Korruption "Verpfeifen muss nichts Schlimmes sein"

Die Schmiergeldaffäre bei Siemens hat Manager in anderen Firmen aufgerüttelt. Trotz der Wirtschaftsflaute dürfen sie im Kampf gegen Korruption nicht nachlassen, sagt Manfred Gentz, Präsident der Internationalen Handelskammer Deutschland. Ihren Mitarbeitern sollen sie beibringen, notfalls Kollegen anzuschwärzen.

mm.de: Deutschland ist auf dem Weg in eine vermutlich tiefe Rezession, und viele Unternehmen haben existenzielle Sorgen. Warum sollen sie ausgerechnet jetzt verstärkt gegen Korruption kämpfen?

Gentz: Es wäre eine Illusion, zu glauben, dass Unternehmen mit Korruption über wirtschaftliche Schwierigkeiten hinwegkommen. Das haben die Unternehmen inzwischen gelernt. Den Unternehmensleitungen ist sehr bewusst geworden, dass sie auf dieses Thema viel stärker achten müssen.

mm.de: Nur jeder 20. Manager hat nach eigenen Angaben in den letzten zwei Jahren mit Korruption im eigenen Unternehmen zu tun gehabt - das ist das Ergebnis der jüngsten Umfrage der Unternehmensberatung Ernst & Young. Ist bei den Befragten der Wunsch Vater des Gedankens?

Gentz: Man wird davon ausgehen müssen, dass Korruption möglicherweise häufiger vorkommt, als es dieses Ergebnis nahelegt. Es kann sein, dass die Unternehmensleitungen es nicht genau gewusst haben. Es kann sein, dass sie es nicht zugeben wollen. Es ist menschlich, dass sie - gefragt nach Verstößen im eigenen Unternehmen - sagen, ich weiß es nicht, oder es ist nicht vorgekommen.

mm.de: Sie ermuntern im neuen ICC-Kodex unter dem Stichwort "Whistleblowing" ("verpfeifen") nun Unternehmen, ihrer Belegschaft besondere Wachsamkeit einzutrichtern. Mitarbeiter sollen dubiose Praktiken zur Sprache bringen - notfalls anonym. Erziehen die Firmen ihre Leute auf diese Weise zu Denunzianten und fördern ungewollt Mobbing?

Gentz: Anders als das deutsche "jemanden verpfeifen" hat die englische Wendung keinen negativen Beiklang. Sie drückt vielmehr aus, dass jemand durch sein Verhalten Schlimmeres verhindern will. Whistleblowing ist in den Vereinigten Staaten schon seit langer Zeit eingeführt. Ein solches System hat auch eine negative Seite, weil es missbraucht werden und in Mobbing ausarten kann. Aber im Großen und Ganzen ist der Missbrauch im angelsächsischen Raum überschaubar. Daher ist es dort voll akzeptiert, dass Whistleblowing auch anonym erfolgen kann.

"Wer anonym anzeigt, braucht Schutz"

mm.de: Wer sich aus der Deckung wagt und Kollegen anzeigt, dürfte keinen allzu guten Stand mehr im Unternehmen haben. Wie lässt sich die Mauer des Schweigens psychologisch durchbrechen?

Gentz: Whistleblowing ist letztlich ein kulturelles Thema. In Europa sind wir eher der Auffassung, wenn jemand etwas zu beanstanden hat, dann soll er auch dazu stehen und dies nicht anonym tun. Das funktioniert aber nur bedingt. Nicht alle Leute sind so mutig, und man sollte den, der anonym anzeigen will, schützen. Auf Dauer wird sich auch in Deutschland die Erkenntnis durchsetzen, dass es ohne Anonymität und einen Arbeitsrechtsschutz für denjenigen, der einen begründeten Verdacht weitergibt, nicht geht.

mm.de: Wäre es nicht auch legitim, die Medien über Missstände zu informieren, wenn es intern keine Resonanz auf die Hinweise eines Mitarbeiters gegeben hat?

Gentz: Das kann man nicht verbieten, aber ich finde es keinen schönen Weg. Genauso wenig können Sie verhindern, dass ein Mitarbeiter sich an die Staatsanwaltschaft wendet, die dann Anonymität wahrt. Ich würde aber von den Mitarbeitern erwarten, dass man das Problem zunächst intern klärt, bevor man an die Presse oder die Staatsanwaltschaft geht.

mm.de: Bei Korruption geht es oft schon um Aufmerksamkeiten, Einladungen und Gefälligkeiten unter Geschäftspartnern. Was ist also erlaubt, was nicht?

