Opel-Werk Bochum "An uns werden die sich die Zähne ausbeißen"

Die Krise des amerikanischen Autounternehmens General Motors hat seine Tochterunternehmen in Deutschland erreicht. Im Opel-Werk in Bochum regiert die Angst vor dem möglichen Ende. Das Gefühl, ausgeliefert zu sein und noch Monate bangen zu müssen, treibt nicht nur die betroffenen Arbeiter um.
Von Karsten Stumm

14 Uhr. Schichtwechsel bei Opel in Bochum, Werk Eins, Tor Eins. In kleinen Trupps kommen Dutzende Männer und wenige Frauen aus den Hallen, die General Motors womöglich bald schließen will. Hinaus in den sonnigen Tag, der so gar nicht zur trüben Stimmung in der Ruhrgebietsstadt passen will.

"Man muss damit rechnen, dass unser Werk in geraumer Zeit weniger Menschen Arbeit bieten wird als heute. Wir stehen vor einer Krise, die alleine nicht zu meistern sein wird", sagt Dieter Fleskes, Vorsitzender der SPD-Ratsfraktion in Bochum, zu manager-magazin.de. Er sagt das mit Überzeugung, und er sollte wissen, wovon er spricht. Bochum hat schon viele wirtschaftliche Rückschläge erleben müssen. Erst im vergangenen Jahr hatte der finnische Handyhersteller Nokia seine Fertigung in der Stadt aufgegeben und nach Rumänien verlagert - obwohl das Werk profitabel war.

Und jetzt droht der amerikanische Konzern General Motors damit, 26.000 Arbeitsplätze bei seinen Tochterunternehmen im Ausland streichen zu wollen. Und Opel in Bochum ist nicht nur eines unter den vielen Werken von GM im Ausland. Das Werk Nummer Eins der Marke mit dem Blitz im Logo stand schon in den vergangenen Jahren immer mal wieder zur Disposition.

"Dieses Mal ist es gefährlich wie nie"

"Bochum ist krisenerprobt, keine Frage. Und man hat auch immer wieder den Kopf aus der Schlinge ziehen können", sagt Lothar Gräfingholt, Vorsitzender der CDU-Ratsfraktion in Bochum, zu manager-magazin.de "Aber dieses Mal könnte eine gefährliche Situation wie nie zuvor heraufziehen."

Etwa 5300 Frauen und Männer arbeiten im Opel-Werk in der Ruhrgebietsstadt. Rechnet man die Beschäftigten der Zulieferbetriebe für Opel in Bochum ein, dürften gut 12.000 Menschen betroffen sein, sollte das Werk tatsächlich den Sparplänen der amerikanischen Konzernmutter General Motors zum Opfer fallen. Nicht ganz die Hälfte der Tausenden wohnt nach Expertenmeinung in Bochum selbst, die übrigen in den Nachbarstädten. "Macht Opel hier dicht, wäre das ein Problem für die gesamte Region, nicht nur für Bochum", sagt SPD-Ratschef Fleskes.

"Wenn wir jetzt streiken, machen die Amerikaner sofort dicht"

Vor dem Hauptwerkstor ist davon heute nur unterschwellig etwas zu spüren. Die Trupps aus Männern und Frauen hasten nach Schichtende schnell zu ihren Autos auf den Parkplätzen rund um das Tor 1. Rechts stehen die Reporter von N24, links der große Übertragungswagen von RTL und ntv. Direkt vor ihnen haben sich die Zeitungsleute und der WDR aufgebaut - doch kaum jemand hat Lust mit den Reportern zu sprechen.

Die Menschen haben ihren Blick starr geradeaus gerichtet, die Kameras der Fernsehleute möglichst übersehend. Interviews will hier niemand mehr geben. Warum auch schon wieder? Der vorerst letzte Streik hier liegt knapp fünf Jahre zurück. Damals standen tagelang die Bänder still - und die drohende Werksschließung kam schließlich doch nicht. Die Kameraspaliere aber haben die Männer und Frauen in ihren grauen Opel-Overalls noch immer in Erinnerung.

"Was sollen wir jetzt groß reden?", fragt ein Opelaner, der seinen Namen lieber nicht nennen möchte; er arbeitet seit acht Jahren im Presswerk des gewaltigen Komplexes hinter ihm, der sich mit all seinen Nebengebäuden über die Bochumer Stadtteile Laer und Langendreer erstreckt. "Wenn wir jetzt streiken, machen die Amerikaner unseren Laden sofort dicht. Also den Mund halten und weiterarbeiten. Ich habe Familie. Ich brauche das Werk. Ich brauche das Geld."

Besuch im Rathaus: "Was sollen wir denn tun?"

Besuch im Rathaus: "Was sollen wir denn tun?"

