Vertrauensranking Von Beschwichtigern und Bankstern

Die Finanzkrise zwingt eine Bank nach der anderen in die Knie. Doch kaum eine bekommt dafür so schlechte Presse wie Hypo Real Estate. Kein Unglück, sondern Versagen, urteilt die Öffentlichkeit über das schlechte Risikomanagement. Nur der Abgang der Topmanager brachte laut dem Vertrauensranking CTI positive Reaktionen.
Von Lars Mende

Leipzig - Die Hypo Real Estate  befindet sich in der größten Krise ihrer Unternehmensgeschichte. Der Immobilienfinanzierer hat sich nicht nur mit US-Hypotheken verspekuliert, sondern auch noch massive kurzfristige Verbindlichkeiten, die sich in der Finanzkrise nur mit milliardenschwerer Staatshilfe refinanzieren lassen. Bisher mussten Bund und Privatbanken Bürgschaften über 50 Milliarden Euro abgeben, Finanzminister Peer Steinbrück brachte gar die "geordnete Abwicklung" des Instituts ins Spiel.

Der Beinahebankrott der HRE ist – wie fast alles in Zeiten der Finanzkrise – auch ein Bankrott des Vertrauens in das Unternehmen und seine Manager, allen voran das in den inzwischen zurückgetretenen Vorstandsvorsitzenden Georg Funke. Das zeigen die aktuellen Ergebnisse des Corporate Trust Index (CTI), mit dem die Medienanalysten von PMG Presse-Monitor  gemeinsam mit der Universität Leipzig  die Berichterstattung zu den Vertrauensfaktoren der Dax-Konzerne in 13 deutschen Meinungsführermedien untersuchen (siehe Methode).

Vorsprung auf Zeit: Die Automanager Norbert Reithofer (BMW) und Dieter Zetsche (Daimler) stehen an der Spitze im Vertrauensranking CTI. Als die Daten erhoben wurden, war von einem Produktionsstopp in der Autoindustrie noch keine Rede. Der neue Hypo-Real-Estate-Chef Axel Wieandt tritt ein schweres Erbe an. Immer noch tief im Keller hält sich die Deutsche Telekom, obwohl die Finanzkrise die Spitzelaffäre aus den Schlagzeilen verdrängte.

Vorsprung auf Zeit: Die Automanager Norbert Reithofer (BMW) und Dieter Zetsche (Daimler) stehen an der Spitze im Vertrauensranking CTI. Als die Daten erhoben wurden, war von einem Produktionsstopp in der Autoindustrie noch keine Rede. Der neue Hypo-Real-Estate-Chef Axel Wieandt tritt ein schweres Erbe an. Immer noch tief im Keller hält sich die Deutsche Telekom, obwohl die Finanzkrise die Spitzelaffäre aus den Schlagzeilen verdrängte.

Foto: [M] DPA; DDP; mm.de

Mit Bekanntwerden der drohenden Insolvenz stieg die Berichterstattung zur Hypo Real Estate ab dem 29. September sprunghaft an. Das Volumen der Berichterstattung hat sich im Vergleich zu den Vormonaten verzehnfacht. Und die Tendenz der Berichterstattung in den Medien entwickelte sich, ähnlich wie der Aktienkurs, negativ.

Auch im direkten Vergleich mit den anderen Dax-Unternehmen steht der Konzern mit einem CTI-Wert von minus 158 am Ende des aktuellen Vertrauensrankings. Dieser Wert stellt die Summe der positiv und negativ bewerteten Vertrauensfaktoren in der Berichterstattung über die HRE vom 22. September bis 23. Oktober dar und ist in der Vergangenheit nur von Siemens , Volkswagen  und der Deutschen Telekom  unterschritten worden. Deren Skandale und die damit verbundene Negativberichterstattung über Vertrauensfaktoren bezogen sich jedoch überwiegend auf moralische Verfehlungen von Vorständen und Managern.

Diese für das Vertrauenskapital eines Konzerns wichtige ethische Vertrauensdimension stand bei der aktuellen Kritik an der Hypo Real Estate zunächst weniger im Fokus der Berichterstattung. Vielmehr sind es die fachspezifischen Vertrauensfaktoren Problemlösungs- und Fachkompetenzen, über die negativ berichtet wurde, und die Indikatoren eines massiven Vertrauensverlustes in einen der größten Immobilienfinanzierer Europas sind.

