Neues Alter Die graue Revolution

Für die Menschen ist das Altern eine Gewissheit, für Unternehmen ein Rätsel. Wer wird in 20 Jahren noch für sie arbeiten? Wie verhalten sich Rentner anno 2050, was wollen sie kaufen und wie soll es aussehen? Eine Serie über das Buhlen um ältere Menschen.
Von Grit Beecken

Hamburg - Sydney Prior ist 93 Jahre alt und des Arbeitens immer noch nicht müde. Seit 16 Jahren läuft sein Vertrag bei der britischen Baumarktkette B&Q, 31 Stunden wöchentlich berät er Baumarktkunden beim Griff nach Badezimmerarmaturen und Mörtel. "Das hält mein Herz jung", sagt er - und meint sein physisches und sein psychisches Herz.

Bei B&Q ist ein Viertel der Belegschaft älter als 50 Jahre und 22 Prozent sind jünger als 24. Personalchef Martyn Phillips sagt: "Eine ausgewogene Mischung verschiedener Altersklassen ergibt einen klaren Geschäftsvorteil". Schließlich kaufen auch Kunden aller Altersstufen ein. Klingt plausibel, ist aber längst nicht bei allen Personalleitern angekommen.

Noch nicht. Doch was B&Q freiwillig unternimmt, dürfte in absehbarer Zeit alternativlos sein. Denn alternde Gesellschaften sind darauf angewiesen, dass die Menschen länger werkeln. Und länger konsumieren. Auf beides müssen sich Unternehmen einstellen.

Das verlangen mittlerweile auch Analysten und Investoren: "Wenn man sich anschaut, wie alt der durchschnittliche Arbeitnehmer in einem Dax-Unternehmen ist, stellt man fest, dass die Firmen langfristig ein Riesenproblem haben werden", sagt DWS-Fondsmanager Gunnar Friede. "Denn in den kommenden fünf bis zehn Jahren werden mehr als 20 Prozent der gesamten Arbeitnehmer in den Dax-Konzernen in Rente gehen". Friede prüft daher die Personalstrategie eines Unternehmens genau, ehe er investiert.

Somit ist der demografische Wandel nicht mehr nur politisches Wahlkampfgetöse - schon in den 70er Jahren wurde mit der Angst vor vermeintlicher "Vergreisung" Stimmung gemacht  - oder Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm. Sie beschäftigt neben Investoren auch die Research-Abteilungen der Banken, ganz praxisorientiert. Die jüngste Studie legt dieser Tage die japanische Bank Nomura  vor. Unter dem Titel: "Das Geschäft des Alterns" sind die wirtschaftlichen Folgen der Volksalterung Thema.

"Das Altern der Baby-Boomer stellt die größte Herausforderung dar", schreiben die Autoren John Llewellyn und Camille Chaix-Viros. Zogen die vielen Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, den Altersdurchschnitt der Bevölkerung doch jahrelang nach unten. In den kommenden Jahren aber kommen sie ins Rentenalter.

Sie werden länger leben als ihre Eltern und diese "zusätzlichen" Jahre sind im Großen und Ganzen gesunde Jahre. Damit verschiebt sich die Gesellschaftsstruktur und mit ihr das Wirtschaftsleben.

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Dem widmen Llewellyn, Chaix-Viros und Nomuras Branchenanalysten 135 Seiten. Das Ergebnis sind sehr viele Statistiken, gut durchdachte Mutmaßungen und Anregungen. Das Fazit lautet dennoch: Nichts Genaues weiß man nicht. Sicher ist nur: Es wird nicht so bleiben, wie es ist. Und daher fordern die Autoren im Einklang mit ihren Kollegen in anderen Banken und Investoren zum Umdenken auf.

Zwar weiß niemand, wie die Konsumgewohnheiten älterer Menschen in den kommenden 50 Jahren aussehen werden. Denn was für die Rentner von heute gilt, muss für die verrentete Generation Golf nicht gelten. Ist diese schließlich den regelmäßigen Umgang mit Kommunikationstechnologie gewohnt und kauft im Alter möglicherweise noch lieber im Internet ein als jetzt schon. Dennoch werden sich die Gewohnheiten mit hoher Wahrscheinlichkeit ändern, sind sich Experten einig.

Darauf bereiten sich die meisten Branchen vor. Coca-Cola  beispielsweise fährt den Umsatzanteil an Fruchtsäften und Wasser zulasten von Softdrinks hoch. Auf die sinkenden Arbeitnehmerzahlen hingegen sind die meisten Unternehmen laut DWS-Manager Friede nicht eingestellt.

