Rezession Was jetzt die Wende bringen kann

Das Krisenvirus erfasst eine Branche nach der anderen. Gleichzeitig ist alles angerichtet für eine Trendwende: Die Zinsen sinken, der Ölpreis fällt, der Euro-Kurs stützt den Export. Daraus ergeben sich erste Szenarien einer Schubumkehr der Konjunkturkräfte.

Hamburg - Der Winter wird bitterkalt, daran gibt es spätestens seit dieser Woche keinen Zweifel mehr. Deutschland steckt in der Rezession, der Geschäftsklima-Index des Münchener Ifo-Instituts ist auf den tiefsten Stand seit 15 Jahren abgesackt. Nach Zeichen einer Stabilisierung suchen viele Volkswirte derzeit vergeblich und überschlagen sich in immer düsteren Depressionsszenarien, die bis weit ins Jahr 2010 reichen.

Warum nur? Immerhin sind viele Voraussetzungen für die Wende zumindest in Europa erfüllt. Die Notenbanken verleihen ihr Geld billiger, Exporteure bekommen wegen des günstigeren Wechselkurses mehr Euro für ihre Waren, und niedrige Rohölpreise müssten die Konsumunlust der Verbraucher irgendwann auch einmal anheizen. Diese Mixtur - wenn auch zunächst gerührt aus veritablen Krisensymptomen - hat noch die meisten Konjunkturtrendwenden der Wirtschaftsgeschichte befeuert. Dazu kommen immer ambitioniertere Konjunkturprogramme der Staaten.

Das alles sollte optimistisch stimmen, zumindest für die zweite Hälfte des nächsten Jahres. Immerhin sehen einige Konjunkturexperten die Chance auf einen zarten Konjunkturfrühling, der im kommenden Sommer einsetzen könnte. Dann müsste es wieder etwas aufwärtsgehen - auf dieses Szenario setzen etwa die Autoren des Jahresgutachtens der Wirtschaftsforschungsinstitute, auch wenn sie ein weit pessimistischeres Bild als Gegenentwurf danebenstellen.

Die OECD sagt für ihre Mitgliedstaaten ebenfalls voraus, dass die Wirtschaft im kommenden Jahr zwar zunächst weiter schrumpft, dann aber wieder in Schwung kommt und 2010 um 1,4 Prozent wächst. "Ein Turnaround ist schon im nächsten Quartal möglich", meint sogar der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Christian Dreger, gegenüber manager-magazin.de.

In der Realwirtschaft ist von alldem zwar noch wenig zu spüren. Noch korrigieren Unternehmen ihre Gewinnprognosen nach unten. Stillgelegte Fabriken und volle Flure in den Arbeitsämtern könnten zunächst die Folge sein. Und so lange die Banken mit sich selbst beschäftigt sind, werden sie die nötigen Mittel für eine Wende kaum bereitstellen können. "Finanzierungsprobleme könnten einen Aufschwung blockieren", sagt Konjunkturforscher Klaus-Jürgen Gern vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) gegenüber manager-magazin.de.

Doch die neuerliche Rettungsaktion der US-Regierung in Form eines 300-Milliarden-Schirms für die Citibank lässt Hoffnung keimen, dass die Institute die Krise mit Kapital vom Staat glimpflich überstehen. Die Börsen reagierten schon mal euphorisch auf das auch vom künftigen US-Präsidenten Barack Obama abgesegnete Rettungspaket.

Der Weg für den Umschwung ist vorgezeichnet

Der Weg für den Umschwung ist vorgezeichnet

Haben die historisch einmaligen Kraftaktionen der Regierungen Erfolg, wäre der Weg für eine Schubumkehr der Konjunkturkräfte endgültig frei. An den Märkten reagierten auch Industriewerte mit deutlichen Kurszuwächsen auf die Maßnahme der US-Regierung.

Nun richten sich alle Augen auf die Verbraucher. Denn im Zentrum der ersten optimistischen Szenarien für eine Trendwende stehen sinkende Energiepreise und eine geringere Inflation. "Dadurch kehrt die Kaufkraft langsam zurück", sagt Konjunkturforscher Dreger.

Bringt also ausgerechnet die in Deutschland notorisch stagnierende Binnennachfrage die Wende? Schon vor einem Jahr setzten Konsumforscher darauf, dass der Aufschwung in den Portemonnaies ankommt und sich auf diese Weise fortsetzt. Doch daraus wurde nichts. Die Deutschen arbeiteten verstärkt zu Niedriglöhnen, sparten unverdrossen weiter und mussten zudem an der Tankstelle Rekordpreise für Benzin bezahlen.

