Donnerstag, 27. Juni 2019

Müllers Welt Müssen wir wieder Keynesianer werden?

Die Welt erlebt derzeit den mutmaßlich brutalsten, schnellsten und globalsten Abschwung der Geschichte. Binnen weniger Wochen hat sich die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in ihr Gegenteil verkehrt. Ist jetzt die Zeit, alte ökonomische Paradigmen wieder vorzukramen? Brauchen wir etwa ein großangelegtes Konjunkturprogramm? Diskutieren Sie mit!

Am Silvestertag 1965 brachte das US-Magazine "Time" eine Titelgeschichte heraus, die die Zeile trug: "We are all Keynesians now" – wir sind jetzt alle Keynesianer.

John Maynard Keynes (1883 - 1946): Glaube an die Steuerbarkeit der Makroökonomie
Getty Images
John Maynard Keynes (1883 - 1946): Glaube an die Steuerbarkeit der Makroökonomie
Es war die Hochzeit der Doktrin des John Maynard Keynes und seiner Jünger. Als ich die "Time"-Geschichte kürzlich nachlas, berührte mich der hymnenhafte Sound der Euphorie: Man sei jetzt in der Lage, die "brutalen Konjunkturschwankungen der Vorkriegszeit zu vermeiden" und ein "phänomenales Wirtschaftswachstum zu produzieren bei bemerkenswert stabilen Preisen".

Die "Time"-Autoren jubelten: Seit fünf Jahren sei die Wirtschaft nun gewachsen, und habe den "größten, am längsten währenden und am breitesten verteilten Wohlstand in der Geschichte" geschaffen. Und das gerade ablaufende Jahr erst! 1965 werde das Wachstum real 5 Prozent betragen – "mehr als jede andere große Nation".

Glorreiche Zeiten, große Hoffnung.

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Globalsteuerung, Deficit Spending, Big Government, Great Society – das waren die großen Schlagworte damals. Es herrschte ein schier unkaputtbarer Glaube an die Steuerbarkeit der Makroökonomie. Die Wirtschaft sei leitbar, Krisen vermeidbar, die Ökonomie eine Maschine, die nur stetig geölt werden müsse. Mal mehr, mal weniger – besser mehr.

Und eine Zeitlang schien die Welt genau so zu funktionieren – bis in den 70er Jahren der lange Nachkriegsboom in Ölkrisen, Stagflation und Währungschaos endete und das keynesianische Programm grandios abstürzte. Es lieferte einfach nicht mehr die adäquaten Antworten auf die dringlichen Fragen der Zeit.

Nur: Genau das erleben wir derzeit auch, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen. Das bisher geltende Paradigma zerschellt gerade an einer grimmen Realität, die es brutalstmöglich infrage stellt.

Man kann sich derzeit fragen: Müssen wir alle wieder Keynesianer werden? Brauchen wir nicht gerade jetzt ein großangelegtes Konjunkturprogramm? Und wenn ja: Heißt das, der aktuelle Linksruck – die Wiederkehr des Glaubens an den Staat –, den mein Kollege Christian Rickens und ich in der aktuellen Ausgabe des manager magazins analysieren, richtig ist?

Müssen wir mit alten Dogmen brechen? Links und Keynes – ist das jetzt plötzlich wieder richtig?

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