Mister-X-Kolumne Das Kartell des Schweigens

Die Gewinnchance schien verlockend, doch plötzlich platzt der Traum vom großen Geld. Schlimmer noch, das ganze Investment ist weg. Und immer wieder stellt sich die Öffentlichkeit die gleiche Frage: Wie können Bernard Madoff und andere Betrüger über viele Jahre immer mehr Opfer finden, ohne dass es jemand merkt?
Von Martin W. Brock

Wenn sich am Schluss wirklich herausstellen sollte, dass Bernard Madoff 50 Milliarden Dollar ergaunert hat, dann hat er mit dieser Schadenssumme zwar weltweit einen Spitzenplatz. Aber zwei- und dreistellige Millionenbeträge haben seine deutschen Kollegen in den vergangenen Jahren schon auch in ihre Taschen gesteckt, man denke nur an die Göttinger Gruppe. Ihre führenden Köpfe haben mehr als 100.000 Sparer sogar um über eine Milliarde Euro erleichtert.

Und immer wieder stellt sich die Öffentlichkeit die gleiche Frage: Wie konnten diese Betrüger über viele Jahre immer mehr Opfer finden, ohne dass es jemand gemerkt hat? Ein Blick auf die Frage, wer es denn hätte bemerken können, oder vielleicht sogar müssen, kann uns hier weiterhelfen.

Wie sieht es mit ehemaligen Mitarbeitern der Betrugsfirmen aus, besonders mit denen, die im Zorn ausgeschieden sind? Schlecht, um es kurz zu machen. Sie werden sich hüten, an die Öffentlichkeit zu gehen, haben sie doch selbst ordentlich mitverdient und können nur verlieren, wenn der Staatsanwalt sich der Sache annimmt. Die meisten von ihnen zieht es ohnehin nur zu einer anderen Firma gleicher Machart.

Die willfährigen Vermittler

Dann treffen wir auf die vielen Vermittler, ohne die kein Schneeballsystem funktioniert: Sie schaffen die große Zahl zahlungswilliger Opfer heran, und sie sind auch die Ersten, für die es eng wird, denn die geprellten Anleger stehen als Erstes bei ihnen vor der Tür.

"Gehen Sie davon aus, dass spätestens nach einem Jahr so gut wie jeder Vermittler weiß, dass die Sache nicht sauber ist", sagt Robert K., ehemaliger Mitarbeiter einer Betrugsfirma, der mit einer zweijährigen Bewährungsstrafe davongekommen ist. "Denn dann geht es meistens los, dass es die ersten Probleme bei der Auszahlung von Kundengeldern gibt. Doch jetzt sind die Vermittler schon heiß geworden, haben Tausende Euro an Provision kassiert, und sie wissen, wenn sie weiter Kunden bringen, kann es noch lange gut laufen. Wenn sie dagegen die Sache auffliegen lassen, wird es für sie und ihre Familie ungemütlich." Also auch hier findet sich niemand, der motiviert ist, dem Treiben ein Ende zu setzen.

Aber die Kunden, bei denen die versprochene Auszahlung ausbleibt, die gehen doch sicher zur Polizei, mag man meinen. Klingt im ersten Moment logisch, unterschätzt aber die strategischen Fähigkeiten gewiefter Betrüger. Professionelle Kapitalsammler legen für jeden Kunden ein genaues Dossier an. Gerne hören sie verstohlene Hinweise des Anlegers auf unversteuertes Geld, das man gerne diskret anlegt. Wenn so ein Kunde eines Tages ausgeschöpft erscheint und nicht mehr willig, noch mehr Kapital anzulegen, dann wird es ernst. Dann kann ihn nur noch retten, dass er einen potenten Freundeskreis hat und die Betrüger sich von dort noch ein paar Opfer erhoffen.

