US-Autoindustrie Detroit erwartet den Tsunami

Die US-Autoindustrie steht nach dem Scheitern des Rettungspakets vor dem Kollaps. Die allerletzten Hoffnungen ruhen auf Präsident George W. Bush und Nachfolger Barack Obama. Analysten setzen auf Insolvenzverfahren als reinigende Gewitter. Danach wäre in der Branche allerdings fast nichts mehr so wie es einmal war.

Hamburg - Nach dem Scheitern des Rettungspaketes für die drei angeschlagenen US-Autobauer rechnen Analysten mit dem Aus für mindestens einen der Konzerne. "Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass GM oder Chrysler Chapter 11 anmelden werden, zumal sie bereits angekündigt haben, finanziell nicht allein bis zum Jahresende durchhalten zu können", schrieben die Analysten der LBBW am Freitag.

Am Donnerstag Abend waren die Hoffnungen für die Autohersteller und ihre Beschäftigen jäh geplatzt. "Dies wird ein trauriges Weihnachten", verkündete der Mehrheitsführer im US-Senat, Harry Reid, vor der Presse. Es sei keine Mehrheit für das 14-Milliarden-Hilfspaket in Sicht, von dem sich General Motors , Chrysler und Ford  zumindest die vorläufige Rettung versprochen hatten.

Welche Folgen sich damit abzeichnen, ist an der Wall Street bereits ansatzweise deutlich geworden. GM-Aktien stürzten um ein Drittel ab, Ford um ein Viertel. Die Märkte haben den Glauben zumindest an GM und den nicht börsennotierten Chrysler-Konzern endgültig verloren.

"Es wird sehr schwierig für sie sein, nicht den Bankrott zu beantragen", erklärte Berater Erich Merkle von Crowe Chizek in Grand Rapids in Michigan, der Heimat der US-Autoindustrie, mit Blick auf GM und Chrysler. "GM hat vermutlich noch bis Januar." Als nächstes werde der Autoriese wohl einen Zeitpunkt für den Konkursantrag nennen.

Sicherlich sei die Nachricht zunächst einmal eine schlechte für die US-amerikanischen Autobauer, sagt Autoanalyst Jürgen Pieper. Die Psychologie sei erstmal negativ, weil die Gefahr eines Konkurses General Motors und Chrysler gewachsen und die Zukunft damit sehr unklar erscheine.

Wagoners düstere Prophezeihung

Wagoners düstere Prophezeihung

Die Aussicht auf einen Kollaps der Hersteller stimmt viele Branchenexperten jedoch positiv. "Dass Gesündeste wäre, die Sache dem Markt zu überlassen. Die US-Hersteller sind ein Fass ohne Boden", sagt NordLB-Analyst Frank Schwope. "Man fragt sich, warum das Insolvenzverfahren nach Chapter 11 nicht längst eingeleitet worden ist."

"Es ist das Ende mit Schrecken", sagt ein weiterer Branchenkenner, der nicht genannt werden will, gegenüber manager-magazin.de. "Das würde die Konsolidierung beschleunigen."

Kommt es tatsächlich zu Insolvenzverfahren, stünde vermutlich nicht nur den betroffenen Autoherstellern eine Rosskur bevor. Würden ein oder gar zwei der drei großen amerikanischen Autobauer Antrag auf Gläubigerschutz stellen, werde sich die Lage vermutlich dramatisch zuspitzen, erwarten die Analysten von UniCredit. Die gesamte Autozulieferindustrie als auch andere Branchen wären von einer GM-Insolvenz sofort betroffen.

Chapter 11 würde den Autobauern selbst wohl kaum helfen

Dass ein Insolvenzverfahren nach Chapter 11 den Autobauern das Leben retten würde, glaubt kaum ein Experte. Zwar war dieses Instrumentarium in der Vergangenheit bereits die Rettung für verschiedene Fluggesellschaften. Sie hielten sich einige Jahre über Wasser und verschlankten sich unter dem Schutzschild des Insolvenzrechts. Allerdings fürchtet die Autoindustrie die gravierenden Imageschäden bei den Käufern, die womöglich keine Autos eines insolventen Herstellers kaufen wollen.

Umso dramatischer erscheint deshalb, dass General Motors dieses Szenario nach Informationen des "Wall Street Journal" nun bereits untersuchen lässt. Konzernchef Rick Wagoner hatte ein Insolvenzverfahren immer als verheerend für sein Unternehmen gewertet und auch darüber hinaus vor schwerwiegenden Folgen gewarnt. "Das wird auf die US-Wirtschaft durchschlagen wie ein Tsunami."

