Citigroup Das Schwarze Loch von New York

Die Citigroup ist der Pleite entkommen - zum vierten Mal binnen zwölf Monaten. Das 300-Milliarden-Dollar-Paket ist der Auftakt für eine neue Phase der Bankenhilfe. Der für das ganze System gedachte Schirm reicht nicht, der Staat muss wieder von Fall zu Fall handeln. Die Zeit des Übergangs von Bush zu Obama wird gefährlich.

Hamburg - Nein, von einer Verstaatlichung kann man nicht sprechen. Der Anteil der US-Regierung an der Citigroup  sei auf 7,8 Prozent beschränkt, betont Gary Crittenden, der Finanzchef des Konzerns. Und das, obwohl der Staat 27 Milliarden Dollar frisches Kapital spendiert, mehr als der einst weltgrößte Bankkonzern am Freitag an der Börse noch wert war. Hinzu kommen noch 306 Milliarden Dollar als Bürgschaft für dubiose Kreditpapiere, die auch zu einem Großteil abgerufen werden dürften.

Verstaatlichung, Zerschlagung, Fusion, Insolvenz - das waren die Schlagworte, unter denen das Schicksal der Citigroup am Wochenende diskutiert wurde. Herausgekommen ist nach hektischen Sitzungen mit Finanzminister Henry Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke nichts von alledem.

Der New Yorker Bankenriese kann weitermachen wie bisher, sogar das Management bleibt - bis auf noch unbestimmte Gehaltsgrenzen - unangetastet. Die Aktionäre müssen nur für drei Jahre auf ihre Dividende verzichten.

Gefährliches Interregnum

Deshalb versetzte die Nachricht die Börse in Feierlaune: Man war auf das Schlimmste eingestellt, doch auf Vater Staat ist Verlass. Zweifel daran hatte es nur gegeben, weil die USA sich in einem Interregnum befinden. Die Regierung von Präsident George Bush, schon lange als "lahme Ente" verschrien, ist abgewählt. Nachfolger Barack Obama entwirft zwar schon kühne Pläne, kommt aber erst am 20. Januar ins Amt. In der Zwischenzeit hat niemand die Autorität für neue große Rettungsaktionen, sei es für die Autoindustrie von Detroit oder für die Banken.

Zwar gibt es "Tarp", das 700 Milliarden Dollar schwere Rettungsprogramm für die gesamte Finanzbranche. Doch die erste Rate von 300 Milliarden Dollar ist bereits nahezu ausgegeben, die Citigroup erhielt davon schon 25 Milliarden. Das restliche Geld müsste der Kongress freigeben, doch Finanzminister Paulson verzichtete darauf: Er wolle der Obama-Regierung noch etwas zum Verteilen übrig lassen.

Umso überraschender war es, dass die Regierung - in Absprache mit Obama - erneut eine dreistellige Milliardensumme lockermachte.

Ökonomen und Analysten sind sich einig: Der neue Rettungsplan verdiene den Namen Plan nicht.

Ein schlechter Deal für die Steuerzahler

"Dies ist nicht gerade ein guter Deal für die amerikanischen Steuerzahler, aber ein ausgezeichneter Deal für die Citi", urteilt Robert Reich, ehemaliger Arbeitsminister der Clinton-Regierung und Kritiker des "Superkapitalismus".

Der Staat lässt sich seinen Einsatz mit 8 Prozent jährlich verzinsen, immerhin mehr als die 5 Prozent, die er für die erste (den Banken aufgezwungene) Kapitalspritze aus dem Tarp-Programm verlangt. Doch in Europa werden derzeit eher 10 Prozent als angemessener Preis für die Überlebenshilfe betrachtet. Auch der Privatinvestor Warren Buffett bekommt so viel von Goldman Sachs für seinen Kapitaleinsatz. Manche asiatische Staatsfonds kassieren noch mehr für ihre Wandelanleihen von westlichen Großbanken. Für die Stammaktien, die sie übernimmt, zahlt die Regierung einen Aufpreis von 180 Prozent.

Citi-Verluste weitergereicht - Bilanz der Fed verschlechtert sich

"Schwach, willkürlich, unverständlich", urteilt der Blogger und frühere McKinsey-Berater James Kwak. Die Citibank behält zwar all ihre möglicherweise faulen Hypothekenkredite in der Bilanz, muss aber nur die ersten 29 Milliarden Dollar Verlust selbst schultern. Für alle weiteren Verluste ist der Anteil der Citigroup auf 10 Prozent gedeckelt, der Rest wird in einer Kaskade weitergereicht: Zunächst bezahlt das Finanzministerium fünf Milliarden, dann übernimmt der Einlagensicherungsfonds FDIC zehn Milliarden, für den Rest ist die Zentralbank Federal Reserve verantwortlich.

So verschlechtert sich die Bilanz der Fed weiter, und damit deren Fähigkeit, gegen die Krise anzusteuern. Die Fed kommt natürlich erst ins Spiel, wenn es tatsächlich zu gewaltigen Verlusten kommt.

Doch darauf ist der Markt eingestellt. Die Investmentbank Friedman Billings Ramsey schätzte den Kapitalbedarf der Citigroup in der vergangenen Woche auf 160 Milliarden Dollar. Dass der Konzern jetzt mit weniger auskommen muss, bedeutet, dass das Weiterreichen der Verluste bis hin zur Fed nicht nur bloße Theorie ist.

