Kurzarbeit "Restmöglichkeit, Arbeitsplätze zu retten"

Über die Bundesagentur für Arbeit schwappt eine Antragswelle für Kurzarbeitergeld. Auch deshalb wird die Behörde mit ihrem bisherigen Finanzplan nicht auskommen. Jetzt aber hat die Bundesregierung die Kurzarbeiterstütze auch noch so reformiert, dass sie die Agentur teurer kommen kann, als gleich Arbeitslosengeld zu zahlen, fürchten Experten.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Die Angst ist wieder da. Die innere Unruhe, die einen beschleicht vor der nächsten Betriebsversammlung. Das taube Gefühl, vielleicht bald seinen Job los zu sein, erfasst derzeit Woche für Woche mehr Bundesbürger, hat die Gesellschaft für Konsumforschung ermittelt. Die Deutschen scheint ihr Gefühl nicht zu trügen.

Nach einer Umfrage der internationalen Personalmanagementberatung Hewitt Associates planen sage und schreibe 90 Prozent der hiesigen Unternehmen, ihre Personalkostenbudgets für 2009 zu kürzen. Schon im Januar verzeichnete das Wirtschaftsforschungsinstitut Markit bereits so viele Stellenstreichungen in der Industrie, wie seit 13 Jahren nicht mehr. "Gar zwei Drittel aller deutschen Firmen halten eine Reduzierung des Personalbestands für nötig", sagt Hewitt-Experte Marco Reiners zu manager-magazin.de. Die Topadressen der hiesigen Wirtschaft haben dazu einen ersten Schritt getan.

AMD  beispielsweise schickt nach Unternehmensangaben bald 2700 Angestellte seiner Dresdener Fabriken in Kurzarbeit. Audi  hat den gleichen Antrag für 25.000 Mitarbeiter gestellt, BMW  für 26.000. Daimler  für 50.000, BASF  und Bayer  bisher für 1500, Bosch für 9000, MAN  für nahezu 10.000 und ThyssenKrupp  für 20.000 Beschäftigte. Bei Volkswagen  sind es 61.000 Arbeiter und beim Autozulieferer ZF Friedrichshafen stufenweise 2700 Frauen und Männer, die für einige Zeit nur einen Teil ihrer sonst üblichen Arbeit verrichten sollen.

"Die Bundesagentur für Arbeit musste bereits Personal aus anderen Bereichen für die Bearbeitung der Anträge auf Kurzarbeit zur Verfügung stellen, damit die Bearbeitung weiterhin zügig möglich ist", sagte Behördensprecherin Ilona Mirtschin zu manager-magazin.de. Allein im Januar überfluteten 300.000 solche Anträge für konjunkturelles Kurzarbeitergeld die Sachbearbeiter der Arbeitsagentur.

"Das ist eine bemerkenswerte Welle, die sich so stürmisch - wenn überhaupt - zuvor vielleicht einmal in den Jahren 1992 und 1993 vor Westdeutschland auftürmte", sagt Axel Deeke zu manager-magazin.de, Experte des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Damals schnellte die Zahl der Kurzarbeiter schließlich auf 757.000 in die Höhe, hat die Bundesagentur für Arbeit ermittelt.

Kostenkalkül zurückgestellt

Kostenkalkül zurückgestellt

Grund für die neue Liebe der hiesigen Unternehmen für die Kurzarbeit anstelle von Kündigungen ist wohl nicht nur das Verantwortungsgefühl der Chefs für ihre Angestellten. Auch nicht allein aus Furcht, nach der Krise ohne ausreichend Fachleute dazustehen, würden sie jetzt radikal Mitarbeiter entlassen; 90 Prozent der deutschen Unternehmen wollen ja immerhin aus Sorge um ihren Facharbeiterstamm in diesem Jahr mindestens so viele junge Menschen wie 2008 ausbilden, hat jetzt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag bei seinen Mitgliedsfirmen in Erfahrung gebracht.

Für nicht wenige Unternehmer dürften vielmehr auch die neuen und günstigeren Bedingungen für Kurzarbeitergeld das zeitweilige und zwangsweise Nichtstun ihrer Angestellten attraktiv wie nie machen. Denn die Kosten dafür gehen immer mehr zulasten der Bundesagentur für Arbeit - und entlasten entsprechend die Unternehmenskassen.

Die Bundesregierung hat dazu nicht nur Ende vergangenen Jahres die Zeitspanne von zuvor sechs auf nunmehr 18 Monate verdreifacht, in der Kurzarbeiter einen Großteil ihres Monatslohns von der Behörde erhalten statt vom Konto ihres Arbeitgebers. Seit Verabschiedung des Konjunkturpaketes II vor wenigen Tagen übernimmt die Bundesagentur in diesen Fällen auch noch die Hälfte der Sozialversicherungsbeiträge der Betroffenen, für die bisher die Unternehmen aufkommen mussten. In Ausnahmefällen zahlt sie deren Sozialbeiträge sogar voll, wenn kurz gearbeitet wird. Dann nämlich, wenn die Firmen ihre betroffenen Angestellten in dieser Phase weiterbilden. Und spätestens dann wird die Rechnung für den Steuerbürger brisant.

"Eigentlich ist Kurzarbeitergeld für die Bundesagentur für Arbeit die günstigere Alternative zum Arbeitslosengeld", sagt IAB-Forscher Eugen Spitznagel zu manager-magazin.de. "Muss die Behörde aber für die kompletten Sozialversicherungsbeiträge geradestehen, käme sie unter Umständen günstiger davon, falls sie gleich Arbeitslosengeld zahlen müsste." Das gilt etwa, wenn für die Arbeitsagentur keine Qualifizierungskosten anfallen.

Die Agentur selbst rechnet bereits damit, nicht zuletzt aufgrund der Kurzarbeiterwelle das Budget aufstocken zu müssen. "Es wird einen Nachtragshaushalt geben. Wie viel Geld zusätzlich benötigt wird, muss man aber abwarten", sagt BA-Sprecherin Mirtschin. Dass die Bundesregierung manchen Unternehmen überhaupt Mitnahmeeffekte erlaubt, wollen Arbeitsmarktexperten den Politikern in der aktuellen Krise dennoch nicht vorhalten.

"Was wäre die Alternative?", fragt etwa Jochen Kluve im Gespräch mit manager-magazin.de, Leiter des Bereichs Arbeitsmarkt des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung. "Die Arbeitsmarktpolitiker haben im gegenwärtigen wirtschaftlichen Umfeld einfach zu wenige gute Möglichkeiten, einzugreifen. Deshalb kommt man den Unternehmen vielleicht doch nicht zu weit entgegen. So bleibt immerhin die Restmöglichkeit, Arbeitsplätze zu retten."

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