Autoindustrie Kein Stern mehr am Autohimmel

Die Autobauer in Europa gehen in die Knie, eine Gewinnwarnung folgt der nächsten. Die Aussichten sind schlicht düster. So mancher Analyst spricht bereits von einem "Katastrophenjahr 2009", das der Branche drohe. Auch Daimler werde davon nicht verschont.

Hamburg - Zufall oder nicht: Es ist kurz vor Zwölf als Daimler  den Märkten am Donnerstag die Gewinnwarnung präsentiert - bereits die zweite in diesem Jahr. Manche Beobachter haben damit gerechnet. Das Ausmaß der Prognosesenkung, die Schwäche der Kernmarke Mercedes und der unsicherere Ausblick enttäuschen die Investoren allerdings schwer. Neue Hiobsbotschaften aus der Branche reißen die Aktie am Freitag erneut in die Tiefe und mit ihr einen ganzen Sektor.

Keine Frage: Im Gegensatz zu manch anderem Hersteller arbeitet Daimler immer noch recht profitabel und verfügt mit rund zehn Milliarden Euro über ein stattliches Geldpolster. Doch in Zeiten drohender Rezession haben die Aktionäre ihre Hoffnung fahren gelassen, spielen Fragen einer vernünftigen Bewertung keine Rolle mehr. Die Angst ist einfach zu groß. Denn auch die zahlungskräftigeren Käufer knüpfen ihre Taschen verstärkt zu, lassen die in Anschaffung und Unterhalt kostenintensiven Wagen verstärkt links liegen.

Der Premiumhersteller Mercedes bekommt das schmerzhaft zu spüren: Obwohl der Konzern im Sommer Mitarbeiter in den Zwangsurlaub geschickt und Verträge nicht verlängert hat, produzieren die Stuttgarter zunehmend auf Halde: Allein im dritten Quartal beträgt die Überproduktion 27.000 Fahrzeuge, 82.000 sind es nach neun Monaten, wie Analyst Georg Stürzer von Unicredit erklärt. Damit zeichnen sich weitere Produktionskürzungen über das bereits angekündigte Maß hinaus ab.

Die Absatz- und Ertragsschwäche der einstigen Ertragsperle Mercedes-Benz Cars (Mercedes, Smart, Maybach) ist in der Tat erschreckend. Das operative Ergebnis der Sparte bricht im dritten Quartal auf 112 Millionen Euro ein, die Rendite tendiert mit knapp 0,5 Prozent gen Null-Linie. Für Daimler schlägt die Uhr kurz vor Zwölf, daran lässt Konzernchef Dieter Zetsche trotz des verbreiteten Zweckoptimismus keinen Zweifel. Eine Erholung auf den weltweiten Pkw-Märkten sei nicht in Sicht, sagt er Analysten. Und in einem Brief an die Mitarbeiter appelliert er an deren "Kampfgeist und Durchhaltevermögen".

Dritte Gewinnwarnung in diesem Jahr nicht auszuschließen

Dabei hat das Management das vierte Quartal bereits abgehakt - zumindest für die Pkw-Sparte. Wie anders lässt sich eine auf 2,5 Milliarden Euro gesenkte Jahresprognose interpretieren, wenn schon das Ergebnis nach neun Monaten 2,47 Milliarden Euro beträgt? "Die Autoverkäufe sind eingebrochen und die Entwicklung verschärft sich von Monat zu Monat", warnt Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler.

An die auf sechs Milliarden Euro herabgesetzte Prognose für den gesamten Konzern glauben die Analysten nicht mehr. Dafür habe das Management einfach zu viele Sonderfaktoren herausgerechnet. So zum Beispiel schätzt Mercedes die Restwerte seiner Leasingfahrzeuge rund 450 Millionen Euro niedriger ein, berücksichtigt diesen Faktor in der Konzernprognose allerdings nicht.

