Abschwung Stärkste Rezession seit 60 Jahren

Der freie Fall der Industrie schickt Deutschland im laufenden Jahr vermutlich in die mit Abstand tiefste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Nach dem Kollaps der Produktion und dem verheerenden Absturz der Auftragseingänge rechnen Experten mittlerweile mit einem Wachstumseinbruch von mehr als 5 Prozent im laufenden Jahr.

Frankfurt am Main - Das wäre die mit Abstand stärkste Rezession Deutschlands seit rund 60 Jahren. Zum Vergleich: Den tiefsten Einbruch hatte die bundesdeutsche Wirtschaft im Jahr 1975 im Zuge der Ölkrise erlebt. Damals schrumpfte die Wirtschaft aber nur um 0,9 Prozent.

Ausschlaggebend für den befürchteten Abwärtssog sind zuletzt katastrophale Zahlen aus der deutschen Industrie. So war die Produktion im verarbeitenden Gewerbe im Januar um fast ein Viertel zum Vorjahr weggebrochen, wie das Wirtschaftsministerium am Donnerstag mitteilte. Laut Dekabank eine beispiellose Entwicklung - ein Absturz in bislang unbekanntes Terrain.

"Der globale Kollaps trifft die deutsche Industrie über die Exportflanke", sagt Dekabank-Experte Andreas Scheuerle. Hintergrund ist die starke Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft vom Welthandel, der wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise drastisch eingebrochen ist. So rechnet die Weltbank damit, dass der globale Handel 2009 den stärksten Rückgang seit 80 Jahren erleben wird.

Die Aussichten für eine Besserung sind schlecht: So legen die Auftragseingänge der Industrie seit Monaten eine beispiellose Talfahrt hin. Im Januar waren sie im Jahresvergleich um fast 40 Prozent weggebrochen. Da die Industrieproduktion mit einer Verzögerung von wenigen Monaten auf den Auftragseingang reagiert, sind weitere Einbrüche bei der Produktion vorgezeichnet. Eine beängstigende Perspektive, wurde doch die Industrieproduktion bereits durch die jüngsten Einbrüche auf den Stand von Mitte 2003 zurückgeworfen. Entsprechend rechnen Volkswirte mittlerweile mit einer noch stärkeren Rezession als bislang ohnehin angenommen.

"Schrumpfungsraten von mindestens 4,5 Prozent sind denkbar", prognostiziert die Dekabank. Goldman Sachs  geht sogar von einem Wachstumseinbruch von mehr als 5 Prozent aus. Noch vor wenigen Wochen waren die meisten Experten von einer Schrumpfung um rund 2,5 Prozent ausgegangen. Die Voraussage der Deutschen Bank  von Ende Februar galt mit einem Minus von bestenfalls rund 5 Prozent als klarer Exot unter den Prognosen.

Ob jüngste Prognosen wichtiger deutscher Forschungsinstitute noch haltbar sind, kann vor diesem Hintergrund als äußerst fraglich gelten. Erst am Donnerstag hatten das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) und das Hamburgische Weltwirtschaftsinsitut (HWWI) ihre Schätzungen für Deutschland kräftig nach unten revidiert. Allerdings belaufen sich die Vorhersagen noch auf Raten von minus 3,7 und 3,8 Prozent.

Hoffnungsschimmer für die deutsche Wirtschaft bleiben damit die milliardenschweren Konjunkturprogramme der Regierungen, die vermeintlich Konsum fördernde Wirkung der stark gesunkenen Verbraucherpreise und die starken Zinssenkungen der Notenbanken.

Trotzdem: Für eine Stabilisierung der Konjunktur sind laut Goldman Sachs drei Voraussetzungen zu erfüllen. Der globale Handel muss wieder anziehen, der Bankensektor muss sich erholen und der aktuelle Abwärtssog darf nicht durch eine Vertrauenskrise verstärkt werden.

Bernhard Funck, dpa-afx