"Mit Tempo 200 in eine Nebelbank"

Dabei zeigt dieser Wechsel von der ethischen zur fachlichen Vertrauensdimension das grundlegende Dilemma der Banken in der derzeitigen Finanzkrise. Denn gegenüber bisherigen im Rahmen des Corporate Trust Index analysierten Vertrauenskrisen stehen hier die eigentlichen Kernkompetenzen eines Unternehmens und dessen Führung in der öffentlichen Kritik und erst an zweiter Stelle die moralischen Verfehlungen einzelner Manager.

Dass das Führungspersonal nicht nur von den Experten und Aktionären, sondern auch von der medialen Öffentlichkeit für ihr fachliches Fehlverhalten verantwortlich gemacht wurde und maßgeblichen Anteil am Vertrauensverlust des Gesamtkonzerns trägt, zeigt die Analyse der Berichterstattung zur Krise der Hypo Real Estate beispielhaft. Denn Georg Funke war in 30 Prozent der bezüglich der HRE meist negativ bewerteten Vertrauensfaktoren das eigentliche Ziel der Kritik.

Ihm und seinen Vorstandskollegen wurden die Fehlentscheidungen und mangelnde Risikoabsicherung des Immobilienfinanzierers angelastet, mit der das Haus Schulden in Milliardenhöhe anhäufte. Dabei hatte Funke noch im November 2007 die Stabilität seines Konzerns betont und prophezeit, man gehe "gestärkt" aus der Finanzkrise hervor, nur um kurze Zeit später weitere Abschreibungen anzukündigen. Diese oft zitierten ersten Fehleinschätzungen brachten ihm den Titel "Der Beschwichtiger" ("Süddeutsche Zeitung" vom 30. September) ein.

Mit der Übernahme der in Irland ansässigen Depfa-Bank im Juli vergangenen Jahres hatte der Immobilienfinanzierer durch deren risikoreiche Finanzierungsgeschäfte Schulden angehäuft, die einer der Gründe für die heutige Schieflage und das Rettungspaket des Staates sind. Für diese Fehlentscheidungen und das hohe eingegangene Risiko wurden Funke und sein Management verantwortlich gemacht. Schon am 29. September trat deshalb der im Vorstand für die Depfa verantwortliche Bo Heide-Ottosen von seinem Posten zurück.

Zunächst forderten angesichts der sich auftuenden Milliardenlöcher vor allem Anlegerschützer den Rücktritt Funkes und kritisierten dessen mangelndes Risikomanagement: "Die können nicht mit Tempo 200 in eine Nebelbank fahren und hoffen, dass alles gutgeht" ("Frankfurter Rundschau" vom 30. September). Nachdem eine Prüfung durch die Deutsche Bank weitere Milliardendefizite zu Tage förderte, stimmten andere Bankenvorstände mit ein.

"Der Verdacht liegt nahe, dass das HRE-Management uns das ganze Ausmaß verschwiegen hat. Da werden Köpfe rollen müssen", zitierte die "Financial Times Deutschland" am 6. Oktober einen Bankmanager. Und nachdem die Regierung mit den anderen Banken eilig ein zweites Rettungspaket von schließlich 50 Milliarden Euro geschnürt hatte, legte auch Bundesfinanzminister Steinbrück Funke den Rücktritt nahe.

Doch zur eigenen Verantwortung nahm Funke nicht Stellung, sodass auch Börsianer "sich vom Management belogen" fühlten ("Frankfurter Rundschau" am 7. Oktober). Die immer deutlicher zu Tage tretenden Fehlinformationen schon vor Beginn der Krise und seine Strategie des Aussitzen der Probleme sorgten auch beim Vertrauensfaktor Kommunikationsverhalten für extrem negative Werte.

