Abgeltungsteuer Das letzte Gefecht

Noch vor wenigen Monaten war sie das dominierende Thema für Anleger - die Abgeltungsteuer. Finanzkrise und Ausverkauf an der Börse haben das Thema überlagert: Doch nun könnte rechtzeitiges Handeln lohnender sein denn je.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Windböen furchen das Wasser des Lago Pehoe. Gekrümmten Gespenstern gleich, jagen weiße Gischtwirbel über das kalte Grün. Von links nach rechts, von rechts nach links, sodass immer eine Seite ruhig daliegt. Patagonien im Herbst, ein Spiegel der Zeiten? Ja.

Denn tatsächlich können sich die die Öffentlichkeit dominierenden Themen so schnell verschieben wie die Wasserwirbel auf den patagonischen Seen. Vor wenigen Monaten noch sorgte die Diskussion um die Einführung der Abgeltungsteuer für erhebliche Turbulenzen. Heute scheint das Thema vergessen. Und die Finanzkrise schlägt Wellen. Aus dem Auge verlieren sollte aber niemand die alte Diskussion. Denn der Staat macht Ernst.

Der Fiskus wird ab dem 1. Januar 2009 25 Prozent der Erträge der Aktien und Aktienfonds von Anlegern einbehalten. Egal, wie lange der diese Investments behält. Noch stemmen sich Fondsgesellschaften und Fondsverband dagegen. Mit offiziellen Verlautbarungen, mit Kommuniqués und mit Gesprächen mit den Politikern. Denn ihre Aktienfonds dürften, ebenso wie Aktien, am meisten unter der Regel zu leiden haben.

Bei Lebensversicherungen sieht das anders aus. Sofern die Verträge zwölf Jahre laufen und erst ab dem 60. Lebensjahr ausgezahlt werden, sind nur die Hälfte der Erträge mit dem persönlichen Steuersatz zu versteuern.

Doch bislang bleibt der Protest offenbar ohne Erfolg. Ging es anfangs noch darum, Fonds und Lebensversicherungen grundsätzlich ein "level playingfield" zu verschaffen, die gleichen Ausgangsvoraussetzungen also, scheinen die Fronten in Sachen Einmalanlage ab 2009 verhärtet. Und die Steuer auf alle Fondskäufe ab dem 1. Januar 2009 anzufallen. Es bleibt ein Rückzugsgefecht - zumindest langfristige Sparverträge sollten doch bitte den Lebensversicherungen gleichgestellt werden. Denn Letztere sollen laut Fahrplan nicht der Abgeltungsteuer unterfallen, wohl aber Fondssparpläne. Ein Unding für die Fondsverfechter.

"Fondssparer nicht benachteiligen"

"Fondssparer nicht benachteiligen"

"Ordnungspolitisch, steuerpolitisch und verbraucherpolitisch wäre es richtig, die Fondssparer bei gleichen Bedingungen - Mindestalter bei Auszahlung 60 Jahre und zwölf Jahre Spardauer - nicht zu benachteiligen", sagt BVI-Präsident und Union-Investment-Vorstand Wolfgang Mansfeld.

Die Assekuranz sieht das naturgemäß anders. Rolf-Peter Hoenen zum Beispiel, Vorstandssprecher der Huk Coburg, griff zur Feder und schrieb am 8. August sinngemäß in der "Financial Times Deutschland", zwar würden damit zwei Sachverhalte unterschiedlich behandelt. Doch das sei auch legitim. Denn bei der Lebensversicherung handele es sich um echte Vorsorge, bei den Fondssparplänen allein um Sparen - bei dem der Anleger jederzeit wieder an sein Geld komme und es, die journalistische Zuspitzung sei gestattet, verprassen könne. Die Illiquidität einer Anlageform als Grund ihrer steuerlichen Bevorteilung? Eine Argumentation, über die man beim BVI vermutlich nur trocken lachen würde.

Wenn denn die Lage für die Fondsindustrie nicht so ernst wäre, dass vielen das Lachen im Halse stecken bleiben würde. Denn die Aktienfonds sind die Hauptquelle für Gebühren, die den Ertrag der Anbieter ausmachen. Während so ein Anlagevehikel rund 1,5 Prozent Verwaltungsgebühr im Jahr kostet, sind es bei einem Rentenfonds oft nur 1 Prozent. Es lässt sich leicht ausrechnen, bei welcher Produktart nach Abzug der Kosten für den Vertrieb mehr für die Investmentgesellschaften übrig bleibt.

