Gefährliche Preisentwicklung "Zinsen auf null"

Weil die Preise langsamer und langsamer steigen, sehen Fachleute wie der Wirtschaftsweise Peter Bofinger eine unheimliche Gefahr auf Europa zukommen: Deflation, eine brisante Abwärtsspirale. Europas Zentralbanker müssten die Zinsen deshalb rasch auf null senken. Übertriebene Hast, entgegnen andere Ökonomen - und beruhigen. Vorerst.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Die Lage ist verzwickt, und so oder so kommt Europas Zentralbank (EZB) nur schwer mit ihr klar. Die Preise in Deutschland steigen nur noch unmerklich: Im Januar gerade noch um 0,9 Prozent verglichen mit dem Vorjahr. Das ist nur noch ein Hauch und weit, weit unter jenen 2 Prozent Teuerung, die EZB-Präsident Jean-Claude Trichet selbst als Preisstabilität bezeichnet.

Und das ausgerechnet in Deutschland. In Europas größter Volkswirtschaft. Das hat Signalwirkung.

"Die Gefahr, dass wir jetzt in eine Deflation stürzen, ist sicher fünf mal höher als in eine Inflation zu treiben", sagt der Wirtschaftsweise Peter Bofinger zu manager-magazin.de. Er fordert deshalb den radikalen Schnitt: "EZB-Chef Trichet muss die Zinsen in Europa jetzt auf Null senken", sagt Bofinger.

So würden Investitionen angeregt, die Nachfrage gestärkt - und die vielleicht gefährlichste Spekulationsblase der Welt überhaupt verhindert: die auf sinkende Preise. Das lähmende Warten darauf, das alles noch billiger wird.

Deflation - mahnendes Beispiel Japan

Jene üble Lage also, in der die Bundesbürger noch weniger als traditionell schon ausgeben würden. Weil sie damit rechneten, interessante Waren in ein paar Monaten noch billiger als jetzt kaufen zu können. In der Unternehmen deshalb ihre Produkte nicht mehr an die Frau und den Mann bekämen, erst ihre Produktion einschränkten, dann Leute entließen. Und die so steigende Arbeitslosigkeit mehr und mehr Menschen das nötige Bare zum Einkaufen nähme - ein Abwärtsspirale brisanten Ausmaßes also.

Das Ergebnis wäre eine siechende Volkswirtschaft, wie sie Japan in den 1990er Jahren erlebte. "Allein die Angst vor einer Wiederholung dieses so genannten verlorenen Jahrzehntes könnte die Japaner derzeit zum Schocksparen verleiten", sagt Martin Schulz zu manager-magazin.de, Forscher des Fujitsu Instituts in Tokio.

Nach Berechnungen der Investmentbanker von Goldman Sachs  ist die Inflationsrate in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde zum Jahresbeginn wieder unter null gerutscht. Die Kollegen von Barclays Capital  schätzen, dass Japans Wirtschaftsleistung zuletzt - und hochgerechnet auf das Jahr - um etwa 10 Prozent eingebrochen ist.

Gerade die Produktionseinbrüche solcher Staaten, die wie Japan oder Deutschland als exportstarke Volkswirtschaften breit aufgestellt seien, lassen Harvard-Ökonom Ricardo Hausmann aber ein langes wirtschaftliches Tal für die Weltwirtschaft vermuten, das noch vor der Welt läge.

"Beklagenswerte Qualität der Prognosen"

"Beklagenswerte Prognosequalität"

"Dennoch beharrt die EZB bisher auf unerklärlich hohen 2 Prozent Zinsen. Im besten Falle verzögert die Notenbank durch ihre Zurückhaltung die Erholung Europas. Im schlimmsten Fall jedoch trägt sie zu einer langen ausgeprägten Deflation wie eben einst in Japan bei", sagt Erik Nielsen, Chefvolkswirt Europa der Investmentbank Goldman Sachs.

