "Die Fonds haben zwar auf der Einnahmeseite wegen der Wirtschaftskrise Einbußen", sagt Experte Kern von der Deutschen Bank. "Sie verfügen aber nach wie vor über Nettozuflüsse, die investiert werden müssen." Oft stehen wachsende Währungsreserven aufgrund hoher Rohstofferlöse dahinter.

Außer den üblichen Großinvestoren wie Abu Dhabi Investment Authority, Kuwait Investment Authority, Government Pension Fund of Norway oder China Investment Corporation treten verstärkt kleinere Staaten auf die Bühne. "Auch für viele Schwellenländer aus der zweiten Reihe wie Vietnam und Mexico werden Staatsfonds klar an Bedeutung gewinnen", erwartet Schalast.

Hintergrund: Angesichts anhaltender Turbulenzen und großer Unsicherheit über die künftige Marschrichtung an den Märkten hatten sich Staatsfonds mit größeren Transaktionen in den vergangenen Monaten zurückgehalten. Anstatt das Geld in alle Welt zu verteilen, sind einige Fonds dazu übergegangen, die heimischen Unternehmen zu stützen. "In der Golfregion und in Asien beteiligen sich Staatsfonds an der Stützung der heimischen Wirtschaft und investieren in Infrastruktur- und Bauprojekte im eigenen Land", sagt Kern.

Lediglich Auslandsinvestments im angeschlagenen Bankensektor sorgten in den vergangenen Monaten für Schlagzeilen. Ein Fonds aus Singapur beispielsweise stieg Ende 2007 mit fast zehn Milliarden Dollar bei der Schweizer Großbank UBS  ein. Die US-Bank Citigroup  meldete zudem Ende 2007, Anfang 2008 gleich zwei Großinvestments aus Singapur und Abu Dhabi. Insgesamt, so die Deutsche Bank in einer Studie, haben Staatsfonds 2007 und 2008 weltweit 92 Milliarden Dollar in Banken und Finanzkonzerne investiert.

Die neue Staatsfonds-Strategie: Einmischen statt abnicken

In den meisten Fällen dürften die Fondslenker mit ihren Engagements nicht sehr glücklich sein - und gerade deswegen planen sie nun eine neue Investitionsoffensive mit verlagertem Schwerpunkt. "Die Finanzkrise hat sie wachgerüttelt", sagt Schalast. "Sie müssen deshalb über ihre Strategie nachdenken."

Wie diese aussieht, könnte sich schon am Beispiel Daimler zeigen. Mit dem Stuttgarter Autobauer plane Aabar eine enge Verflechtung, kündigen Zetsche und Qubaisi an. Angedacht sind Projekte in der Batterieentwicklung und bei neuen Verbundwerkstoffen. Außerdem soll Daimler helfen, ein emissionsfreies Verkehrsprojekt in einer Stadt des Emirats umzusetzen und eine Fachakademie für Automobilbau einzurichten. Nur eine arabische Mercedes-Fertigung schließt Qubaisi aus: zu teuer, zu kleiner Markt.

Nun gilt die Devise "Einmischen statt Zugucken". "Viele Staatsfonds sind fest entschlossen, aktiver ins Management bei den Unternehmensbeteiligungen einzugreifen" kommentiert Experte Schalast die neue Aktivität bei Staatsfonds. "Die Anlagestrategie der Investoren verändert sich. Sie verhalten sich zunehmend wie klassische Investoren."

Bestätigt sich der Trend, sind die Zeiten vorbei, als Investoren aus Arabien die Entscheidungen des deutschen Managements abnickten oder sich notfalls aus dem Unternehmen zurückzogen. So hatte Daimler mit seinem bisherigen arabischen Investor Kuwait meist einen Aktionär im Boot, der selten seine Zähne zeigte. Einmal immerhin drängte Kuwait auf eine schnelle Trennung von der defizitären Tochter Smart - ohne Erfolg.

Europa und Deutschland stehen weiter im besonderen Fokus der Investoren aus Arabien - auch wenn sie nun mehr mitentscheiden wollen. "Europa ist neben den USA das beliebteste Investitionsziel der Staatsfonds", sagt Kern. Dabei steht in Europa - anders als etwa in den Vereinigten Staaten - nicht so sehr der Finanzsektor im Fokus. Investiert wird laut Kern vielmehr in die ganze Bandbreite der Wirtschaft, vom Maschinenbau bis hin zur Autoindustrie - wie das Beispiel Daimler zeigt.

Und noch etwas spricht für Transaktionen in Europa: die Möglichkeit zur Währungsstreuung. "Viele Fonds versuchen, den Dollaranteil in ihren Portfolios nicht zu groß werden zu lassen", sagt Deutsche-Bank-Experte Kern. "Der Euroraum bietet sich zur Diversifikation an." Im Fall Deutschland sind es zudem oft emotionale Faktoren, die aus arabischer Sicht für ein Engagement sprechen. Eingeführte deutsche Marken wie Daimler versprechen eine "hohe Wertgarantie", wie es Schalast formuliert.

Deutsche Ziele für Araber besonders attraktiv

Politisch haben die Staatsfonds ihre Investments bisher kaum betrachtet, sind sich die meisten Experten einig, und das werde vermutlich auch so bleiben. "Die arabischen Staatsfonds verfolgen in der Regel keine industriepolitischen Vision mit ihren Engagements", sagt Schalast.

Mit anderen Worten: Es geht den Staatsfonds aus arabischen Ländern weniger um Technologietransfer oder eine wirtschaftspolitische Machtverschiebung an den Golf als um eine langfristig ertragreiche Finanzanlage.

Gegen einen Exodus deutscher Technologie hat die Bundesregierung zuletzt das neue Außenwirtschaftsgesetz auf den Weg gebracht. Experten erwarten jedoch, dass dieser Schutz gegen ausländische Investoren, die auf Beteiligungen von mehr als 25 Prozent zielen in Krisenzeiten kaum zum Tragen komme. Die Bundesregierung werde mit den Anträgen freigiebig verfahren, angesichts dringend benötigten Kapitals in vielen Firmen.

An den deutschen Konzernen wird der Einstieg von Staatsfonds kaum scheitern. Das legt jedenfalls eine Umfrage der Frankfurt School of Finance unter den 80 in Dax  und MDax  notierten Unternehmen nahe. "Die Firmen haben keine Bedenken was den Einstieg von Staatsfonds angeht", heißt es in der Studie, die manager-magazin.de vorliegt. Unternehmen sehen Staatsfonds demnach "als langfristig orientierte und zuverlässige Investoren." Eine strenge staatliche Kontrolle lehnen sie ab.

Die Managements deutscher Konzerne dürften sich nun darauf einstellen, enger mit ihren Investoren aus dem Nahen und Mittleren Osten zu kommunizieren - um beispielsweise schon im Vorfeld einer Hauptversammlung die Linie abzustecken.

Bei Daimler und Aabar scheint der kurze Draht schon zu funktionieren. Die Idee zum Einstieg sei bei einem Geschäftsessen vor vier Monaten entstanden, erzählt Qubaisi. Sein deutscher Geschäftspartner rief daraufhin spontan ein Aufsichtsratsmitglied bei Daimler an und fädelte den Kontakt auf diese Weise ein. Auch Daimler-Chef Zetsche lobt bereits das verbindliche Vorgehen der neuen Anteilseigner. Die Zahlung seiner Partner, schlappe 1,95 Milliarden Euro, sei im Laufe des Montagvormittags bereits auf einem Daimler-Konto eingetroffen.

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