Opel Der süße Duft des Staatsgelds

Opel schlägt Alarm - und die Politik ist zur Stelle. Eine Milliardenbürgschaft soll dem Autobauer aus der Klemme helfen. Doch das Geld könnte im Rachen der maroden Mutter GM verschwinden. Der Wettbewerb droht zudem in Schieflage zu geraten. Schon ertönt der Ruf nach radikalen Maßnahmen - Buy-out inklusive.

Hamburg - Plötzlich sind sie alle Opelaner. Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) erinnert sich seines Großvaters, der bereits vor dem Krieg einen Opel Olympia fuhr. Regierungssprecher Ulrich Wilhelm stimmt das Loblied auf seinen alten Kadett an, und Peer Steinbrücks Sprecher Torsten Albig steuert im Überschwang einen Satz ins sprachliche Nirwana, in dem er der Berliner Presse mitteilen will, wie zufrieden er mit seinem Rüsselsheimer Modell ist.

Guter Wille ist da, kein Zweifel. Der Autobauer Opel, am Tropf des maroden US-Mutterkonzerns General Motors (GM) , ruft nach Hilfe. Und die Hauptdarsteller der Regierungskoalition lassen keine Gelegenheit aus, ihre Hilfsbereitschaft mehr oder weniger glaubwürdig zu untermauern.

Die Adam Opel GmbH, das deutsche Traditionsunternehmen mit Wurzeln im 19. Jahrhundert, soll an der Krise von GM nicht zu Grunde gehen. Dafür würden die Koalitionäre unter Umständen sogar eine Milliardensumme lockermachen.

Versickert Geld in der Insolvenzmasse von GM?

Ein solcher Reflex hat Tradition: Kein Politiker möchte dafür verantwortlich zeichnen, dass zehntausende Arbeitsplätze verschwinden - schon gar nicht im kommenden Wahljahr. Ungewöhnlich schon eher, dass auch ausgewiesene Jünger des freien Marktes wie der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, eine Rettungsaktion unter bestimmten Bedingungen befürworten.

Und doch schwanen allen die Risiken, die sich nun auftun. Eine Bürgschaft für Opel wird den Fall von GM nicht aufhalten. Es bleibt die Gefahr, dass das Geld erst tatsächlich fließt und letztlich in der Insolvenzmasse des Detroiter Autoriesen versickert.

Zudem dürfte es nicht lange dauern, bis sich andere Hersteller beim Staat melden und darauf verweisen, dass die Absatzkrise sie ebenfalls erheblich trifft. Auch andere Branchen könnten ihre Hilfsbedürftigkeit feststellen.

Wehret den Anfängen, mahnen deshalb manche Experten. "Der Staat kann nichts machen", sagt Autoexperte und Ex-BMW-Chefvolkswirt Helmut Becker, Leiter des Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK), gegenüber manager-magazin.de. "Dann kann man das Geld gleich nach Detroit überweisen."

"Hilfe für einen schadet den anderen"

"Hilfe für einen schadet den anderen"

Sein Argument: Wenn GM erst einmal weiß, dass in Deutschland der Staat bei Opel hilft, wird sich der US-Autobauer selbst auch nicht mehr so sehr darum bemühen, die Verpflichtungen gegenüber der Tochter zu erfüllen. Laut Branchenkreisen ist GM bei Opel mit etwa zwei Milliarden Euro im Zahlungsverzug.

Wirtschaftsforscher wie Hüther halten das Problem für lösbar. Die Regierung müsse eben vertraglich darauf pochen, dass das Geld in keinem Fall in die USA abgezogen werde, sagte er in der ARD. Von einer "technischen Frage" spricht dabei auch der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Christian Dreger. Wenn auch noch klar ist, wie die US-Regierung der heimischen Autoindustrie hilft, sei das Risiko einer Bürgschaft recht gut abzuschätzen. "Wenn der Staat einspringt, muss das mit den Hilfsmaßnahmen in den USA abgestimmt sein", sagt Dreger gegenüber manager-magazin.de.

Noch glaubt auch die Politik, dass sie am besten mit einer gezielten Hilfsaktion für Opel als einzelnes Unternehmen beraten ist. Das hat die Bundesregierung am Montag bekräftigt, bevor Bundeskanzlerin Merkel mit den Spitzen von Opel im Kanzleramt zusammengetroffen ist.

Ob es sich dabei um Wunschdenken handelt, werden die nächsten Wochen zeigen.