Die traurige Wahrheit

Die schweigsamen Kunden

Ist dies nicht der Fall, dann ist er aus dem Spiel. "Von dieser Sorte kamen dann entweder ein paar böse Telefonate oder ein Schreiben eines Rechtsanwalts, der mit einer Strafanzeige drohte. Das haben wir immer sofort in den Papierkorb geworfen. Nach ein paar Wochen war dann Ruhe," erzählt Robert K. "Keiner von denen war so dämlich, zur Polizei zu gehen. Nur wenn unser Chef befürchten musste, dass der Kunde über ernsthafte Kontakte ins Milieu verfügte, vor allem nach Osteuropa, dann haben wir bezahlt, solange es noch ging."

Und dann wären da noch die Opfer, die ihr ordentlich versteuertes Geld angelegt haben. Wenn sie nichts mehr bekommen, gehen sie zum Rechtsanwalt. "Die haben wir dann solange wie möglich hingehalten. Mal haben wir einen Vergleich angeboten, kurz danach widerrufen, dann eine kleine Teilzahlung geleistet. Jeder Anwalt erklärt denen, dass es immer noch besser ist, einen Teil des Geldes zurückzubekommen, als wenn sie Anzeige erstatten. Dann gibt es nämlich gar nichts mehr," erinnert sich Robert K.

Jetzt haben wir immer noch niemanden, der Anzeige erstattet.

Die ausgebremsten Opfer

Aber es gibt ja noch den Anleger, der sich trotz aller anwaltlicher Ratschläge sagt, "das lasse ich mir nicht gefallen", und die Sache zur Polizei bringt. Was er außer einem erhöhtem Blutdruck noch hat, ist meistens irgendein dünner Anlagevertrag und ein paar Infos zur Firma seines enttäuschten Vertrauens.

Und natürlich eine Vermutung, nämlich dass er Opfer von Betrügern wurde, die vermutlich sein Geld nicht angelegt haben, sondern damit ein Schneeballsystem in Gang hielten. Selbst wenn er es mit seinem dürftigen Beweismaterial schaffen sollte, einen gewissen Verdacht zu wecken, so ist die Freude, die er damit bei Polizei und Staatsanwaltschaft auslöst, sehr überschaubar.

Die lustlosen Ermittler

Vor dem geistigen Auge der Ermittler spielen sich unschöne Szenen ab: Durchsuchungen in einer Vielzahl von Büros über ganz Deutschland verteilt, als Ergebnis Lastwagenladungen von Kartons mit Aktenordnern, die die Büros des Betrugsdezernats oft über Jahre in stickige Lagerräume verwandeln. Dazu Computerfestplatten, deren Auswertung mit Glück nur sechs Monate dauert und einen weiteren Berg von Akten produziert. Das Ganze noch garniert mit der abwechslungsreichen Aufgabe, Hunderte von Geschädigten zu vernehmen und die Geldflüsse zu Briefkastenfirmen weltweit zu verfolgen.

All das aufwendig begleitet von internationalen Rechtshilfeersuchen, deren Beantwortung gerne auch mal ein Jahr dauern kann. Und nicht zu vergessen die Briefe und Dienstaufsichtsbeschwerden von immer noch gutgläubigen Anlegern und den Rechtsanwälten der Betrugsfirmen, welche die Ermittler für den Niedergang einer florierenden Firma verantwortlich machen wollen. So ist es verständlich, dass so manches Verfahren nach "intensiver" Prüfung und einer gewissen Schamfrist, die man dem Opfer schuldig ist, eingestellt wird.

Die Kunden der Göttinger Gruppe verfügen diesbezüglich über einen reichen Erfahrungsschatz, über Jahre wurden ihre Anzeigen nicht verfolgt, bis sich letztendlich doch die Staatsanwaltschaft genötigt sah, sich der Sache anzunehmen. Und so erklärt es sich, dass die Madoffs dieser Welt auch in Zukunft oft jahrelang Anleger ausnehmen werden, ohne dass sie jemand stoppt.

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