Analyse Lkw-Bauer vor jahrelanger Durststrecke

Die Lkw-Branche befindet sich im freien Fall. Nach einem katastrophalen vierten Quartal 2008 verliefen die ersten Wochen in 2009 noch schwächer als von manchem Hersteller befürchtet. Experten fürchten eine bis zu vier Jahre andauernde Durststrecke für die Hersteller.

München - "Die Talsohle ist noch nicht erreicht", sind sich Analyst Björn Voss von MM Warburg und Autoexperte Bernd Heid von der Unternehmensberatung McKinsey einig. "2009 erwarten wir weltweit einen Absatzrückgang von 20 bis 30 Prozent", sagt Heid. Hersteller wie Daimler oder MAN reagieren mit Kostensenkungen und Kurzarbeit. Ein Stellenabbau wird zumindest in Deutschland noch vermieden. Doch bei den Spediteuren stehen Zehntausende Jobs auf der Kippe.

Wann es in dem zyklischen Lkw-Geschäft wieder aufwärts geht, können derzeit weder Hersteller noch Experten einschätzen. Klar ist nur: Es wird lange dauern. Der Bedarf an Warentransporten ist massiv geschrumpft. Viele Spediteure haben Probleme, Kredite für Neufahrzeuge zu bekommen, und setzen deshalb vorhandene Laster länger ein. "Nach fünf Jahren Boom ist die Flotte auf der Straße vergleichsweise neu", sagt Voss. Noch vor kurzem gekaufte Fahrzeuge kämen zum Teil gar nicht mehr zum Einsatz. Dadurch seien viele junge Gebrauchte auf dem Markt. "Die Branche dürfte die nächsten zwei Jahre sehr schwach sein."

Erholung wird Jahre auf sich warten lassen

In der Vergangenheit hätten Abschwungphasen im Nutzfahrzeugmarkt anderthalb bis drei Jahre gedauert, erläutert McKinsey-Partner Heid. Auch diesmal werde die Erholung wegen der weltweiten Wirtschaftskrise mehrere Jahre auf sich warten lassen. "Das Niveau von 2008 wird wohl in den wichtigsten Nutzfahrzeugmärkten nicht vor 2012 wieder erreicht."

Zu den ersten Wochen 2009 sagen die Lkw-Bauer nichts Konkretes: "Es gibt noch keine Verbesserung", heißt es bei MAN nur. Im vierten Quartal waren bei den Münchnern die Neubestellungen auf 360 von 27.039 Lastwagen eingebrochen. Beim weltgrößten Hersteller Daimler heißt es nur, der Marktanteil in Europa sei im Januar auf 32,5 von 21,3 Prozent gewachsen. Laut Herstellerverband ACEA, zu dem auch Lkw-Bauer wie Volvo oder DAF zählen, brach der Markt in Europa gleichzeitig aber um 36 Prozent ein.

"Stärkster Nachfrageeinbruch sein Jahrzehnten"

In Deutschland sackten die Bestellungen für Schwerlaster aus dem Ausland - lange eine Stütze der Hersteller - laut VDA im Februar um 95 Prozent ein; bei Transportern belief sich das Minus auf 55 Prozent. Kaum besser sah es im vergangenen Monat bei den Bestellungen aus dem Inland aus. "Wir haben es sicherlich mit dem stärksten Nachfrageeinbruch seit Jahrzehnten zu tun", bilanziert VDA-Präsident Matthias Wissmann.

Wegen der Krise haben die Lkw-Bauer ihre Produktion deutlich eingeschränkt und fahren Kurzarbeit. Der weltgrößte Hersteller Daimler hatte dies noch vor ein paar Tagen für seine Lkw-Werke ausgeschlossen. Nun die Kehrtwende: Der Stuttgarter Konzern schickt rund 18.000 Beschäftigte in Kurzarbeit. Truck-Chef Andreas Renschler hat weltweit die Devise ausgegeben, dass kein Lkw ohne Auftrag gebaut werden soll, um nicht auf Halde zu produzieren. Bei MAN sind 9400 Beschäftigte in den Lkw-Werken von Kurzarbeit betroffen. Fürs zweite Halbjahr wird dies vorbereitet.

Jobs bei Herstellern bis 2011 halbwegs gesichert ...

Die Frage ist, wie lange die Hersteller mit Kurzarbeit auskommen. MAN-Chef Hakan Samuelsson betont regelmäßig, dass er auf Kündigungen im Inland verzichten will. In Polen wurden sie dagegen ausgesprochen. Daimler schließt in den USA und Kanada zwei Lkw-Werke - 3500 Beschäftigte landen auf der Straße. In Deutschland sind die Mitarbeiter durch eine Standortvereinbarung bis Ende 2011 vor Kündigungen sicher, bei MAN in München und Salzgitter bis Ende 2012. Allerdings haben bei MAN bereits Mitarbeiter das Unternehmen mit Abfindungen verlassen; laut Finanzchef Karlheinz Hornung hat der Konzern 78 Millionen Euro für ein entsprechendes Programm vorgesehen.

... aber Spediteure fürchten um 70.000 Jobs

Gefährdet sind derzeit vor allem Jobs im Transportgewerbe. Die Branche befürchtet, dass bis Sommer 60.000 bis 70.000 Arbeitsplätze durch Insolvenzen und Betriebsaufgaben verloren gehen könnten. Angesichts der Wirtschaftskrise blieben Spediteure immer öfter auf den Kosten der Mauterhöhung sitzen, die eigentlich von ihren Auftraggebern bezahlt werden müssten, sagt ein Sprecher des Bundesverbandes Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL). Insgesamt beschäftigt die Zunft 600.000 Menschen, meist in kleinen und mittleren Firmen.

Irene Preisinger, Jan Schwartz und Hendrik Sackmann (reuters)