Gentz: Wir sagen in unserem Kodex: Geschenke von Wert sollten grundsätzlich nicht verteilt und angenommen werden, dazu gehören unter Umständen auch Freikarten für Sport- und Kulturveranstaltungen. Die Einladung zu einem Essen ist hingegen eher unbedenklich, soweit sie nicht über das übliche Maß hinausgeht.

mm.de: Der von Ihnen mitentwickelte Verhaltenskodex bleibt an vielen Stellen etwas schwammig. Was üblich und angemessen ist, müssen also die Unternehmen selbst entscheiden?

Gentz: Der Kodex soll einen Orientierungsrahmen geben und Führungskräfte sensibilisieren. Je detaillierter ein solcher Kodex ist, desto weniger wirkt er. Es könnte sogar dazu führen, dass sich Einzelne an genauen Richtlinien orientieren, um sie möglichst geschickt zu umgehen.

Es ist eine Frage der inneren Einstellung, mit der Unternehmen und ihre Vertreter an dieses Thema herangehen. Compliance ist eine Grundeinstellung, die ein Unternehmen und seine Mitarbeiter verkörpern sollten. Das ist die Haltung des ehrbaren Kaufmanns. Nur mit Gesetzen und Vorschriften bekommen wir keine Ethik in die Unternehmen.

"Siemens-Affäre hat die Aufmerksamkeit erhöht"

mm.de: Vermitteln die Universitäten den Studenten diese Einstellung?

Gentz: Ich befürchte, die Hochschulen tun an dieser Stelle noch zu wenig. Es wird in der normalen Ausbildung eines Betriebswirts oder Juristen nicht wirklich gelehrt, dass Compliance und Korruptionsbekämpfung eine wachsende Rolle spielen.

mm.de: Diese Haltung mag manchem Jungmanager als antiquiert erscheinen. Verschafft sie im Zweifel nicht einen Nachteil im weltweiten Wettbewerb?

Gentz: Gerade global agierende Unternehmen wissen, dass ihnen Konsequenzen drohen, wenn sie die Vorschriften gegen Korruption missachten. Spektakuläre Fälle im In- und Ausland haben dazu geführt, dass das Problembewusstsein deutlich zugenommen hat.

mm.de: Welche Rolle hat die Siemens-Affäre für die Compliance-Kultur in Deutschland gespielt?

Gentz: Die Aufmerksamkeit für das Thema ist deutlich gewachsen, weil die Siemens-Untersuchungen eine große Resonanz in der Presse gefunden haben. Das hat die Bemühungen des Gesetzgebers und von der freiwilligen Seite verstärkt.

mm.de: Sich gegen Korruption einzusetzen, ist also vor allem eine Imagefrage? Das Geschäft von Siemens  hat doch letztlich kaum unter der Affäre gelitten.

Gentz: Nicht nur. Aber die Reputation eines Unternehmens in der Öffentlichkeit spielt eine wachsende Rolle, sie trägt zum Unternehmenswert bei. Früher haben die Firmen dieses Thema nicht als Risikofaktor wahrgenommen und es unter der Rubrik PR verbucht. Das hat sich grundlegend geändert, als Shell  die Ölplattform Brent Spar im Meer versenken wollte. Seitdem sind die Unternehmen aufmerksam geworden

mm.de: Mit erstaunlichen Spätfolgen: In der Compliance-Abteilung von Siemens arbeiten heute 520 Menschen, vor zwei Jahren waren es 80 Teilzeitkräfte.

Gentz: So will das Unternehmen offenbar sicherstellen, dass nichts mehr vorkommt. Wahrscheinlich ist es sogar eine Forderung der US-Börsenaufsicht SEC und des US-Justizministeriums, die in dem Fall ermitteln. Ob eine solche Größenordnung grundsätzlich Sinn macht, könnte man hingegen hinterfragen.

mm.de: Viel hilft also nicht unbedingt viel, wenn es um Compliance geht?

Gentz: In einem großen Unternehmen gibt es viele Abteilungen, die mit dem Thema Korruption befasst sind. Sie haben im Rechnungswesen eine interne Kontrolle, eine interne Revision, eine Risikomanagement- und neuerdings eine Compliance-Abteilung. Zwischen diesen unterschiedlichen Bereichen gibt es viele Überschneidungen. Wenn Manager es nicht schaffen, diese Funktionen trotz getrennter Verantwortlichkeit so zu integrieren, dass eine Abteilung die Erkenntnisse der anderen nutzt und die Abteilungen effizient zusammenarbeiten, dann organisieren sie ein Unternehmen zu Tode.

So zum Beispiel, wenn die Außenorganisationen eines Unternehmens vier verschiedene Berichte an die Zentrale schicken müssen. Dann sind die Unternehmen zum Schluss nicht mehr in der Lage, sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren, sondern nur noch mit Kontrollmechanismen beschäftigt.

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