Samstag, 7. Dezember 2019

Autozulieferer Mit Vollgas an den Abgrund

Jahrelang haben sich die deutschen Autozulieferer dem Diktat der Hersteller unterworfen und beim Preiskampf munter mitgespielt. Nun kämpfen sie in der Krise ums nackte Überleben. Die Risiken sind größer, als mancher Firmenlenker ahnt - vor allem, wenn nach dem Aus für das Rettungspaket die US-Giganten fallen.

Hamburg - Es ist nicht lange her, da haben sich die Mitarbeiter des Autozulieferers HWU in ihrer Kantine regelmäßig für die nächste Schicht gestärkt. Jetzt sammeln sie dort Kraft für die nächste Protestaktion und sprechen sich Mut zu. Doch es geht nur noch um Sozialpläne und eine Transfergesellschaft für die Belegschaft des Unternehmens im holsteinischen Hohenlockstedt. "Unsere Firma wird beerdigt", sagt Betriebsratschef Steffen Schmidt.

Existenzkampf: Bei HWU in Hohenlockstedt hat die Belegschaft ihn bereits verloren
Dieses Schicksal droht angesichts der dramatischen Absatzkrise in der Automobilwirtschaft einer immer schneller wachsenden Zahl von Zulieferern. Gerade Betriebe am Ende der Logistikkette wie HWU, ein Produzent von Fahrzeugachsen und Werkzeugen für andere Zulieferer, sind dem Abwärtsstrudel oft hilflos ausgeliefert. "Was seit Anfang Oktober passiert, haben wir seit 30 Jahren nicht erlebt", sagt der Geschäftsführer des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Klaus Bräunig, gegenüber manager-magazin.de.

Kreditversicherer und Unternehmensberater haben die Zulieferbranche, in der deutschlandweit 400.000 Menschen beschäftigt sind, deshalb bereits als neues Sorgenkind identifiziert. "Die Lage hat sich in den letzten Tagen extrem zugespitzt", sagt Automobilexperte Marcus Berret von der Unternehmensberatung Roland Berger gegenüber manager-magazin.de. Schon jetzt hat sich die Zahl der Insolvenzen in der Branche verdreifacht, berichtet der Kreditversicherer Euler Hermes.

"Von den etwa 500-600 europäischen Zulieferern ab zirka 150 Millionen Euro Umsatz aufwärts könnten bis zu 100 nicht überleben, wenn die Nachfragekurve im zweiten Halbjahr 2009 nicht deutlich nach oben zeigt", sagt Berret. Allein in Deutschland würden dabei 100.000 Arbeitsplätze verschwinden.

Schon jetzt hätten 20 größere westeuropäische Zulieferer Insolvenz angemeldet - meist, weil Finanzinvestoren sie mit Schulden überfrachtet haben. "Deren Finanzierung ist für schlechte Zeiten in der Regel nicht geeignet", sagt Berret. Auch HWU-Betriebsrat Schmidt sieht in der Absatzkrise nur den Auslöser für die Pleite seines Betriebes. "Wenn ein Unternehmen sich nicht aus seinem Cash-Flow finanzieren kann, taugt es nichts."

Landesregierungen, der Bund und die EU versuchen der Industrie mit billigen Krediten wieder auf die Beine zu helfen, doch Branchenexperten verlieren den Glauben an immer mehr Betriebe. Fälle wie die Pleite des Leverkusener Unternehmens TMD Friction werfen nur ein Schlaglicht auf das, was nach ihrer Ansicht noch kommen könnte. Von der internationalen Wirtschaftsauskunftei D&B erhält schon jedes sechste Unternehmen das schlechteste Rating - im Februar war es noch jedes achte. Europaweit sieht das Bild noch düsterer aus. In Spanien und Portugal ist mehr als jedes vierte Unternehmen betroffen.

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