Warum die Rettung schon wieder nicht ausreicht

Zudem bezieht sich die Garantie nur auf die hypothekenbesicherten Wertpapiere der Citigroup, Mortgage-backed Securities (MBS). Dahinter lauern aber noch zwei Billionen Dollar weiterer Vermögenswerte, darunter große Mengen an Ansprüchen aus Kreditkarten, Konsumenten-, Auto- und Studienkrediten - das gesamte Panorama der in der Rezession von gewaltigen Ausfällen bedrohten Papiere.

Bereits dreimal wurde die Citigroup unter Milliardeneinsatz gerettet, nie war es genug: Im November 2007 stiegen Staatsfonds aus Abu Dhabi, Singapur und Kuwait mit knapp 10 Prozent ein, auch der saudische Großaktionär Scheich Alwaleed stockte seinen Anteil auf.

Im Mai verkündete die Bank den Notverkauf von Betriebsteilen im Wert von damals 400 Milliarden Dollar, ein Fünftel des Konzerns (darunter auch das deutsche Filialgeschäft). Im Oktober kam die erneute 25-Milliarden-Dollar-Spritze vom Staat.

"Wenn ich Anleger wäre, würde ich denken, dass die Citigroup wiederkommen und nach mehr Geld fragen muss", kommentiert Kwak. Außerdem dürften sich weitere Banken um Hilfe anstellen. Das weiß auch die Regierung.

Weitere Banken dürften folgen

"Wir haben solche Entscheidungen in der Vergangenheit getroffen. Wir haben es wieder getan. Und wenn nötig, werden wir das auch in der Zukunft tun, um unser Finanzsystem schützen", erklärte Präsident Bush. Doch laut Kwak liefert die Rettung keinen Hinweis, wie die Regierung vorzugehen gedenke. Das Signal an den Markt sei: "Wir bewahren einige (ungenannte) große Banken vor dem Zusammenbruch, aber wir sagen nicht wie und entscheiden in der letzten Minute."

Die Wettbewerber J. P. Morgan Chase , Bank of America  und Wells Fargo , die in der Krise mit Regierungshilfe zugekauft und Citi vom Thron der größten Bank gestoßen haben, stehen plötzlich im Nachteil. Die Kernkapitalquote der Citigroup steigt nach Angaben der Bank auf 14,8 Prozent. Zudem sind all diese Publikumsbanken, ebenso wie kleinere Institute, von denselben Problemen geplagt wie Citi, nur in kleinerem Ausmaß. Das Finanzministerium könnte gezwungen sein, das Modell der Garantie für faule Kredite auf die ganze Branche auszudehnen, vermutet beispielsweise die Bankenanalystin Meredith Whitney von Oppenheimer.

Der Risikoweltmeister wird gerettet

Die Citigroup ist geradezu das Symbol für eine schlecht wirtschaftende Bank, die großen Anteil am Entstehen der Krise hatte. Kein anderes Institut in der Welt hat so viele Zweckgesellschaften für riskante Kreditgeschäfte außerhalb der eigenen Bilanz geführt. Keine andere Bank in den USA hat ein so großes Rad mit Kreditkarten, Konsumentenkrediten und auch Hypothekenpapieren gedreht. Die New Yorker mussten bisher die Rekordsumme von 65 Milliarden Dollar abschreiben - und haben immer noch die größten riskanten Positionen.

Wie die "New York Times" jetzt enthüllt, pflegte die Bank auch jahrelang eine Kultur des unkontrollierten Risikos. Die Risikomanager waren, gerade in der Abteilung für Kreditpapiere, praktisch den im Bonusrausch gefangenen Händlern untergeben. Das Topmanagement drückte beide Augen zu und ermutigte die Citibanker noch zu riskantem Handeln.

Der Vergleich mit Lehman Brothers drängt sich auf. Die Entscheidung, die bis dahin viertgrößte Investmentbank der Wall Street im September fallenzulassen, war als Fanal gedacht: "Too big too fail" gilt nicht immer, selbst große Spieler müssen Pleite gehen, wenn sie sich mit zu großen Risiken verheben. Doch die Insolvenz von Lehman brachte die Abwärtsspirale erst richtig in Gang, weil die gesamte Finanzbranche als Geschäftspartner mit Lehman verbunden war.

Jetzt kommt die Doktrin "Too big too fail" wieder zu ihrem Recht, zumal die Citigroup noch wesentlich mehr Bedeutung für das Finanzsystem hat als Lehman. Während Lehman Verbindlichkeiten von gut 600 Milliarden Dollar hatte, sind es bei der Citi zwei bis drei Billionen. Hinzu kommt, dass an der Citigroup als Publikumsbank auch der ohnehin kollabierende Konsum der US-Bürger hängt.

Die Citigroup zu retten, sei notwendig gewesen, schreibt der diesjährige Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman. Doch diese Art der Rettung sei "eine Schande". Er finde es "erstaunlich, wie viel Schaden die lahmen Enten in ihrer verbleibenden Zeit noch anrichten können."

SIV: Citi holt neue Milliardenrisiken ins Buch

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