Dieser Hemmschuh ist nun erstmal weggefallen. "Wenn der Ölpreis sich bei 50 bis 60 Dollar hält, entlastet das die deutschen Haushalte um 30 Milliarden Euro", sagt Dreger. Handel und Dienstleister wären die ersten Profiteure.

Staatliche Konjunkturpakete könnten weiteren Schwung bringen. Ein Konsumcoupon zu 500 Euro, wie ihn das "Handelsblatt" unter Berufung auf Regierungsbeamte ins Spiel gebracht hat, könnte die Bürger auch langfristig entlasten. Voraussetzung: Sie investieren das Geld etwa in verbrauchsarme Geräte und haben das dauerhaft gesparte Geld für den Konsum frei.

"Vier Millionen Arbeitslose bekommen wir nicht wieder"

"Vier Millionen Arbeitslose bekommen wir nicht wieder"

"Offensichtlich führen außergewöhnliche Zeiten zu ungewöhnlichen Verhaltensweisen", lobt der Direktor des Hamburgischen Instituts für Weltwirtschaft (HWWI), Thomas Straubhaar, die kollektiven Anstrengungen gegen die Krise. Die neue "pragmatische Vernunft" werde dafür sorgen, "dass der Abschwung nicht allzu lange anhalten wird".

Beispiel Tarifpartner: Die Gewerkschaften haben zwar zum Teil üppige Lohnerhöhungen von bis zu 10 Prozent gefordert. "Die Abschlüsse waren aber angemessen und moderat", sagt HWWI-Konjunkturchef Michael Bräuninger gegenüber manager-magazin.de. Mit Streik haben die Gewerkschaften zudem nicht wirklich gedroht.

Nun müssten auch die Unternehmen mit ihrer Personalpolitik mitspielen. Setzen sich die Pessimisten in den Führungsetagen durch, konterkarieren sie mit Entlassungen den Kaufkraftschub. Doch damit würden die Firmen nur einen Fehler wiederholen, den sie bereits in der vergangenen Krise gemacht haben. "Der Fachkräftemangel beschäftigt viele Unternehmen weiterhin", sagt Konjunkturforscher Dreger. "Deshalb verkleinern sie ihre Belegschaft auch in der kritischen Phase nicht."

"Vier Millionen Arbeitslose werden wir in dieser Krise nicht wieder bekommen", erwartet HWWI-Mann Bräuninger. Die Zahl der Arbeitslosen dürfte trotzdem zunächst steigen. Vor allem wären vermutlich Geringqualifizierte vom Jobverlust betroffen. Arbeitslosengeld und andere Transferleistungen machen bei ihnen den Kaufkraftverlust jedoch leichter wett als bei besser bezahlten Fachkräften.

Von einer derartigen Konsumblüte hätten zunächst nur wenige Industrieunternehmen etwas. Die meisten sind darauf angewiesen, dass sie sich selbst gegenseitig wieder Aufträge geben. Senken die Notenbanken die Zinsen noch weiter, könnte aber wieder Schwung in die Planungen kommen.

"Die Unternehmen werden ihre Investitionstätigkeit im Verlauf von 2009 leicht aufstocken", erwarten die an der Gemeinschaftsdiagnose beteiligten Wirtschaftsforschungsinstitute. Je nach Spielart könnten Konjunkturprogramme wie das chinesische oder US-amerikanische auch direkt die Investitionstätigkeit der Unternehmen stützen.

Eine Schlüsselrolle könnte dabei die Nachfrage aus den Schwellenländern spielen. Zwar erwarten Ökonomen auch für China, Indien und andere Aufsteigerstaaten schwächere Wachstumsraten. Von einer tiefen Rezession in diesen Ländern gehen aber die wenigsten aus. Niedrige Frachtraten könnten zudem den globalen Handel wieder zusätzlich in Schwung bringen.

Eine Branche würde auf diese Weise die andere wieder aus dem Sumpf ziehen, bevor die Unternehmen zu tief hineingerutscht sind. Noch sind ihre Bilanzen gesund, Verluste verbuchen die wenigsten Firmen. Es ist also eigentlich alles angerichtet für einen Aufschwung, der nicht morgen, wohl aber übermorgen das böse Gespenst einer lang anhaltenden Depression vertreiben könnte. Jetzt müssen nur noch alle daran glauben.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.