Terrorangriffe Ins Herz des Booms getroffen

Der Terror in Indien zielt auf die Wahrzeichen von Mumbai, auf den Finanzdistrikt und auf Ausländer. Das ist ein Schlag gegen den wirtschaftlichen Boom des Landes - ausgeführt zu einer Zeit, in der das Wachstum der vergangenen Jahre ohnehin nicht mehr selbstverständlich ist.

Mumbai - Dieses Jahr gibt es keine Lebkuchen und Christstollen in Mumbai. Die deutsch-indische Handelskammer hat nach dem Terror in Indiens Wirtschaftshauptstadt ihr Weihnachtsfest abgesagt. Die Veranstaltung diente stets als Treffpunkt von Firmen beider Länder. Mumbai ist Drehscheibe für die ausländischen Milliarden, die seit Jahren nach Indien strömen. Die beispiellose Gewalt, die auf Hotels zielte, wo ausländische Wirtschaftslenker ein und ausgehen, traf mitten ins Herz des Aufschwungs in dem Boomland. "Das ist ein eindeutiger Angriff auf die indische Wirtschaft und all ihre Vertreter", sagt Rajeev Chandrasekhar, Chef des indischen Industrieverbands.

Schon vor zwei Jahren erlebte Mumbai schwere Anschläge mit vielen Toten. Doch damals richteten sich die Bomben gegen Nahverkehrzüge, in denen vor allem Inder reisten. Bei den jüngsten Anschlägen verhält es sich anders: "Die Terroristen haben die großen Wahrzeichen von Indiens Finanzhauptstadt attackiert", sagt Nikhilesh Bhattacharyya von der indischen Filiale der Rating-Agentur Moody's. "Damit sollen die Märkte destabilisiert und Touristen abgeschreckt werden."

Indien erlebt seit der Öffnung seiner Wirtschaft im Jahr 1991 einen rasanten Boom. Das Land ist nach Einschätzung des Auswärtigen Amtes auf dem Weg, in den nächsten Jahrzehnten nach China und den USA zur drittgrößten Volkswirtschaft der Erde zu werden. Ausländische Investoren kämpfen deshalb seit langem um ein Stück vom wachsenden Wohlstand auf dem Subkontinent. Zugleich sind große Teile der Menschen in Indien vom neuen Reichtum komplett abgeschnitten. Mehr als die Hälfte der 1,1 Milliarden Einwohner muss mit umgerechnet etwa einem Euro pro Tag auskommen. Auch Mumbai ist ein Spiegel dieser Entwicklung: Nicht weit vom boomenden Finanzbezirk breitet sich einer der größten Slums der Welt aus.

Neben Religion und Volkszugehörigkeit gilt auch das riesige Wohlstandsgefälle als Nährboden für die Gewalt in Indien. Die Magnaten des Landes sind jedenfalls alarmiert über den Terror, der erstmals direkt auf ihren Reichtum zielt. "Das ist Indiens 11. September", sagt Vijay Mallya, der mit der Fluglinie Kingfisher Airlines und einem Bierimperium zum Multi-Milliardär geworden ist. "Vielleicht muss unsere Regierung beginnen, in Zukunft härter durchzugreifen."

Das Land ist ohnedies von der Finanzkrise gebeutelt

Die Welle der Gewalt trifft Indiens Wirtschaft zudem in einer schwierigen Lage. Die Finanzkrise drückt das Wachstum in diesem Jahr von zuletzt neun Prozent auf etwa sieben Prozent - zu wenig, damit das Land seinen Weg aus der Armut wie bisher fortsetzen kann. Die Börse in Mumbai brach seit Jahresbeginn um mehr als die Hälfte ein - vor allem, weil ausländische Investoren wegen der Krise eine zweistellige Milliardensumme abzogen. In Indien selbst kauft die neue Mittelschicht kaum noch Autos oder die bisher so beliebten Elektronikprodukte.

"Wenn wir weiterhin so massive Terrorangriffe sehen, wird sich die Wahrnehmung der Sicherheit in Indien verändern", sagt Ajai Sahni, Chef des Instituts für Konfliktmanagement in Neu Delhi. "Das wird die Entscheidung über Investitionen direkt beeinflussen."

Erste Folgen sind schon zu sehen. Eine große Wirtschafts-Delegation mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Ministerpräsidenten Günther Oettinger (CDU) sagte am Freitag eine geplante Indien-Reise ab, für die bereits Zimmer im Taj-Mahal-Hotel in Mumbai gebucht gewesen waren. Oettinger habe entschieden, dass "der Sicherheit unserer Delegation anderen legitimen Interessen gegenüber der Vorrang zu geben ist", hieß es in dem Brief der Staatskanzlei an die Teilnehmer.

Salil Panchal, afp

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.