Mittwoch, 23. Oktober 2019

Bankenrettung "Kultur der Komplizenschaft"

5. Teil: "Der Dominoeffekt kommt so oder so"


mm.de: Dann sprechen Sie wahrscheinlich auch nicht von "Systemversagen", weil so die Finanzverbrechen aus dem Blick geraten?

Galbraith: Die Systemfehler sind ganz offensichtlich! Das bedeutet aber nicht, dass es keine kriminellen Energien gab. Es ist wichtig auf die Sprache zu achten, mit der wir diese Phänomene beschreiben. Ich tue mich schwer mit neutralen Begriffen wie "Systemversagen" oder "Blase". Denn man könnte daraus den Schluss ableiten, die Beteiligten wären unschuldig. Das sehe ich aber ganz anders.

mm.de: Was war es dann?

Galbraith: Die Finanzkrise entwickelte sich in einer Kultur der Komplizenschaft. Das macht es heute so schwer, damit umzugehen, besonders für all jene, die selbst darin verwickelt waren, die sich selbst verleugnet haben, die auch schon das Ausmaß der Schäden erahnten. Wahrscheinlich dachten viele, sie würden schon irgendwie davonkommen. Nun müssen sie erkennen, dass sie uns in einen enormen Abschwung geführt haben.

mm.de: Zurück zu den Maßnahmen, die Sie vorgeschlagen haben, nämlich die Banken für insolvent zu erklären und nur die Einlagen staatlich zu sichern. Müssen wir nicht bei systemrelevanten Banken einen gefährlichen Dominoeffekt fürchten?

Galbraith: Den Dominoeffekt werden wir so oder so erleben. Die Frage an die Politik lautet vielmehr: Wollt ihr den Dominoeffekt jetzt lostreten oder wollt ihr euch mit diesen Problemen noch ein weiteres Jahrzehnt herumschlagen? Sie sollten gewarnt sein: Je länger sich die Krise hinzieht, desto größer werden die Verluste. Das ist die Lektion aus der japanischen Krise der 90er Jahre.

Es gibt Zeiten, da muss der Staat seine Handlungsfähigkeit sichern. Gut möglich, dass man, etwa im Fall der Hypo Real Estate, zu dem Schluss kommt, eine Bank sei für das Finanzsystem unersetzlich. Dann wird es höchste Zeit, diese Banker für die Allgemeinheit arbeiten zu lassen - und nicht die Allgemeinheit für diese Bank.

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