"So wie der Kollege denken viele Leute hier", sagt Thomas Bender, der Flugblätter verteilt, um genau für so einen Streik zu werben; er engagiert sich für die kommunistische Partei MLPD. Parteifreunde von ihm stehen heute fast an jedem Werkstor hier in Bochum. "Wann, wenn nicht jetzt lohnt es sich zu kämpfen", fragt Bender. "Von der Stadt Bochum jedenfalls ist doch keine Hilfe zu erwarten."

Ortsbesuch im Rathaus. Dort herrscht am Mittag tatsächlich das gewöhnliche Programm. Der Hauptausschuss wird nachher tagen wie geplant. Die Frage, wie es mit dem Werk weitergehen soll, was mit den 5300 Opel-Arbeitsplätzen passieren könnte, schaffte es nicht auf die Tagesordnung. "Eventuell wird sich der Ältestenrat anschließend mit dem Thema befassen, aber sicher ist das im Moment auch noch nicht", sagt Jens Lücking, Vorsitzender der FDP-Fraktion des Bochumer Stadtrates, zu manager-magazin.de. "Es ist ein Witz, dass hier scheinbar wie gehabt weitergemacht wird."

"Was sollen wir jetzt auch tun?", fragt Bochums Wirtschaftsdezernent . Er will heute keine Interviews geben. "Es gibt doch keine Informationen über das anstehende Restrukturierungsprogramm bei General Motors", sagt er. Mehr will er heute nicht sagen. Auch Bochums Oberbürgermeisterin ist nicht für eine Stellungnahme zu erreichen, genauso wenig der Finanzchef der Ruhrgebietsstadt.

"Geld für die Rettung des Bochumer Opel-Werkes hätte der ohnehin nicht. Hier ist man ja schon froh, etwa 40 Millionen Euro aus dem Konjunkturprogramm zu bekommen, um die drängendsten Renovierungen vornehmen zu können. Bochums Investitionsstau beträgt aber etwa 340 Millionen Euro", sagt CDU-Fraktionschef Gräfingholt.

"Was für Banken gilt, sollte auch für uns möglich sein"

"Was für Banken gilt, sollte auch für uns möglich sein"

Nicht wenige Opel-Angestellten vor dem Werkstor Nummer Eins hoffen deshalb auf eine Bundesbürgschaft. "Das Problem müsste doch mit einer Finanzspritze der Regierung zu lösen sein.

Es wäre doch auch nur für den Übergang. Denn wir bauen hier gute Autos, zu vernünftigen Preisen. Ich denke, dann können wir hier alle noch ruhig bis zur Rente arbeiten", sagt Rolf Regalski, der in der Motorenfertigung des Unternehmens beschäftigt ist. "Was für Banken gilt, soll auch für uns möglich sein."

Wie er denken viele hier in Bochum, wo man stolz ist auf das Werk. Dessen Ansiedlung war eine der großen Erfolge der Wirtschaftsförderer der Stadt in den 1960er Jahren, zusammen mit der Ruhr-Universität - heute das große Standbein der Stadt.

Zuspruch von den Ehemaligen vor dem Werkstor

"70 Prozent der Wirtschaftsleistung wird im Dienstleistungssektor erbracht. Hier gehen selbst im schlimmsten Fall also nicht komplett die Lichter aus", sagt der Bochumer SPD-Ratsfraktionschef Fleskes. "Aber wir haben natürlich weiterhin eine starke industrielle Basis, auch mit Opel. Und ich glaube nicht, dass die Stadt Möglichkeiten hatte, noch bessere Bedingungen für das Werk zu schaffen", sagt der Bochumer SPD-Ratsfraktionschef Fleskes.

Gerade wird eine der wichtigen Zubringerstraßen zum Opel-Gelände mit Millionenaufwand direkt an die Ruhrgebietsautobahn A40 angeschlossen. Eine Hoffnung hat Fleskes: "Eventuell besteht die Chance, sofern wir mit Arbeitsplatzverlusten rechnen müssen, das soziale Netz für die Betroffenen besser aufzuspannen. Durch Umschichtungen der Gelder aus dem Konjunkturprogramm von nicht betroffenen Städten zu denen, die unter dem Weggang von General Motors zu leiden hätten."

Vor dem Opel-Werkstor Nummer Eins stehen zu diesem Zeitpunkt nur noch die Rentner und Vorruheständler, die alten Kollegen aufmunternd auf den Rücken klopfen wollen. "Die Amerikaner sollen mal versuchen, das Werk hier dicht zu machen", sagt einer von ihnen. "Daran werden sie sich die Zähne ausbeißen. Das war schon 2004 so."

Die übrigen Alten in der Runde nicken. Sie schauen sich dabei nicht in die Augen.

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