Analyse Opels missglückte Befreiung

Opel will sich von General Motors abkoppeln - gleichzeitig aber im Mutterkonzern verbleiben. Das ist nicht nur paradox. Es ändert auch an der misslichen Lage von Opel nichts, weil die Abhängigkeit vom Detroiter Management bleibt. Erst wenn sich Wagoner & Co. auf eine Minderheitsbeteiligung einlassen, gibt es Hoffnung für Opel.

"Befreit Opel" riefen 15.000 Opelaner, als sie am Donnerstag in Rüsselsheim für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze demonstrierten. Kurz machte es am Freitagnachmittag den Anschein, als sollte ihr Wunsch Wirklichkeit werden.

Da präsentierte der Aufsichtsrat des Autoherstellers unter der Leitung von General-Motors-Chef Carl-Peter Forster einen Rettungsplan. Solch ein Plan ist die Voraussetzung dafür, dass Bund und Länder dem Unternehmen unter die Arme greifen. Die Zeit drängt, denn die US-Konzernmutter General Motors (GM)  rollt schnurstracks auf eine Insolvenz zu. Und nach allem was man weiß, belastet sie die Finanzen von Opel, indem sie durch konzerninterne Verrechnungspreise Kapital nach Detroit pumpt.

Wird Opel mit diesem Rettungsplan wirklich in die Freiheit entlassen? Blickt der Hersteller in eine strahlende Zukunft, in der er, frei von amerikanischer Knechtung, zu neuer Blüte reift?

Der Plan, soweit er heute bekannt geworden ist, lässt einen anderen Schluss zu. Zwar kündigte GM-Europa-Chef Carl-Peter Forster heute an, dass Opel tatsächlich eine eigenständige Geschäftseinheit wird, in der alle europäischen Opel-Werke und die englische GM-Tochter Vauxhall aufgehen. So weit wie gewünscht.

Doch es gibt einen Pferdefuß: Auch als rechtlich eigenständige Gesellschaft soll Opel Teil des GM-Konzerns bleiben.

Immerhin führte Aufsichtsratschef Carl-Peter Forster dafür gute Gründe an: Nur so könne gesichert werden, dass Opel auch weiter Zugriff auf Technologien von GM habe. Just heute war bekannt geworden, dass die Rüsselsheimer seit vier Jahren nicht einmal mehr die Rechte an den selbst entwickelten Patenten besitzen. Alles gehört Detroit.

"Opel bekommt ein eigenes Konto - mehr nicht"

Außerdem gab Forster zu bedenken, dass nur im Verbund mit GM die erforderlichen Stückzahlen zustande kommen, um im internationalen Preiskampf mit zuhalten. Auch das ist plausibel.

Aber um diese Fragen anzugehen, ist es nicht zwingend nötig, dass die neu formierte Gesellschaft weiter zum Konzern gehört. Eine Beteiligung von General Motors an Opel würde völlig ausreichen, am besten mit einem Minderheitsanteil, sodass Detroit nicht weiter Regie führt in Rüsselsheim. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research (CAR) hat diese Variante durchgerechnet, mit dem Ergebnis: Die Risiken sind groß, doch der Versuch wäre alles andere als hoffnungslos.

Mit dem Plan, wie er nun vorgestellt wurde, bleibt jedoch alles, wie es ist. Opel/Vauxhall bekommt zwar eine neue gesellschaftliche Form, aber General Motors behält den Durchgriff. Helmut Becker vom Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation fasst zusammen: "Opel bekommt ein eigenständiges Konto, auf das die Politik ihre Hilfsgelder überweisen darf - mehr aber auch nicht."

Denn für das Konzept will der Konzern nun endlich die staatlichen Hilfen, die im Gespräch sind. Forster bezifferte den Kapitalbedarf einer europäischen Opel-Gesellschaft auf 3,3 Milliarden Euro. Das ist das Doppelte der Summe, die noch vor wenigen Wochen für eine Bundesbürgschaft diskutiert wurde. Experten wie Dudenhöffer halten die Rechnung dennoch für sehr optimistisch.

Außer der öffentlichen Hand sind private Investoren eingeladen, sich zu beteiligen. Die Investoren, ob öffentlich oder privat, sollen 25 bis 50 Prozent an Opel halten. Sprich: Die Mehrheit bleibt bei GM.

Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg kündigte an, dass sich die Politik mit der Tragfähigkeit des Konzeptes in der kommenden Woche befassen will. Politiker aller Couleur hatten im Vorfeld stets betont, es müsse sichergestellt sein, dass bei Hilfsmaßnahmen kein Steuergeld nach Detroit fließt.

Wenn Guttenberg und die beteiligten Ministerpräsidenten sich treu bleiben, werden sie Nachbesserungen fordern: Eine Obergrenze für die Beteiligung von General Motors an Opel wäre das Mindeste.

Eine Obergrenze schließt allerdings aus, dass Opel im Konzernverbund bleibt. Erst mit ihr wäre Opel frei.

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