Müllers Welt Was unsere Wirtschaft jetzt braucht

Der Welthandel bricht derzeit in atemberaubenden Tempo zusammen. Die Industrie kämpft ums Überleben. Protektionismus breitet sich aus. Die offene Weltordnung in ihrer bisherigen Form ist bedroht. Zu Recht. Zeit für einen Neustart. Diskutieren Sie mit.

Seit Monaten prasselt dieser bittere Zahlensalat auf uns ein: Rückgang, Schrumpfung, Streichung - minus, minus, minus. Und in all den grauenvollen Details ist längst erkennbar, dass diese Krise Fakten schafft, die für lange Zeit unsere Wirtschafts- und Lebensweise bestimmen werden.

Alte Gewissheiten verlieren derzeit im Rekordtempo ihre Gültigkeit. Zum Beispiel diese: Die Globalisierung ist unaufhaltsam wie ein Naturereignis? Die Fakten zeigen das Gegenteil: Dass wir gerade das Ende der offenen Weltordnung erleben und dass wir vor tief greifenden Umwälzungen stehen.

Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang gern von "Strukturwandel"; ich mag diesen blutleeren Begriff nicht besonders, weil er bemäntelt, wie schmerzhaft die bevorstehenden Veränderungen sein werden: für jeden Bürger, jedes Unternehmen, jede Gesellschaft, für die Staatengemeinschaft insgesamt.

Das Ende des bisherigen Globalisierungsmodells - nichts weniger erleben wir derzeit. Seit die Finanzkrise mit der Lehman-Pleite vorigen September in ihre heiße Phase getreten ist, schrumpft der Welthandel mit nie gesehenem Tempo. In den vergangenen Monaten gingen die Exporte mit Raten zwischen 21 Prozent (Deutschland) und 46 Prozent (Japan) zurück. Noch heftiger ist der Einbruch, wenn man nur den Güterhandel betrachtet (siehe Grafik). Geht die Entwicklung so weiter, dann wird der Zusammenbruch dieses Mal womöglich schlimmer als während der Großen Depression; zwischen 1929 und 1933 schrumpfte das Handelsvolumen auf ein Drittel.

Die realwirtschaftlichen Folgen sind längst spürbar, gerade in den Exportnationen Deutschland, Japan und China. Der Industrie brechen die Aufträge weg, die Produktion folgt. Hilferufend wenden sich bedrängte Firmen an den Staat.

Eine gefährliche politökonomische Eigendynamik ist in Gang gekommen. Die Regierenden schützen heimische Firmen, nicht nur mit Subventionen und Bürgschaften, sondern auch mit Importbeschränkungen. Anders als die G20-Staaten noch im Dezember versprochen hatten, greift ein neuer Protektionismus um sich: Indien schützt seine Stahlindustrie, Russland die heimische Autoproduktion, Indonesien wickelt Importe nur noch über fünf Häfen ab, die EU subventioniert wieder den Export von Milchprodukten, die USA antworten mit Strafzöllen auf französischen Käse und italienisches Mineralwasser. Inzwischen hat mehr als die Hälfte der G20-Mitglieder neue Barrieren installiert. Noch ist es kein Handelskrieg wie in den 30er Jahren, aber die Gefahr einer Eskalation besteht.

Die Stunde der Unternehmer

Die Protektionismuswelle zeigt die verbreitete Unzufriedenheit mit dem bisherigen Verlauf der Globalisierung. Nicht nur weil die Krise die Bürger akut verunsichert, auch weil, bei Licht betrachtet, die offene Wirtschaft der vergangenen zwei Jahrzehnte eine reichlich triste Veranstaltung war: Mit all den schönen neuen Produktionsmöglichkeiten haben die Unternehmen bisher nicht viel Kreatives anzufangen gewusst. Wenig wirklich Neues ist entstanden (vielleicht auch, weil viele der klügsten Köpfe lieber zu Banken und Hedgefonds gegangen sind, um reich zu werden, statt wirklich produktiv zu wirken).

Vor allem ging es darum, mehr vom Gleichen zu fertigen: noch mehr Autos, noch mehr Stahl, noch mehr Chemikalien - vorhandene Produkte und Prozesse replizieren, nur eben in Ländern, wo die Löhne billiger oder die Steuern niedriger waren. Die dominante Strategie: Standortarbitrage. Davon haben zweifellos viele Menschen in den Schwellenländern profitiert - kein kleiner Fortschritt. Aber dieses Spiel ist endlich. Weil es Überkapazitäten schafft, wie wir jetzt erkennen, da die Schuldenwirtschaft zusammenbricht. Weil die harte Kostenkonkurrenz Verteilungskonflikte schürt, die politische Rückwirkungen haben. Weil die schmale Rohstoffbasis dem industriegetriebenen Entwicklungsmodell Grenzen des Wachstums setzt.

Die globalisierte Welt, das ist der Kern der derzeitigen Überproduktionskrise, leidet unter einem Content-Problem. Die Hardware der Globalisierung - multinationale Unternehmen, Transportinfrastruktur, Datenautobahnen - ist den geistigen Fähigkeiten der Menschheit enteilt.

Hinter dem beängstigenden aktuellen Absturz verbirgt sich eine handfeste strukturelle Krise. Firmen und Nationen werden sie nur überwinden, wenn sie sich dem "Strukturwandel" (wieder dieses Wort) stellen. Einen "Rettungsschirm für Arbeitsplätze" (Bundesregierung) sollte es nicht geben, nicht in Deutschland und nicht anderswo.

Abbau, das ist die eine Seite des anstehenden Wandels. Aufbau ist die andere: Neues erfinden, ein Klima des Experimentierens schaffen, Versuch und Irrtum zulassen, sich nicht einschüchtern lassen. Es ist die Stunde der Unternehmer, der Erfinder, der Kreativen. Es geht darum, die Globalisierung mit Geist zu befruchten - nur dann wird es einen Neustart geben.