"Jede Hilfe, die der Staat isoliert gewährt, schadet automatisch den anderen Herstellern", warnt bereits Autoexperte Becker. "Wenn man auf diese Weise den Geist aus der Flasche holt, ist die ganze Branche sofort da."

Die neuen Opel-Fans auf der Regierungsbank müssen nun also nicht nur prüfen, ob sie dem Autobauer überhaupt wirksam unter die Arme greifen können, sondern auch, ob der Fall Opel so einmalig ist, dass sie die Rufe anderer Hersteller bereits im Keim ersticken können.

Dafür spricht, dass Opel als Opfer von Misswirtschaft im Mutterkonzern GM gilt. "Opel ist ein Sonderfall. Dem Unternehmen geht es besser als manchem Konkurrenten", sagt DIW-Mann Dreger. "Die Probleme liegen beim Mutterkonzern, der Autos produziert hat, die keiner mehr haben will."

Opel wieder aus GM herauskaufen?

Zurück zu den Wurzeln - Adam Opel reloaded

Mit anderen Worten: Wenn BMW , Daimler  oder Volkswagen  ernsthafte Probleme bekommen, müssen sie die Schuld für die Misere bei sich selbst suchen. "Wenn Opel eine herausragende Rolle für die Volkswirtschaft hat, könnte eine Bürgschaft gerechtfertigt sein", urteilt Dreger. Und weil Ford  in Köln - die andere große deutsche Tochter eines US-Herstellers - nach gegenwärtigem Stand keine Hilfe in Anspruch nehmen will, könnte Opel ein Einzelfall bleiben.

Einen umfassenden Schutzschirm für die gesamte Branche fordern dagegen die Gewerkschaften. "Ein einzelnes Unternehmen kann sich schnell zu einem Fass ohne Boden entwickeln", heißt es beim DGB in Frankfurt. "Deshalb sollte der Staat über einen Fonds in alle Schlüsselindustrien einsteigen und mitreden", sagt eine Gewerkschaftssprecherin und bezieht sich auf den Plan des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy für sein Land.

Außer der Autoindustrie könnten demnach auch Pharma-, Chemie- und Maschinenbaubranche unter einen staatlichen Rettungsschirm schlüpfen. Garnieren wollen die Gewerkschafter das Ganze mit einem Mega-Konjunkturpaket, das die derzeit von der Bundesregierung beschlossenen Kredite im Volumen von 15 Milliarden Euro um ein Vielfaches übersteigt.

Buyout für Opel?

Erledigt hätten sich damit immerhin drängende Fragen nach den Auswirkungen einzelner Rettungsaktionen für den Wettbewerb - es würde gleiches Recht für alle herrschen. Grundsätzliche Bedenken, dass der Staat sich dabei vielleicht übernimmt, bleiben in diesem Hilfsmodell allerdings außen vor. Für Opel dürfte ein solches, in Europa zudem kaum mehrheitsfähiges Modell, reichlich spät kommen.

Eine bunte Koalition von Politikern und Branchenexperten setzt deshalb auf einen radikalen Neuanfang in dem Unternehmen. "Opel muss mit sich selber klarkommen", sagt Autoexperte Becker. Er sieht die Abspaltung vom Mutterkonzern als Ausweg aus der Krise. Ähnlich äußerten sich hessische Landespolitiker von FDP und Grünen sowie der Duisburger Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer.

Am Anfang der Abspaltung könnte eine Verstaatlichung des Unternehmens stehen, wie sie auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger empfiehlt. Zwei bis drei Milliarden Euro, schätzt Becker, müsste die Bundesregierung oder auch ein privater Investor an GM überweisen, um die Tochter loszueisen. GM erhielte die bitter benötigte Liquidität und Opel die ersehnte Freiheit. Der Staat müsste sich anderen Herstellern gegenüber nicht für wettbewerbsverzerrende Hilfen rechtfertigen sondern trägt das Risiko selbst.

Besonderer Clou: Würden die Mitarbeiter an dem Unternehmen beteiligt, stiege deren Motivation und möglicherweise auch die Bereitschaft, die bereits angedeuteten Lohnzugeständnisse in die Tat umzusetzen. Ein weiterer positiver Nebeneffekt verbindet sich mit dem radikalen Projekt: Die Lobgesänge der alten und neuen Opelaner auf das Unternehmen würden einem Praxistest unterzogen.

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