Horst Köhler "Nigeria ist gar nicht so weit weg"

Das Monster ließ Horst Köhler am Freitag in Berlin. Auf einer Bankentagung in Frankfurt forderte er die Finanzelite diesmal auf, zu den Grundstandards einer Zivilgesellschaft zurückzufinden. Das Verhalten der Branche habe sich zuletzt nicht mehr von dem in korrupten Staaten der Dritten Welt unterschieden, mahnte der Bundespräsident.
Von Arne Stuhr

Frankfurt am Main - Investmentbanker bleibt Investmentbanker - während Josef Ackermann zusammen mit Commerzbank-Primus Martin Blessing an diesem Morgen im Foyer der Alten Oper auf Bundespräsident Horst Köhler wartet, geht der Blick des Deutsche-Bank-Chefs immer wieder Richtung Empore.

Dort hängen zwei Flachbildschirme, die im Sekundentakt Nachrichten und Börsenkurse ausspucken: Die Citigroup  stellt sich eventuell zum Verkauf, Ford  wurde auf "Ramschstatus" abgestuft, und da der Präsident sich etwas verspätet, auch noch die Dax-Eröffnung  - plus 0,5 Prozent, man freut sich in diesen Zeiten ja schon über Kleinigkeiten.

Diese Zeiten, die passend zum anrollenden Wintereinbruch derzeit nicht zuletzt am Bankenplatz Frankfurt ziemlich eisig daherkommen, sind dann auch das Thema der Rede des Bundespräsidenten auf dem diesjährigen European Banking Congress.

Gleich vorneweg, das Wort Monster wird das Staatsoberhaupt diesmal nicht verwenden. Seine Aussagen sind deswegen aber nicht weniger eindringlich. Ganz im Gegenteil. Denn es ist nicht weniger als Anstand, Demut und Bescheidenheit, die Horst Köhler von der versammelten Finanzelite verlangt, also Charaktereigenschaften, die in zivilisierten Gesellschaften eigentlich selbstverständlich sein sollten.

"Was verdirbt eine Gesellschaft?", fragt Köhler und liefert die Antwort gleich hinterher. Es sei das gerissene "Band zwischen Oben und Unten", wie er es auch bei seinem jüngsten Besuch im von Korruption zerrütteten Nigeria beobachtet habe. "Nigeria ist gar nicht so weit weg", legt der Bundespräsident nach.

"Wir haben Ihre Botschaft verstanden"

Er fordert daher eine "grundlegende Erneuerung des Bankgewerbes". Banken seien "zuallererst Treuhänder derer, die ihnen ihr Erspartes überantwortet haben". Daher sollten sich Banken wieder auf ihre "Funktion als Dienstleister" besinnen und sich dem Gespräch mit ihren verunsicherten Kunden stellen.

Schon aus Eigeninteresse solle sich die Finanzbranche unangenehme Fragen stellen. "Es sind Fragen nach der Kompetenz, nach Vergütungssystemen, die Herdenverhalten verstärkt haben. Und es sind Fragen nach den Renditen, nach denen sich eine ganze Branche offenbar so berauscht hat, dass sie blind wurde für die Risiken."

Bei der Aufarbeitung der Ursachen der Krise sollten daher auch die Europäer aufhören, mit dem Finger auf andere, zum Beispiel die USA, zu zeigen. "Ja, Amerika hat auf Pump gelebt, ja, die Fed hat das Geld künstlich billig gehalten", so Köhler. Aber die "Kette des Versagens" schließe viele ein.

Trotz dieser Vorwürfe sieht der Bundespräsident in der Krise aber auch "eine große Chance". Da Menschen die Krise angerichtet hätten, könnten auch Menschen Lehren aus ihr ziehen und sie lösen.

Die Systemfrage stellt Köhler aber nicht. Die Marktwirtschaft habe den Beweis für ihre Vorteile in den vergangenen Jahrzehnten "weltweit eindrucksvoll erbracht". Auch auf die Dynamik eines scharfen Wettbewerbs will er nicht verzichten. "Wir Deutschen haben von dieser Dynamik sehr profitiert", so der Bundespräsident. Es gehe nun darum, eine Übereinkunft darüber zu entwickeln, was das Gemeinwohl ausmacht. "Wir haben es wirklich selbst in der Hand."

Commerzbank-Chef Blessing zeigte sich von Köhlers Worten sichtlich beeindruckt. "Sie haben uns eine Menge Nahrung zum Nachdenken gegeben", bedankte sich Blessing beim Bundespräsidenten. Stellvertretend für die Branche gelobte Blessing dann sogleich auch Besserung: "Wir haben Ihre Botschaft verstanden."

European Banking Congress: Schelte vom Präsidenten

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.