Befreiungsschlag verpufft

Befreiungsschlag verpufft

Und den Befreiungsschlag, der der Assekuranz noch vor Jahren gelang, dürfte die Fondsbranche verstolpern. Allerdings nicht aus eigenem Verschulden. Im Jahr 2005 wurde den Versicherungen ein Steuervorteil gestrichen, der Sonderausgabenabzug und die Steuerfreiheit der Kapitalauszahlungen. Da die Versicherer um die Bedeutung eines solchen Verkaufsarguments wussten, lockten sie die Kunden mit einer massiven Werbekampagne scharenweise in ihre Büros. Das Argument zog - angeblich, so ein böses Wort unter Vertrieblern, soll ein Steuervorteil den Deutschen sogar mehr bedeuten als das eigene Liebesleben.

Das zeigt auch das Beispiel der geschlossenen Fonds. Die werden regelmäßig erst dann verkauft, wenn ganz Deutschland über die Steuererklärung nachsinnt - gegen Ende des Jahres.

Die Investmentfondsbranche hat diese Entwicklung aufmerksam verfolgt und ihrerseits auf so eine Jahresendrally gesetzt. Werbekampagnen vorbereitet, Allianzen geschmiedet. Doch eben jener Jahresendrally steht die Finanzkrise entgegen. Auch wenn Profianleger auf die Chancen fallender Kurse hinweisen - ihr Ruf verhallt ungehört. Christopher Davis ist Aktienfondsmanager bei Davis Funds und so ein Rufer in der Wüste. Er urteilt: "Die Aktienmärkte bieten Value-Anlegern die besten Kaufgelegenheiten seit Jahrzehnten." Doch niemand hört ihm zu.

Und so geben sich etliche Fondsexperten eher desillusioniert. "Das war's mit der Jahresendrally", grummelt man hinter vorgehaltener Hand. Beim BVI klingt das zwar etwas diplomatischer. Der Hauptgeschäftsführer des Verbands Stefan Seip nennt es so: "Die Krise kommt zur Unzeit." Und nicht ohne Ironie sagt Mansfeld: "Starke Kursverluste sind nicht gerade förderlich für eine Endrally."

Doch egal, wie man es nennt - tatsächlich kehren die Menschen den Aktienfonds den Rücken zu. Allein im August dieses Jahres zogen die Sparer 641 Millionen Euro aus dieser Anlageart ab. Und das war, bevor die Finanzkrise an Fahrt gewann.

Langfristige Argumente wie der Hinweis von Fondsmanager Davis geraten da in Vergessenheit. Ebenso die Tatsache, dass das für Aktiensparer künftig teurer wird. "Nur der kluge, nur der erfahrene Anleger wird die Chance erkennen", so noch einmal Seip. Doch die Furcht scheint stärker zu sein als selbst das Argument, Steuern sparen zu können.

Die Zeit läuft ab

Noch kämpft der BVI und setzt darauf, das Steuergesetz auch im neuen Jahr noch beeinflussen zu können. Doch ihm läuft die Zeit davon. Denn ist die Steuer erst einmal eingeführt und hat sich der Finanzminister an das Steueraufkommen gewöhnt, wird er kaum davonlassen.

Beispiel Soli, über dessen Abschaffung immer wieder nachgedacht wird. Oder das Beispiel Sekt- und Schaumweinsteuer. Eine Steuer, die Kaiser Wilhelm eingeführt hat, um die deutsche Kriegsmarine zu finanzieren. Doch während die bereits zweimal versenkt wurde, gibt es die Steuer noch immer.

Fonds und Versicherungen; so fremd sind sie sich allerdings vermutlich nicht, als dass sich nicht dennoch Geschäfte zwischen den beiden Parteien machen ließen. Und so liefern Fondsgesellschaften ihre Produkte inzwischen immer öfter an fondsgebundene Lebensversicherungen. Deren Absatz legte 2007 deutlich zu, so die Zahlen des Gesamtverbands der Versicherungsindustrie (GDV). Ohne dass Otto Normalanleger es merkt.

Und so jagen die Windböen weiter über den See. Mal furchen sie die eine Seite, mal die andere.

Abgeltungsteuer: Der neue Steuerwahnsinn

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