Viele Angestellte sind zu jung

Und das, obwohl es in einigen Branchen bereits zu Schwierigkeiten kommt, weil Angestellte für bestimmte Aufgaben zu jung sind. So haben einige Unternehmen Probleme, ihre Großrechner programmieren zu lassen, weil entsprechende Programmiersprachen an den Universitäten nicht länger gelehrt werden. Diejenigen, die es vor Jahrzehnten gelernt haben, bekommen inzwischen Arbeitsangebote aus Indien - Globalisierung der anderen Art.

Auch auf dem Bau wird es zunehmend schwierig, geeignete Vorarbeiter mit ausreichend Erfahrung zu finden. Dennoch investieren Unternehmen laut einer Studie der WestLB lieber in die Rekrutierung von Hochschulabsolventen als in die Weiterbildung ihrer älteren Arbeitnehmer. 2005 nahmen beispielsweise lediglich 27 Prozent der über 54-Jährigen an Weiterbildungsmaßnahmen teil. Die Firmen konzentrierten sich stattdessen auf die Universitäten.

Für Friede und die Autoren der Nomura-Studie ist dergleichen nicht zeitgemäß. Neben politischen Überlegungen, eventuell das Rentenalter hinaufzusetzen, sei es entscheidend, Angestellte dazu zu bringen, freiwillig länger im Unternehmen zu bleiben. Doch der Umgang vieler Firmen mit älteren Arbeitnehmern dürfte dies erschweren.

Deutlich höhere Erträge bei deutlich weniger Krankheit

Wer vorzeitig umdenkt, dürfte künftig einen Vorteil haben. B&Q ist auf dem Weg: Vor einigen Jahren startete die Baumarktkette ein Pilotprojekt und eröffnete zwei Niederlassungen, in denen ausschließlich über 50-Jährige arbeiten. Das Ergebnis: Die Erträge lagen 18 Prozent über dem Unternehmensdurchschnitt, die Krankheitsrate lag 39 Prozent unter dem Mittelwert, und die Kunden bescheinigten dem Personal bessere Kenntnisse und waren mit dem Service zufriedener.

Was im Verkauf funktioniert, sollte auch auf die Produktion übertragen werden: Man müsse den Altersunterschied zwischen Produktentwicklern und Konsumenten überbrücken, schreibt Claire Schaffnit-Chatterjee aus dem Research der Deutschen Bank . "Dies lässt sich beispielsweise durch Integration Älterer in das Unternehmen als Angestellte (...) erreichen". Schließlich müssten die Unternehmen prüfen, ob ihre Produkte leicht zu nutzen und sicher sind.

Die Postbank  ist bereits dabei: Ein aus Senioren bestehender Kundenbeirat berät die Bank. Aus dieser Zusammenarbeit entsprang unter anderem ein Bargeldlieferservice und Ratschläge für die Filialgestaltung. Die Zusammenarbeit verlaufe angenehm und produktiv, sagt Anja Maultzsch, die den Kundenbeirat betreut und einige Mitglieder inzwischen gut kennt.

Doch auch wenn ältere Menschen das Konsumleben ihrer Altersgruppe angenehmer gestalten können, bleibt das volkswirtschaftliche Problem. Experten weisen darauf hin, dass die Fähigkeit, Werte zu schaffen, zunehmend von dem Umgang mit Personal abhängen wird. Sie warnen, US-amerikanische und asiatische Unternehmen würden europäische Firmen hinter sich lassen, wenn sich die Personalpolitik deutscher Unternehmen nicht verändere.

Denn bereits im Jahr 2050 wird die Hälfte der deutschen Bevölkerung älter als 55 Jahre sein. Diese Zahl ist hinlänglich bekannt, sie wird oft genannt. Dennoch ist sie mit Vorsicht zu genießen, wie jede Projektion über Jahrzehnte. Denn sie setzt voraus, dass sich die Familienplanung und die Gesundheitsversorgung mehr als 40 Jahre lang etwa so entwickeln wie bisher. Das ist nicht wahrscheinlich.

Was also soll man glauben? Zeitlich viel näher und durch Meldedaten besser abgesichert ist immerhin diese Prognose: Bereits 2020 wird der deutsche Arbeitsmarkt um 4,3 Millionen Erwerbsfähige kleiner sein als heute. Das schätzt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Selbst wenn die Geburtenraten jetzt explodierten, ist diese Lücke nicht zu schließen.

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