Conti/Schaeffler "Halbierung der Belegschaft möglich"

Die im Schuldensumpf steckende Schaeffler-Gruppe ruft erneut nach der rettenden Hand des Staates. Doch die Politik ist in dieser Frage zerstritten. Widerstand regt sich auch im Aufsichtsrat der Tochter Continental. Staatshilfen an Schaeffler müssten auf lange Sicht Tausende Conti-Mitarbeiter mit ihrem Job bezahlen, heißt es in einem Brief, der manager-magazin.de vorliegt.

Hamburg - "Es geht nicht um ein Geschenk", sagte Schaeffler-Eigentümerin Maria-Elisabeth Schaeffler. Das Unternehmen werde die dringend benötigte Staatshilfe "mit Zinsen auf Heller und Pfennig zurückzahlen, versicherte sie gegenüber der "Bild am Sonntag". Ohne eine zeitlich begrenzte finanzielle Überbrückung durch den Staat werde es für die Einheit und Zukunft von Continental und Schaeffler jedoch schwierig.

Verschluckt: Der dreimal kleinere fränkische Automobilzulieferer Schaeffler hat Continental übernommen. Die Großteils auf Kredit finanzierte Übernahme sowie die schlechte Autokonjunktur drohen Schaeffler jetzt zu erdrücken. Das Familienunternehmen bittet seit Wochen eindringlich um Staatshilfen.

Verschluckt: Der dreimal kleinere fränkische Automobilzulieferer Schaeffler hat Continental übernommen. Die Großteils auf Kredit finanzierte Übernahme sowie die schlechte Autokonjunktur drohen Schaeffler jetzt zu erdrücken. Das Familienunternehmen bittet seit Wochen eindringlich um Staatshilfen.

Foto: [M] DDP; REUTERS; mm

Eine Zerschlagung der Schaeffler-Conti-Gruppe oder eine Störung in der Produktion des fränkischen Wälzlagerherstellers könnte nach Worten der Eigentümer-Familie Tausende Arbeitsplätze in Deutschland kosten und hätte schwerwiegende Folgen für die Autoproduktion weltweit. Die Firmeninhaberin zog Parallelen zur US-Bank Lehman Brothers. "Eine renommierte Unternehmensberatung hat unsere Bedeutung für die Industrie mit derjenigen von Lehman Brothers für die Bankenwelt verglichen", sagte sie der Zeitung weiter.

70 Millionen Euro Zinslast jeden Monat

Die Schaeffler-Gruppe hat sich mit der Übernahme des ungleich größeren Autozulieferers Continental auf Kredit immens verhoben. Die Gruppe ist mit mehr als zehn Milliarden Euro verschuldet und hat Schwierigkeiten, die monatlich fälligen Zinsen von 70 Millionen Euro aufzubringen. Seit Wochen wirbt die fränkische Eigentümer-Familie öffentlich für Staatshilfen.

Skepsis und Widerstand gegen eine direkte staatliche Unterstützung des Herzogenauracher Familienkonzerns regt sich indes nicht nur in der Politik, sondern auch im Continental-Aufsichtsrat. In einem manager-magazin.de vorliegenden Brief an die Ministerpräsidenten der Länder befürchtet AR-Mitglied Erwin Wörle, dass die Staatshilfen zu Lasten der Continental AG und ihrer Beschäftigten gehen werden.

Schaeffler habe zwar zugesichert, die gemeinsam getroffene Investorenvereinbarung einzuhalten, trotzdem dürfte in einem geplanten Konzernverbund die Schieflage bei Schaeffler "auch Auswirkungen auf die Beschäftigten bei Continental haben", schreibt Wörle, der zugleich Mitglied des Konzernbetriebsrates ist.

Seine Befürchtung: Sollten Bund und Länder der Gruppe umfangreiche Staathilfen gewähren und Schaeffler womöglich das Gros der Conti-Aktien behalten, könnte die Familie dann über Beschlüsse im Aufsichtsrat und in der Hauptversammlung Continental "finanziell aussaugen", um ihre Schulden zu begleichen.

Mit Wirkung vom 5. Februar gehören Maria-Elisabeth Schaeffler, ihr Sohn Georg, Geschäftsführer Jürgen Geißinger und der Schaeffler-Stratege sowie M&A-Spezialist Rolf Koerfer dem Aufsichtsgremium an. Koerfer soll künftig den Aufsichtsrat führen. Unter Beobachtern gilt als ausgemacht, dass Schaeffler angesichts der erdrückenden Schuldenlast den Zugriff auf Continental über den Aufsichtsrat forcieren wird.

