Theo Waigel "Korruption gehört nicht zur Tradition"

Ex-Finanzminister Theo Waigel ist auf dem Weg zum Siemensianer. Im Interview mit manager-magazin.de erklärt der neue Antikorruptionsbeauftragte des Münchener Konzerns, wie er zu dem Job kam, was er vorhat - und warum sich der Verzicht auf Bestechung langfristig auszahlt.

mm.de: Herr Waigel, sind Sie jetzt ein Siemensianer?

Waigel: Ich gebe mir Mühe, einer zu werden. Ich habe diese Aufgabe auch übernommen, um den Arbeitnehmern zu helfen. Durch meine Arbeit kann ich dazu beitragen, weiteren Schaden von Siemens  fernzuhalten. Das ist wichtig für die Hunderttausende Arbeitnehmer von Siemens weltweit und insbesondere in Deutschland.

mm.de: Weshalb sind Sie der Richtige dafür, Siemens zu überwachen?

Waigel: Ich war die letzten neun Jahre als Anwalt tätig. Zuvor habe ich mich mit Ökonomie und Finanzpolitik beschäftigt, ich habe da einen großen, breiten Erfahrungsschatz. Wenn man ein großes Ministerium fast zehn Jahre geleitet hat, und im deutschen, europäischen und internationalen Feld tätig war, glaube ich, hat man genügend Erfahrung, um auch diese Aufgabe erfolgreich wahrzunehmen. Nicht zuletzt war ich 1969 - am Anfang meines Berufslebens - Staatsanwalt am Münchener Landgericht.

mm.de: … bei der Behörde, die nun die Ermittlungen gegen Siemens und die belasteten Mitarbeiter leitet. Wie kam es dazu, dass Sie die Aufgabe übernommen haben?

Waigel: Aufsichtsratschef Gerhard Cromme ist vor einigen Monaten auf mich zugekommen und hat mich gefragt hat, ob die Tätigkeit für mich infrage käme. Das war mit einem großen Fragezeichen behaftet, ob die amerikanischen Behörden damit einverstanden sind.

mm.de: Weil Sie der erste Nicht-Amerikaner sind.

Waigel: Es ist bisher einmalig, dass ein Deutscher beauftragt wird, eine solche Compliance-Überwachung zu übernehmen. Ich denke, dass mir meine Erfahrung und die Zusammenarbeit mit zwei US-amerikanischen Administrationen – zunächst mit der von George Bush, dann mit der von Bill Clinton, zugute gekommen ist.

mm.de: Wie wollen Sie einen derart riesigen Konzern denn kontrollieren?

Waigel: Ich stelle das Team für diese Aufgabe zusammen. Dazu gehören erfahrene Persönlichkeiten von Siemens. Außerdem steht eine US-amerikanische Kanzlei, die mit dem Fall schon betraut war, zur Verfügung. Schließlich werde ich in der Lage sein, zusätzliche externe Kräfte zu berufen. Ich bin zuversichtlich, weil Siemens den Compliance-Gedanken im Unternehmen forciert.

mm.de: Wie bewerten Sie das, was bei Siemens an Korruption vorgefallen ist?

Waigel: Ich bin für die Gegenwart und die Zukunft bestellt und nicht für die Vergangenheit. Ich glaube, dass es zu der Aufklärungsarbeit, die Siemens geleistet hat, keine Alternative gegeben hat. Die enge Zusammenarbeit mit den US-Behörden war notwendig, da das Unternehmen an der US-Börse gelistet ist. Alles andere wäre kostenträchtiger für Siemens geworden.

"Compliance kann ein harter Wettbewerbsvorteil werden"

mm.de: Siemens will eine neue Unternehmenskultur etablieren, was stellen Sie sich darunter vor?

Waigel: Das muss Siemens machen. Bei meiner Arbeit geht es darum, dass die Vorschriften, die es in Deutschland und anderen Ländern gibt, eingehalten werden. Und dass der internationale Wettbewerb, von dem Deutschland so stark abhängig ist, korrekt abläuft.

mm.de: Ist es auch Ihre Aufgabe, zu überwachen, wie Siemens nun die alten Vorstände auf Schadensersatz verklagt?

Waigel: Nein.

mm.de: Wie lange werden Sie für Siemens tätig sein?

Waigel: Die Arbeit ist auf etwa drei Jahre angesetzt. Zwischendurch berichten wir regelmäßig an die US-Behörden.

mm.de: Nun sind Sie einer der obersten deutschen Antikorruptionswächter. Wie nötig ist es in der deutschen Wirtschaft, Compliance-Strukturen wie bei Siemens zu etablieren?

Waigel: Alle Unternehmen sind sich inzwischen der Problematik bewusst. Deshalb sind wir in Deutschland auf einem guten Weg. Für uns alle war es ein Lernprozess. Heute ist man weltweit der Ansicht, dass es keinem Unternehmen und keinem Land etwas bringt, wenn man mit diesen Praktiken arbeitet – alle schaden sich letztlich selbst.

Es wird zu einem Wettbewerbsvorteil werden, wenn ein Unternehmen sagt, es macht bei krummen Geschäften nicht mit, selbst wenn es Aufträge verliert. Es kann ein harter Wettbewerbsvorteil werden, wenn ein Unternehmen dies klar zum Ausdruck bringt.

mm.de: In vielen Schwellenländern betrachten einheimische Konzerne das Thema weniger unter moralischen Gesichtspunkten.

Waigel: Es gibt Entwicklungsländer, die klar erkannt haben, dass es sie mehr kostet, wenn Unternehmen oder auch der Staat an solchen Praktiken beteiligt sind. Je früher ein Land die Erfahrung sammelt, dass es nichts bringt, umso besser. Der Bundespräsident hat jüngst darauf hingewiesen: Korruption ist oft erst durch westliche Unternehmen dorthin gekommen – zur Tradition gehört sie jedenfalls vielerorts nicht.

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