"Retter aus gutem Haus"

Die zunehmende Kritik von allen Seiten und fehlender Rückhalt in der Branche führten schließlich am 7. Oktober zum Rücktritt des bisherigen Vorstandsvorsitzenden Georg Funke. Dem "Bankster" ("Bild"-Zeitung am 8. Oktober) und "Kassierer" ("Süddeutsche Zeitung" am 9. Oktober) wurden in den Tagen nach seinem Abgang Untreue, Betrug und fehlerhafte Kapitalmarktinformation vorgeworfen. Er steht unter Verdacht, etwaige Informationen vorsätzlich verschwiegen zu haben, zumal sich die Hinweise verdichteten, dass er mehr über die Probleme der Depfa-Bank wusste, als bisher bekannt.

Inzwischen liegen bei der Münchner Staatsanwaltschaft mehrere Strafanzeigen gegen das Management vor und auch das Unternehmen selbst lässt prüfen, ob sein Ex-Chef und weitere Vorstände zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Somit kommt nun im Rahmen der Aufarbeitung der Managementfehler oder sogar -verfehlungen auch die moralische Vertrauensdimension zum Tragen, indem die Vertrauensfaktoren ethisches Verhalten und Verantwortungsbewusstsein auch häufiger und negativ in der Berichterstattung angesprochen werden.

Vertrauensexperte Günter Bentele von der Universität Leipzig kommentiert: "Die Infragestellung der Kernkompetenz eines Unternehmens ist bei Vertrauenskrisen sehr selten und geht natürlich ans Eingemachte. Der Rücktritt beziehungsweise die Auswechslung des Führungspersonals war zunächst das richtige Mittel, auf diese Krise zu reagieren. Ob es ausreicht, muss man abwarten."

Was Funke und seinen Nachfolger vor allem unterscheidet: Dem ausgeschieden Hypo-Real-Estate-Chef fehlten aus Sicht der Medien ausreichend gute Beziehungen in die deutsche Finanzwelt und die Berliner Politik. Ganz anders der neue HRE-Chef Axel Wieandt: Er genießt einen gewissen Vertrauensvorschuss auf Grund seiner bisherigen Erfahrungen und Verbindungen. Der ehemalige Konzernstratege der Deutschen Bank  gilt als kompetenter und führungsstarker "Retter aus gutem Haus" ("Süddeutsche Zeitung" vom 8. Oktober). Als enger Berater Josef Ackermanns war er einer der Initiatoren des Einstiegs der Deutschen Bank bei der Postbank.

Und ihm traut man zu, den Münchner Konzern neu auszurichten. Er "will offenbar ein neues, von der Finanzmisere der Vergangenheit unbelastetes Führungsteam zusammenstellen" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung" am 9. Oktober). Zwar hat Wieandt noch nie eine Bank geleitet, aber mit der Deutschen Bank und der Commerzbank  ist er persönlich und familiär engstens verbandelt. Und beide Institute waren an der Rettung der Hypo Real Estate beteiligt.

Dieser Wechsel im obersten Management der Hypo Real Estate ist seit Beginn des durch die überraschenden Liquiditätsengpässe ausgelösten Vertrauensverlustes das erste von den Medien positiv bewertete Ereignis.

Nachdem das durch die Medienberichterstattung vermittelte Vertrauen in die Hypo Real Estate innerhalb von nur acht Tagen stark gelitten hat, wird mit diesem Wechsel im obersten Management erstmals wieder ein Vertrauensfaktor positiv bewertet. Noch nicht die Fachkompetenz, aber zumindest die Problemlösungskompetenz des Konzerns wird erstmals wieder bestätigt und der Führungswechsel als erster richtiger Schritt gewertet, um das verlorene Vertrauen wiederzugewinnen und im doppelten Sinne wieder kreditwürdig zu werden. "Nur über die Rückgewinnung von Vertrauen in die Kernkompetenz des Unternehmens lässt sich mittelfristig das Problem der HRE lösen", so Forscher Bentele.

Lars Mende ist Medienanalyst und Consultant bei der PMG Presse-Monitor GmbH. Das Unternehmen untersucht die Vertrauensfaktoren, wie sie in den meinungsführenden Medien kommuniziert werden. Dabei kooperiert PMG mit den Kommunikationsmanagement-Experten Professor Günter Bentele und Professor Ansgar Zerfaß vom Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig.

Aktuelles CTI-Ranking - die Dax-Konzerne

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