Konjunktur Japan Die schwarze Welle

Japans Unternehmen sind in Schwierigkeiten. Ihre Exporte werfen weniger Gewinn ab, weil die Finanzkrise auch noch den Devisenmarkt durcheinander wirbelt. Die zweite Welle der Misere lässt die Japaner jetzt um die Zukunft ihrer Inselwirtschaft fürchten - und die Kurse an Tokios Börse auf das Niveau eines verlorenen Jahrzehnts sacken.
Von Karsten Stumm

Hamburg - Tokios Börse ist gefallen. In einer Nacht sank ihr Index  um mehr als 800 Punkte, um 9,6 Prozent, und damit irgendwie auch zurück in das taube Gefühl eines vergangenen Jahrzehnts: So tief wie heute, bei 7650 Nikkei-225-Punkten, stand Tokios bedeutendstes Börsenbarometer zuletzt an einem dieser düsteren Tage des Jahres 1982 - und deshalb hält Japan heute inne.

Es war die schwerste Wirtschaftskrise des Landes nach dem zweiten Weltkrieg. Jener Phase jahrelanger Stagnation, die Japans Zeitungen rückblickend das "verlorene Jahrzehnt" nennen. Die Zeit wankender Banken, sinkender Immobilienpreise, stagnierender Löhne. Und jetzt macht die globale Wirtschaftsschwäche den Tokioer Aktienmarkt zur Warnung der eigenen neuen Schwäche. Denn schlecht sind plötzlich auch mehr und mehr Wirtschaftsnachrichten aus der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt.

"Exporte in die Europäische Union und nach Amerika tendieren weiter abwärts, während sich nun auch der Handel mit Asien abschwächte", sagte Kyohei Morita von Barclays Capital .

Der Elektroriese Sony  beispielsweise, nach Umsatz gerechnet nur wenige Milliarden kleiner als die deutsche Industrieikone Siemens , hat seine Gewinnprognose gestern verglichen mit dem Vorjahr auf einen Schlag um fast 60 Prozent gesenkt. Zuvor musste schon Toshiba zerknirscht einräumen, in diesem Jahr wahrscheinlich fast 50 Prozent weniger Gewinn zu erzielen als ursprünglich angekündigt. Isuzu Motors kündigte bereits an, seine Gewinnplanung für dieses Jahr nicht einhalten zu können.

Prompt gerieten jetzt vor allem die Aktien jener Unternehmen in den Abwärtssog, die in der kommenden Woche ihre neuesten Geschäftszahlen präsentieren müssen: Canon  etwa, deren Titel zuletzt fast 13 Prozent ihres bisherigen Wertes verloren. Oder Kyocera  - minus 11 Prozent. Japans Paradeaktienindex Nikkei 225 hat so seit Jahresbeginn fast 50 Prozent seines Wertes verloren.

Panik auf dem Devisenmarkt

Panik auf dem Devisenmarkt

"Gründe sind die weltweite Wirtschaftsschwäche und ein Anstieg des Yen", sagte Sony-Vize Nobuyuki Oneda in Tokio. Und gerade Japans Devise legte zuletzt rasant an Wert zu: Der US-Dollar beispielsweise büßte gegenüber der japanischen Währung alleine gestern zwei Yen ein und ist jetzt nur noch etwa 95 Yen wert. Den Gewinnprognosen der meisten japanischen Unternehmen liegen Werte um 105 Yen zugrunde, schreiben die Experten der Deutschen Bank .

Der Euro wurde zudem auf dem Niveau von 122 Yen gehandelt nach 125 Yen am Vortag - und damit auf den niedrigsten Stand seit 2002, und senkt damit die Gewinne japanischer Firmen aus dem Auslandsgeschäft. "Das war jenseits unserer Vorstellungen", musste dann jetzt auch Sony-Finanzvorstand Nobuyuki Oneda einräumen.

"Das sind fast schon panikartige Reaktionen am Devisenmarkt", sagt auch Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank. Viele Anleger, so raunen Devisenhändler, stoppten derzeit ihre bisherige Investmentstrategie und versuchten sich so auf die aufziehende Wirtschaftskrise einzustellen. Kredite bei japanischen Banken, die dort zu den japanischen Niedrigzinsen aufgenommen und dann zu höheren Zinsen im Ausland angelegt worden seien, würden jetzt zurückgezahlt. "Diese sogenannten Carry-Trades werden jetzt abgewickelt, und das katapultiert den Yen nach oben", sagt Hellmeyer. Rund 30 Prozent hat sich die japanische Devise seit Anfang des Jahres verteuert. Gerade für die Exportnation Japan ist das eine schwere Bürde.

Wie die Wirtschaft der Bundesrepublik hängt der Wohlstand des Landes nicht zuletzt von seiner florierenden Exportwirtschaft ab. Japanische Produkte sind im Ausland gefragt, oft sind die Hersteller technologisch führend. Bringen Japans Auslandsverkäufe aber weniger Yen ein, leiden die Unternehmen wegen ihres hohen Exportanteils schnell darunter - und schwer. Gestern hat Japans Regierung bekannt gegeben, dass der Handelsüberschuss des Landes bis September um 86 Prozent im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen ist. Jetzt hat er das schwächste Niveau seit 26 Jahren erreicht.

"Das Problem wird größer und größer, und das Ende ist noch nicht in Sicht", sagt Senior Vice President Kunitomo Matsuoka des Elektrokonzerns NEC .

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