Konjunkturabsturz "Eingreifen, bevor alle Dämme brechen"

Die Entwicklung der deutschen Auftragseingänge ist katastrophal. Daraus schließt UN-Ökonom Heiner Flassbeck, dass die deutsche Wirtschaft noch schneller abstürzt als befürchtet. Im Interview mit manager-magazin.de fordert er: Ein drittes Konjunkturpaket muss kommen, schneller und umfangreicher als alle bisherigen.

mm.de: Wie bewerten Sie die Entwicklung der Auftragseingänge, die das Statistische Bundesamt gestern veröffentlicht hat? Im Vergleich mit 2005 ist der Wert auf rund 81 Prozent gesunken, im Frühjahr 2008 lag der Vergleichswert noch bei 123 Prozent.

Flassbeck: Die Entwicklung ist katastrophal. Die deutsche Wirtschaft geht in den freien Fall über. Ich war schon vor der Veröffentlichung dieser Zahlen recht pessimistisch. Trotzdem hatte ich nicht damit gerechnet, dass es so schlimm werden würde. Allein im Maschinenbau hat sich die Zahl der Auftragseingänge in den vergangenen sechs Monaten fast halbiert. Alle Rechnungen, die in Deutschland über die Wirtschaftsleistung dieses Jahres angestellt wurden, müssen nach unten korrigiert werden.

mm.de: Hat diese eine statistische Größe wirklich eine solche Bedeutung?

Flassbeck: Aber ja, die Zahl der Auftragseingänge ist einer der besten Indikatoren, die wir kennen. Wir bekommen damit ein verlässliches Bild der Industrieentwicklung der kommenden zwei bis drei Monate.

mm.de: Welche Schlüsse ziehen Sie also aus den Daten?

Flassbeck: Das erste Quartal 2009 müssen wir abschreiben. Und auch im zweiten Quartal ist nicht damit zu rechnen, dass der Tiefpunkt erreicht werden wird.

mm.de: Was empfehlen Sie als Gegenmittel?

Flassbeck: Die bisherigen Maßnahmen der Bundesregierung reichen nicht aus. Sie muss so bald wie möglich ein drittes Konjunkturpaket auflegen, und zwar schneller, als sie die ersten beiden umgesetzt hat. Der Stimulus aus dem zweiten Konjunkturpaket reicht bei weitem nicht aus, schon weil viele Maßnahmen erst im Sommer greifen. Die Steuersenkungen, die Konsumenten entlasten sollen, gelten erst ab 1. Juli.

Besser wären rückwirkende Entlastungen, die auch jetzt noch möglich sind. Ebenso könnten höhere Sozialleistungen den Konsum ankurbeln. All das würde sofort wirken. Für die Auftragseingänge wären gezielte Strukturinvestitionen förderlich, etwa in die Modernisierung der Energieerzeugung, um nur ein Beispiel zu nennen.

"Merkels größtes Fehlurteil"

mm.de: Wie bewerten Sie den bisherigen Umgang der Politik mit der Krise? Werden die richtigen Schlussfolgerungen gezogen?

Flassbeck: Angela Merkel und Peer Steinbrück laufen der Entwicklung immer nur hinterher. Erst haben sie behauptet, es handele sich um eine Krise, die vor allem die USA betreffe. Dann hieß es, die Realwirtschaft würde nicht so stark leiden wie die Finanzmärkte. Derzeit wird uns erzählt, der Absturz der osteuropäischen Volkswirtschaften hätte nichts mit uns zu tun. Das ist grundfalsch.

Das größte Fehlurteil war, dass Deutschland besser für die Krise gerüstet sei als andere Staaten. Das Gegenteil ist der Fall. Weil Deutschland so stark vom Export abhängig ist, spüren wir jeden Schlag, den unsere Abnehmerstaaten einstecken müssen.

Die Bundeskanzlerin hat gesagt, die bisherigen Konjunkturmaßnahmen sollen eine Brücke bauen, hin zum nächsten Aufschwung. Es ist wichtig, dass sie nun erkennt, dass solch eine Brücke nirgendwo hinführt. Wenn die Politik nicht selbst für den nächsten Aufschwung sorgt, wird er sehr lange auf sich warten lassen.

mm.de: Ist nicht bedenklich, wie stark der Staat schon jetzt in das Wirtschaftsgeschehen eingreift?

Flassbeck: Natürlich ist das nicht schön, aber es muss uns egal sein, solange die Krise andauert. Es führt nicht weiter, sich jetzt den Kopf über philosophische Fragen der Ordnungspolitik zu zerbrechen.

mm.de: Was ist mit dem Schuldenberg, den wir nun anhäufen?

Flassbeck: Das Defizit ist augenblicklich nicht unser größtes Problem, so schwer wir uns mit dieser Haltung vielleicht tun. Die USA können hier als Vorbild dienen. Dort ist man bereit, zur Wirtschaftsrettung ein Defizit von über 12 Prozent in Kauf zu nehmen. In Deutschland krebsen wir immer noch bei 3 bis 4 Prozent herum. Die Regierung muss eingreifen, bevor alle Dämme brechen. Denn dann wird es noch viel teurer.

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