Montag, 22. April 2019

Globale Rezession "Der Nährboden der Krise"

Was müssen die Notenbanken aus dem Crash lernen? Thomas Mayer, Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, über falsche Marktgläubigkeit und richtige Bankenregulierung – und über die Frage, wie der nächste Aufschwung wird.

mm: Herr Mayer, im aktuellen Heft befassen wir uns eingehend mit der neuen Macht der Notenbanken. Wie sehen Sie die Situation? Wie werden EZB, Fed und Co. in Zukunft die Wirtschaft steuern?

Thomas Mayer, Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank mit Arbeitsplatz London, gilt als einer der einflussreichsten Zentralbank-Beobachter Europas.
Thomas Mayer: Die Finanzkrise wird auch die Politik der Notenbanken verändern. Ihr bisheriger Ansatz basiert auf Modellen, die im wesentlichen Rationalität aller Wirtschaftsubjekte unterstellen. Nun haben wir aber gesehen: So streng rational wie in den konventionellen Modellen angenommen geht es insbesondere auf den Finanzmärkten nicht zu. Die Finanzkrise hat uns an die "animal spirits" erinnert, von denen John Maynard Keynes in den 30er Jahren sprach. Auf die große "Gier" folgt nun die Angst. Mit kühler Vernunft hat vieles, was wir zur Zeit auf den Finanzmärkten sehen, wenig zu tun.

mm: Mit anderen Worten: Die Notenbanken müssen künftig aktiver ins Geschehen eingreifen, um die Emotionen der Märkte zu glätten?

Mayer: Sicher. Derzeit haben sie zusammen mit der Fiskalpolitik die Aufgabe, zu verhindern, dass aus dem Krach der Immobilien- und Aktienpreise eine "Schuldendeflation" – also eine forcierte Entschuldung durch Bankrott auf breiter Basis – wird, die in eine allgemeine Deflation und wirtschaftliche Depression übergeht. Wenn die Krise dann vorüber ist, werden die Zentralbanken mehr auf Vorsorge achten müssen. Konkret heißt dies, dass die Zentralbanken zusammen mit den Regulierungsinstanzen auf die Entwicklung der Risikoneigung an den Kapitalmärkten achten müssen. Kommt die Party zu stark in Schwung, muss die Zentralbank dem gegensteuern, indem sie die Bowle mit vorbeugenden Zinserhöhungen verdünnt und die Banken anhält, höhere Reserven zu halten.

Mehr zum Thema in: manager magazin 1/2009

Notenbanken
Lesen Sie mehr über die wachsende Macht der Notenbanken und den künftigen Kurs der EZB im neuen manager magazin, Heft 1/2009, ab Seite 96.

mm: In der Vergangenheit waren sie zu lasch?

Mayer: Rückblickend muss man dies sicher bejahen. Zwischen 2001 und 2006 waren die Leitzinsen zu niedrig. Vor allem die Fed, aber auch die EZB und viele Notenbanken in den Emerging Markets haben damit zu viel Liquidität in die Märkte gepumpt. Das war der Nährboden, auf dem die Übertreibungen auf den Immobilienmärkten und die Überschuldung gediehen.

mm: Zugleich waren aber auch die Inflationsraten niedrig. Zwischenzeitlich geisterte sogar die Sorge vor Deflation durch die Debatten. Hätten die Notenbanken wirklich die Zinsen anheben müssen?

Mayer: Ja. Sie hätten die Deflationssorgen gegen den Überschwang an den Finanzmärkten abwägen müssen. Aber ich gebe zu: In der Rückschau lässt sich das immer leichter beurteilen. Wir stehen nun vor einem Paradigmenwechsel. Die Theorien, nach denen die Notenbanken bislang gearbeitet haben, sind von der Realität stark in Frage gestellt worden.

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