"Bei den Restwerten legt man endlich die Karten auf den Tisch, lässt sie in der Prognose aber außen vor. Das ist nicht stimmig", kritisiert Analyst Frank Schwope von der NordLB. Er schätzt das operative Ergebnis des Daimler-Konzerns am Jahresende auf 5,5 bis 5,7 Milliarden Euro. Das ist weit, weit weg von jenen 7,7 Milliarden Euro, mit denen Daimler  bis zur ersten Gewinnwarnung in diesem Sommer noch gerechnet hatte. "Wir werden voraussichtlich ein Jahresergebnis von unter fünf Milliarden Euro sehen", sagt gar Pieper vom Bankhaus Metzler.

Das Management selbst räumt ein, dass die neue Prognose mit "erheblichen Unsicherheiten verbunden" ist. Das riecht geradezu nach einer dritten Gewinnwarnung in diesem Jahr. Verwundern dürfte das die Anleger jedenfalls nicht.

"Autokonjunktur macht komplett die Grätsche"

"Autokonjunktur macht derzeit komplett die Grätsche"

Daimler befindet sich mit seinem Profit-Warning indes in "bester" Gesellschaft. Auch die Volumenhersteller Renault , Peugeot  und Fiat  haben in dieser Woche vor einbrechenden Gewinnen sowie niedrigeren Margen in diesem und im kommenden Jahr gewarnt. Peugeot plant Produktionskürzungen, heißt es am Freitag. Renault will ab kommender Woche alle französischen Fabriken für mindestens zwei Wochen schließen. Ohnehin hat Renault angekündigt, 6000 Stellen in Europa zu streichen. "Die Autokonjunktur macht derzeit einfach komplett die Grätsche", sagt Analyst Arndt Ellinghorst von Credit Suisse.

Die Hersteller aber auch so mancher Experte blicken bereits mit größter Sorge auf das kommende Jahr. Renault geht davon aus, dass der europäische Automarkt in 2009 um 8 Prozent sinken wird. Fiat erwartet, dass der italienische Autobauer im schlimmsten Fall bis zu 20 Prozent weniger Fahrzeuge verkaufen wird.

"Wenn sich das jetzt angedeutete Umfeld bewahrheitet, könnte 2009 zu einem Katastrophenjahr für die Autoindustrie werden", sagt Analyst Pieper. Seit dem Zweiten Weltkrieg habe die Branche allenfalls 'mal einen Rückgang von "knapp 5 Prozent" in einem Jahr verkraften müssen. Einen Rückschlag in diesem Ausmaß könnten die europäischen Autobauer im kommenden Jahr vermutlich noch verdauen. Sollten die Verkäufe aber um 10 Prozent fallen, schließt der Experte nicht aus, dass BMW , Renault  und Peugeot  im kommenden Jahr in die Verlustzone fallen werden.

Im schlimmsten Fall rutscht Daimler 2009 in die Verlustzone

Und auch beim Autobauer Daimler werden die Gewinne in 2009 "weiter stark abschmelzen", ist der Experte überzeugt. Pieper hält dabei einen operativen Gewinn von rund drei Milliarden Euro durchaus für realistisch. Das wäre gerade einmal die Hälfte des voraussichtlichen Gewinns in diesem Jahr. Im schlimmsten Fall wie von Fiat prognostiziert - also bei einem Verkaufsrückgang von bis zu 20 Prozent - werde aber auch der Stuttgarter Premiumhersteller in die Verlustzone rutschen. "Das ist sicherlich ein Worst-Case-Szenario, aber nicht gänzlich auszuschließen", sagt der Analyst.

Daimler selbst lehnt eine Prognose für das Jahr 2009 ab. Unklar ist auch, wie das Management auf die sich extrem verschärfende Autokonjunktur reagieren will. Klar ist, mit Kampf, Durchhalteparolen und verlängerten Werksferien allein wird einem weiteren Absatz- und Ergebniseinbruch nicht zu begegnen sein.

Weiteren Personalabbau im kommenden Jahr auf freiwilliger Basis schließt selbst Daimler-Betriebsratschef Erich Klemm nicht aus. An der Bestandsgarantie der Jobs bis 2012 werde aber nicht gerüttelt, warnt er am Freitag. Manche Beobachter bezweifeln hingegen, ob Daimler sich einen Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen überhaupt noch leisten kann.

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