Übernahmen Das Ende der Husarenritte

Weil Unternehmen weltweit nur mit Schwierigkeiten an Großkredite herankommen, hat das Übernahmekarussell in vielen Branchen kräftig an Schwung verloren. Jetzt ist nicht nur der größte geplante Zukauf aller Zeiten gescheitert. In Deutschland bringt die Angst der Manager vor Fehlgriffen selbst schon kleine Geschäfte ins Wanken.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Es ist die Stunde der Trickser. Der peinlich genauen Paragrafenreiter und Vertragsfüchse: Deutschlands Topanwälte spüren die neue Angst ihrer Unternehmenskunden vor Übernahmen, mit denen sie sich vielleicht einmal selbst in Schwierigkeiten bringen. Lange nicht mehr, hat jetzt die Anwaltskanzlei CMS Hasche Sigle (CMS) berichtet, bestanden so viele Firmenkäufer auf spitzfindigen Zusatzklauseln, um sich so weit wie möglich abzusichern. "Die Zukunftsangst hat die Pläne für Firmenkäufe in der Bundesrepublik erschüttert, und international erst recht", sagt der Partner einer führenden hiesigen Sozietät.

Erst vor wenigen Tagen etwa hat das britisch-australische Rohstoffunternehmen BHP Billiton  den Kauf seines Konkurrenten Rio Tinto  abblasen müssen. "Das ist die größte geplatzte Übernahme aller Zeiten", sagte ein Sprecher des Datenanbieters Dealogic - und ein Symbol für die Finanzkrise, in die sich Unternehmen weltweit stärker und stärker verstricken.

Nach Dealogic-Angaben ist die anberaumte Transaktion der Rohstoffgiganten schon die 1188. Großübernahme gewesen, die abgesagt werden musste; haben die emsigen Statistiker richtig gezählt, sind schon bis Ende November dieses Jahres so viele Fusionen und Übernahme im Jahresverlauf gescheitert, wie nie zuvor binnen zwölf Monaten - und die Liste könnte noch länger werden. Der russische Ölkonzern Lukoil  beispielsweise hat noch immer keinen Erfolg melden können, einen erheblichen Anteil seines spanischen Konkurrenten Repsol  in die Finger bekommen zu haben.

"Die Verhandlungen können noch Tage oder Wochen dauern, eventuell aber kommt die Operation gar nicht zustande", sagte jetzt Juan Maria Nin, Chef der spanischen Sparkasse La Caixa, die mit 13 Prozent an Repsol beteiligt ist.

Experten in Moskau sind mittlerweile skeptisch, ob Lukoil den Deal mitten in der Finanzkrise überhaupt stemmen kann. "Lukoil hat zumindest nicht genügend Bares dafür, das ist sicher", sagt Unicredit-Analyst Artem Kontschin. Drei bis vier Milliarden Dollar habe das Unternehmen wohl in der Kasse, allerdings auch erhebliche Schulden.

Unter dem Strich dürfte das selbst dann nicht reichen, wenn sich Lukoil mit einem Repsol-Anteil zufrieden gäbe. Nach Meinung von Fortis-Analyst Antonio Lopez dürfte der spanische Ölkonzern komplett rund 36 Milliarden Euro wert sein. Lukoil bräuchte somit Kredite für die angepeilte Übernahme.

Die neue Bescheidenheit in Deutschland

Die neue Bescheidenheit in Deutschland

Selbst die Großaufkäufer der Tigerstaaten sind mittlerweile kleinlaut geworden. Ratan Tata, Chef des gleichnamigen und zugleich größten Industriekonzerns Indiens, hat gerade seine kaufbegeisterten Manager zurückgepfiffen. "Das Management des Tata-Konzerns wurde per E-Mail angewiesen, sehr aufmerksam auf die globale Finanzkrise zu reagieren, sehr genau auf den Mittelzufluss zu achten und Ausgaben so vorsichtig wie möglich vorzunehmen", bestätigte ein Unternehmenssprecher am Mittwoch. Tata  hatte im vergangenen Jahr den Stahlkonzern Corus, in diesem Jahr die Automobilhersteller Jaguar und Landrover übernommen.

Auch wichtige deutsche Konzerne scheinen den Appetit auf Übernahmen zumindest zu zügeln. Die Deutsche Lufthansa  beispielsweise bemüht sich derzeit zwar noch um Austrian Airlines und strebt womöglich auch eine Minderheitsbeteiligung an Alitalia  an. Dem Einstieg bei der SAS-Gruppe schob, wie das manager magazin unter Berufung auf Insider in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, offenbar aber Lufthansa-Finanzvorstand Stephan Gemkow einen Riegel vor, nachdem Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber Branchenkreisen zufolge monatelang im Geheimen verhandelt hatte und weitesgehend mit den Skandinaviern handelseinig war. SAS hätte schrittweise mehrheitlich an die Lufthansa gehen, ihre Marke und ein eigenes Management aber behalten sollen.

In Deutschland indes stehen offenbar schon weitaus kleinere Übernahmen auf der Kippe. "Das Geschäft mit Transaktionen im Wert von mehr als 500 Millionen Euro ist stark rückläufig. Die Unsicherheit durch die Finanzkrise hat sich verstärkt, und mittlerweile gibt es auch weniger Transaktionen im 100-Millionen-Euro-Bereich", sagt CMS-Anwalt Thomas Meyding; seine Kanzlei gilt als größte Sozietät Deutschlands. Der Anteil solch großer Firmenkäufe oder -verkäufe, an der die Kanzlei beteiligt gewesen wäre, sei von rund 25 Prozent im ersten Halbjahr des Vorjahres auf magere 8 Prozent zum Ende dieses Jahres zusammengeschmolzen - und eine Branche scheint von der Übernahmeangst besonders betroffen zu sein.

Die Beratungsgesellschaft A.T. Kearney rechnet damit, dass Fusionen und Übernahmen in der Energiewirtschaft gleich bis zum Jahre 2013 unter die Räder kommen könnten. Der Wert der Transaktionen drohe um mehr als 30 Prozent einzubrechen. Allerdings wäre selbst das aufgrund der Größe solcher Geschäfte noch ein 260-Milliarden-Euro-Brocken.

"Der Infrastrukturmarkt", wie etwa das Stromleitungsgeschäft, "ist weniger rezessionsanfällig als andere Wirtschaftsbereiche, zudem sind viele Projekte politisch erwünscht. Deshalb sind die Banken eher bereit, derartige Übernahmen mitzufinanzieren", sagt Andreas Huber zur Begründung, Partner des Private-Equity-Unternehmens EQT.

Fehlversuche: Die größten gescheiterten Firmenübernahmen

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