Die Euro-Banker halten allerdings dagegen. Zwar würde die Teuerung wohl noch einige Monate zurückgehen, sagte EZB-Direktoriumsmitglied Jürgen Stark gestern vor der Amerikanischen Handelskammer in Stuttgart. "Auch sind negative Inflationsraten in einigen Monaten möglich. Doch die Gefahr einer ausgewachsenen Deflation sehe ich nicht", sagte Stark.

"Trichets Leute achten einfach nicht auf die zu erwartende kommende Entwicklung. Sie entscheiden stets nur nach den bereits vorliegenden Zahlen - mit üblen Konsequenzen. Die Prognosefähigkeit der EZB ist wirklich beklagenswert", kommentierte Bofinger die Einstellung der Währungshüter gegenüber manager-magazin.de.

Doch weil die wirtschaftliche Lage derzeit so vertrackt ist, die Daten widersprüchlich und viele Modelle der Wirtschaftsweisen derzeit wackeln, wollen sich auch die prominenten deutschen Konjunkturexperten nicht auf eine Linie festlegen.

"Die Teuerung ist noch beruhigend hoch"

"Ich bin eigentlich überrascht, dass die Teuerung mit den aktuell 0,9 Prozent noch vergleichsweise beruhigend hoch ist", sagt Professor Udo Ludwig, Leiter der Konjunkturabteilung des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle, im Gespräch mit manager-magazin.de.

"Denn damit sind die Preise im Schnitt noch einmal über das Niveau vor einem Jahr hinausgegangen, in dem die Teuerung so immens durch die damals explodierenden Ölpreise in die Höhe gerissen worden ist", sagt Ludwig.

Mittlerweile aber seien die Energiepreise deutlich gesunken. Da die Teuerung aber im Schnitt noch leicht zugelegt habe, könne von einem breiten, deflationären Preisrutsch eher nicht gesprochen werden. Tatsächlich sind etwa die Ölpreise - je nach Sorte - von mehr als 140 Dollar je 159-Liter-Fass vor einigen Monaten auf nunmehr rund 45 Dollar zurückgefallen.

Steigende Löhne als Schutz vor Inflation

"Eine der wichtigsten Gründe für sinkende Preise sind zudem stagnierende Löhne. Und derzeit setzen die Gewerkschaften ja durchaus steigende Entgelte durch. Wie soll da eine Deflation auftreten?", fragt Ludwig. Zuletzt hatte die Bahn 150.000 Beschäftigten 4,5 Prozent höhere Löhne und Gehälter zugesagt sowie eine Einmalzahlung in Höhe von 500 Euro.

"Die Europäische Zentralbank sollte vielmehr versuchen, mittelfristig wieder steigenden Preisen rechtzeitig vorzubeugen, auch wenn aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen Lage noch leichte Zinssenkungen möglich sind", sagt Roland Döhrn, Chefökonom des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen, zu manager-magazin.de.

Denn ein Teil der ebenfalls kürzlich beschlossenen gigantischen staatlichen Konjunkturstützen flössen auch noch in Bereiche, die noch vergleichsweise stabil wären. Etwa in Teile der Bauindustrie. Zumindest partiell könnten die Preise dank der künstlichen Zusatznachfrage bei vergleichsweise guter Kapazitätsauslastung deshalb in geraumer Zeit sogar wieder steigen.

"Die größte Kunst für die EZB wird darum darin liegen, in geraumer Zeit den Moment abzupassen, an dem die Wirtschaft wieder Tritt fasst und dann nicht mehr diese expansive Geldpolitik wie derzeit benötigt wird", sagt Döhrn.

Zumindest ein bisschen Hoffnung auf diesen Moment macht der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, Christian Dreger. "Das letzte Quartal des Jahres 2008 war desaströs. Das erste dieses Jahres scheint für die Bundesrepublik auch desaströs zu werden. Aber damit sollte der Tiefpunkt der Entwicklung erreicht sein", schätzt Dreger. "Radikale Zinssenkungen aus Angst vor einer Deflation müssen meiner Meinung nach jetzt nicht mehr sein", sagte er manager-magazin.de.

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