Bis zu drei Millionen Arbeitsplätze seien allein bei einer Pleite von GM gefährdet. Auch wenn diese Schätzungen als etwas zu hoch gegriffen erscheinen, ist unbestritten, dass zahlreiche Zulieferer gleich ebenfalls Insolvenz anmelden könnten, wenn einer der Giganten fällt. "Das würde bisherige Programme und Bemühungen, die US-Wirtschaft in ruhigere Fahrwasser zu führen, eher konterkarieren", ist Unicredit-Analyst Christian Aust überzeugt.

US-Wirtschaft könnte um 4 Prozent einbrechen

US-Wirtschaft könnte um 4 Prozent einbrechen

Würden die Hersteller im ersten Quartal 2009 Gläubigerschutz beantragen, würde das US-Bruttoinlandsprodukt um mindestens 4 Prozent sinken, weil die Autoproduktion um bis zu 35 Prozent einbrechen dürfte, rechnete Joseph LaVorgna von der Deutschen Bank gegenüber der "Börsen-Zeitung". Die Arbeitslosenquote würde sofort auf 8 bis 8,25 Prozent von derzeit 6,5 Prozent in die Höhe schnellen.

"Für manchen deutschen Zulieferer hätte das Ausscheiden eines US-Herstellers ebenfalls gravierende Folgen", sagt Automobilfachmann Eric Heymann von DBResearch.

Die langfristigen Folgen einer Pleite eines Autobauers für die Gesamtwirtschaft sind kaum abzuschätzen. Bleibt es bei einem reinigenden Gewitter, oder taumelt die gesamte US-Wirtschaft in den Abgrund? Verlieren die USA sogar ihre wirtschaftliche Vormachtstellung? Dieser Frage müssen sich auch Präsident George W. Bush und sein Nachfolger Barack Obama stellen.

Analysten erwarten neue Initiative aus der Politik

Weil die Angst vor einem gigantischen Dominoeffekt wächst, erwarten manche Experten, dass in USA das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. "Ich könnte mir vorstellen, dass man sich doch noch einigt", sagt Schwope. "Das 700-Milliarden-Rettungspaket für die Banken kam auch erst im zweiten Anlauf zustande."

Und so setzen manche in Detroit noch auf einen letzten Rettungsversuch. Nach dem Debakel im Senat gingen die Verhandlungen bis in die Nacht weiter. Am Freitag ließ Bush dann ausrichten, dass er es sich doch vorstellen könne, die Autobauer mit Mitteln aus dem Bankenrettungspaket zu unterstützen.

"Das ist ein politischer Poker, in dem es darum geht, den Unternehmen und den Gewerkschaften mehr Zugeständnisse abzuringen", sagt UniCredit-Mann Aust. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die US-Regierung GM oder Chrysler in die Pleite fahren lässt."

Denn auch die ehemaligen Finanzierungstöchter der drei Autobauer seien dann davon betroffen. Aust schätzt, dass Schulden der Autobanken von rund 180 Milliarden Dollar in der US-Finanzwirtschaft auf verschiedenste Weise verteilt sind - sei es nun in verbriefter oder anderer Form. Banken und Versicherungen müssten bei einer Insolvenz auf diese Forderungen und Papiere weitere enorme Beträge abschreiben.

Ausländer übernehmen das Ruder

Ausländer übernehmen das Ruder

Der "politische und wirtschaftliche Kollateralschaden", den so manche republikanische Senatoren in den USA mit ihrer Verweigerungshaltung anrichteten, sei viel zu groß, als dass sie dauerhaft bei ihrer Position bleiben würden, glaubt Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank. "Sie können sich das politisch nicht leisten, diese Branche einfach in die Wüste zu schicken." Dafür hingen einfach zu viele Arbeitsplätze bei den Konzernen selbst als auch angeschlossenen Industrien dran, sagt Hellmeyer.

Der Experte ist auch sicher, dass die Politik mit der Autogewerkschaft UAW einen Kompromiss finden wird. Die republikanischen Senatoren hatten ihre Ablehnung auch damit begründet, dass die Gewerkschafter nicht zu einem empfindlichen Lohnverzicht für die Hilfskredite bereit gewesen sein sollen.

Dass auch der Markt die Lage für die US-Autobauer eher dunkelgrau als rabenschwarz einschätze, lasse sich an der leichten Erholung der Kurse ablesen, so Hellmeyer. Nachdem der Dax am Morgen zunächst mit Abschlägen von mehr als 4 Prozent in die Knie gegangen war, konnte der Leitindex seine Verluste bis zum Nachmittag auf rund 2,5 Prozent reduzieren.

Ob mit oder ohne staatlicher Hilfe steht den Autobauern eine harte Zeit bevor. Ohne drastischen Personalabbau werde es nicht gehen, sagt Analyst Schwope. Langfristig werden wohl ausländische Konzerne so oder so das Sagen in den USA haben, erwartet auch Heymann. "Ein Ausscheiden einiger Hersteller würde natürlich nicht bedeuten, dass die Versorgung der Amerikaner mit neuen Autos gefährdet wäre."

mit Material von reuters

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