Befürchtung: Conti muss Schafflers Schulden berappen

"Wenn Schaeffler durch Staatshilfe mit 90 Prozent der Conti-Aktien bis über den Auslauf der Investorenvereinbarung im Jahr 2014 kommen würde, könnte Schaeffler dann gestundete Staatshilfen über einen Beherrschungsvertrag durch Continental bezahlen lassen", schreibt Wörle. Dabei würde Continental zwangsläufig schrumpfen. Denn für Forschung, Entwicklung und Investitionen benötigte Finanzmittel würden dem Unternehmen entzogen. Die derzeit herausragende Marktposition ließe sich nicht mehr halten. "Eine Halbierung der Belegschaft im Verlauf von zehn Jahren wäre dann durchaus möglich", fürchtet Wörle.

Anstatt einer direkten Staatshilfe plädiert das Continental-Aufsichtsratsmitglied dafür, die Entschuldung Schaefflers über die Banken voranzutreiben. Die größten Kreditgeber der Gruppe seien staatliche beziehungsweise teilverstaatlichte Banken. Der Staat nehme damit bereits heute eine gewichtige Kontrollfunktion ein und sollte diese nutzen, um Beschäftigung langfristig zu sichern, argumentiert Wörle.

Sollte sich erweisen, dass die Notlage bei Schaeffler nicht ohne staatliche Hilfe zu lösen ist, könne über die Gläubigerbanken staatliche Hilfe eingebracht werden. Damit würden auch keine Präzedenzfälle staatlicher Unterstützung der Privatwirtschaft entstehen. Wie umstritten staatliche Hilfe für angeschlagene Konzerne ist, zeigt derzeit auch die öffentliche Diskussion im Fall Opel.

Ob Schaeffler überhaupt und in welcher Höhe mit staatlicher Unterstützung rechnen kann, ist zurzeit ebenso ungewiss wie bei der General-Motors-Tochter. Ein Rettungskonzept, das Voraussetzung für den Erhalt von Staatshilfen ist, will Schaeffler in den kommenden zwei Wochen vorlegen.

Finanzbedarf von bis zu sechs Milliarden Euro

Das Bundesland Bayern soll bereit sein, dem Familienunternehmen mit einer Milliardenbürgschaft auf die Beine zu helfen. Der bayerische SPD-Landtagsfraktionschef Franz Maget bezifferte den Kapitalbedarf der Schaeffler-Gruppe auf fünf bis sechs Milliarden Euro und machte zugleich deutlich, dass seine Partei Landesbürgschaften nicht im Wege stehen werde. "Es kommt jetzt darauf an, zwei bis drei Jahre zu überbrücken." Alles andere würde zur Insolvenz und zur "unkontrollierten Zerschlagung" des Konzerns führen, warnte Maget. Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Horst Seehofer lehnte dagegen staatliche Beteiligungen an krisengeschüttelten Unternehmen grundsätzlich ab.

"Man kann nicht im Nerzmantel nach Staatshilfen rufen"

Die Bundesregierung selbst hat in der Vergangenheit Bürgschaften grundsätzlich nicht ausgeschlossen, ist parteipolitisch aber in dieser Frage ebenso zerstritten. Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) erteilte Bitten Schaefflers nach Staatshilfen eine kalte Abfuhr: "Man kann nicht im Nerzmantel nach Staatshilfe rufen. Wir sind nicht dafür da, für Fehlentscheidungen von Milliardärinnen und Milliardären gerade zu stehen. Es kann jedenfalls nicht sein, dass jemand, der sich verspekuliert hat, auch noch einen Reibach auf Steuerzahlerkosten macht", sagte Scholz dem "Tagesspiegel am Sonntag".

Doch die Zeit drängt. Gläubigerbanken drohten bereits damit, ihre Kredite an Schaeffler in Eigenkapital umzuwandeln, heißt es in Presseberichten. "Den Banken wird im Moment nichts anderes übrigbleiben, als die Kontrolle im Unternehmen zu übernehmen", sagte der Münchener Professer für Finanzmanagement Christoph Kaserer in dieser Woche dem "Handelsblatt". Ob in diesem Fall dann die rund 80.000 Beschäftigten von Conti und Schaeffler in Deutschland glimpflicher davonkommen werden, darf allerdings bezweifelt werden.

mit Material von Nachrichtenagenturen

Verwandte Artikel